Chile, Literatur, 2026

Carlos
Soto Román

„What three things can never be done? Forget. Keep silent. Stand alone.“ – Diese Worte aus dem dokumentarischen Gedichtzyklus Book of the Dead der US-amerikanischen Dichterin und Aktivistin Muriel Rukeyser (1913–1980) sind für Carlos Soto Román nach eigenem Bekunden eine mögliche Antwort auf die Frage, was Literatur in Zeiten von Kriegen leisten kann. Eine Erinnerung also daran, nicht wegzusehen, nicht zu schweigen und sich nicht abzukapseln gegenüber dem Leiden der Anderen. Man darf das Zitat als eine Art Signatur lesen, die uns zu den wichtigsten Aspekten im Werk des 1977 im chilenischen Valparaíso geborenen Dichters und Übersetzers geleiten kann: die Arbeit am kulturellen Gedächtnis durch poetische Neuordnung von Archivmaterialien; ein dezidiert politisches Verständnis von Poesie als künstlerische Intervention in gesellschaftlichen Prozessen; eine poetische Praxis, die sich als kollaborativ, dialogisch und interdisziplinär versteht und verschiedenste Formen der Öffentlichkeit jenseits des Buches aufsucht, beispielsweise in Plakataktionen oder den performativen Musikgruppen Radio Magallanes und Sonora Guantánamo.  

Seit seiner ersten Veröffentlichung La Marcha de los Quiltros (Der Marsch der Straßenköter, 1999) agiert Carlos Soto Román, von Beruf pharmazeutischer Biochemiker, an der Schnittstelle von konkreter Poesie, konzeptueller Dichtkunst und dokumentarischer Literatur. In zahlreichen Publikationen auf Spanisch und Englisch untersucht er Mechanismen staatlicher Gewalt, amalgamiert dabei auch Erfahrungen aus seinen Jahren in den USA, die er unter anderem in Philadelphia, an der Jack Kerouac School of Disembodied Poetics (Naropa University) und in der renommierten MacDowell Colony sammelte. Und dies nicht nur als Dichter, sondern auch als Übersetzer. So legte er die erste spanische Übersetzung von Charles Reznikoffs Gedichtband Holocaust vor, der auf Zeugenaussagen aus den Nürnberger Prozessen basiert.  

Ein zentrales Thema von Soto Román ist die Geschichte der chilenischen Diktatur in ihrem geopolitischen Ausmaß. Für Chile Project: [Re-Classified] (2013) reproduziert und retuschiert er freigegebenes Aktenmaterial der US-Geheimdienste zur Rolle der US-Regierung bei den Putsch-Vorgängen. Indem Soto Román die stark zensierten Seiten mit weiteren Auslöschungen manipuliert, überführt er das dokumentarische Material als visuelle Poeme oder lyrische Schraffuren in ein literarisches System – eine Übersetzung, die das Zensurgefüge archivalischer Gesten zugleich kommentiert und bloßstellt.  

Auch das beeindruckende Werk 11 (2017), dessen Titel sich auf den Putsch vom 11. September 1973 bezieht, knüpft an dokumentarische Verfahren an. Wegweisend für Soto Román waren hier die Arbeiten des österreichischen Autors und Fotografen Heimrad Bäcker, der in nachschrift (1986) durch Montagetechniken die Sprache nationalsozialistischer Vernichtungswut als „Verwaltungs-Gewaltakt“ und als „Sprache radikaler Vertauschung“ demaskiert. Soto Románs Texte collagieren Dokumente mit den Stimmen von Tätern und Opfern und artikulieren zuallererst die Frage nach der Darstellbarkeit vergangenen Unrechts, wie es sich in Akten durch Zensur, Verbergung und Lücken manifestiert. Zugleich reflektiert der Band 11 – und mithin jedes seiner Werke, auch das kürzlich in deutscher Übersetzung erschienene Antuco (übersetzt von Timo Berger, Parasitenpresse 2025) – das materielle und immaterielle Nachleben von Dokumenten, und fragt danach, wie Poesie zur kritischen Aktivierung kultureller Erinnerung beitragen kann.  

Mit anderen Worten, Carlos Soto Románs künstlerisches Schaffen entwirft eine dokumentarische Poesie der Zukunft, nicht der Vergangenheit. Ganz im Sinne von Rukeysers Feststellung „poetry extends the document“ erweitert er durch die Reaktivierung von Archiven unsere Vorstellung von beidem: Poesie und Erinnerung. Darin liegt die bemerkenswerte Aktualität und Faszination seines Werks begründet. 

Uljana Wolf 

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