USA, Bildende Kunst, 1976

Dorothy
Iannone

Dorothy Iannone (geb. 1933 in Boston, Massachusetts, gest. 2022 in Berlin) lebte und arbeitete in Berlin, seit sie 1976 ihr Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des DAAD (BKP) antrat. Als Autodidaktin begann sie 1959 im Stil des Abstrakten Expressionismus zu malen, bevor sie zu ihren, durch viele Reisen inspirierten, ornamentalen All-Over-Strukturen fand. Eine Islandreise 1967, auf der sie die Fluxus-Künstler Emmett Williams und Dieter Roth kennenlernte, veränderte ihr Leben – Iannone verließ ihr privilegiertes Leben in New York, um mit Roth in Reykjavik, Basel, London und Düsseldorf zu leben. Diese tiefe künstlerische wie persönliche Verbindung, Alltag und Sex mit ihrer „Muse“ Dieter Roth wurden zum Hauptthema ihrer Arbeit – exemplarisch stehen hierfür ihre intimen Dialogues (1967–68). Auch nach der Trennung von Roth 1974 setzte sie ihre Text und Bild verbindenden Storyboards fort, etwa in dem in Berlin entstandenen Künstlerbuch The Berlin Beauties (1977–78), einem illustrierten Liebesgedicht.

In den wenigen explizit Künstlerinnen gewidmeten Ausstellungen der 1970er und 1980er Jahre – etwa Künstlerinnen International 1877–1977 an der NGbK in Westberlin 1977 – fehlt Iannone auffallend. Die fröhlich-sinnliche Figuration ihrer Gemälde und Collagen passte nicht in die herrschenden Kategorien ihrer Zeit und wurde oft als folkloristisch, naiv oder nicht feministisch genug abgetan – und das obwohl, oder vielleicht gerade weil sie eine befreite weibliche Sexualität darstellten. In Zusammenarbeit mit dem BKP hatte Iannone Einzelausstellungen im Haus am Lützowplatz (1978), hierzu erschien das Künstlerbuch Follow Me mit einer von ihrer besungenen Schallplatte, und in der ARS VIVA! Galerie (1982), zu der das Künstlerbuch Censorship And The Irrepressible Drive Toward Love And Divinity über ihre Erfahrungen mit Zensur erschien. Wie bei vielen Künstlerinnenkarrieren wurde Iannones Werk erst spät von jüngeren KuratorInnen und Galerien „wiederentdeckt“, insbesondere seit ihrer Teilnahme an der 4. Berlin Biennale 2006. Neben ihrem scharfen, selbstreflexiven Humor zeichnet sich ihre Arbeit durch eine ungeniert sinnliche Schönheit aus. Obwohl auf fast jedem Bild männliche und weibliche Geschlechtsteile zu sehen sind – wobei die überprallen Schamlippen augenzwinkernd an „big balls“ erinnern – und viele von ihnen Cunnilingus, Fellatio und Geschlechtsverkehr in verschiedenen Positionen zeigen, sind die Darstellungen so stark stilisiert, dass sie jede Vorstellung von Pornografie transzendieren.

1997 widmete die NGbK Iannone eine Einzelausstellung, 2009 zeigte sie ihre Serie Movie People am New Museum, New York, und 2013 hatte sie Ausstellungen am Camden Arts Centre, London, und Palais de Tokyo, Paris. 2014 wurde ihr von der Berlinischen Galerie eine bahnbrechende Retrospektive ausgerichtet – darunter Videos, Filme, Objekte und „Gesangsboxen“ aus den 1970er Jahren, viele KünstlerInnenbücher und großformatige Leinwände wie The Next Great Moment In History Is Ours (1970) –, die ihre Intermedialität betonten. Mit der radikalen Subjektivität, mit der sie Kunst und Leben bedingungslos und untrennbar darstellte, ist Dorothy Iannone gerade heute wieder für jüngere Generationen aktuell.

Text: Eva Scharrer

Demnächst

Verknüpfte Archivmaterialen

Was ist wann? 7. Kulturinformation aus Berlin vom 1.9.76-31.11.76

Was ist wann? 7. Kulturinformation aus Berlin vom 1.9.76-31.11.76

El Sharouni, Youssef
Graham, Dan
Hamburger, Michael
Iannone, Dorothy
Mikkawy, Abdel-Ghaffar Hassan
Kawara, On
1976 Text: Drucksache
Dorothy Iannone. Follow me

Dorothy Iannone. Follow me

Iannone, Dorothy 1978 Text: Drucksache
TAG/ TRAUMUNTITLED

TAG/ TRAUMUNTITLED

Armando
Cha, Ouhi
Dias, Antonio
Mayer Harrison, Helen
Harrison, Newton
Iannone, Dorothy
Knížák, Milan
Kolíbal, Stanislav
Rickey, George
Trasov, Vincent
Wasko, Ryszard
Williams, Emmett
1988 AV: Video
zum Seitenanfang