Spanien, Bildende Künste, 2025, in Berlin
Alejandra
Pombo Su
Angesichts des vorherrschenden Verständnisses von Sein und Identität vertrat Spinoza die Auffassung, dass der Körper aus den Relationen von Bewegung und Ruhe, von Langsamkeit und Geschwindigkeit zwischen den Teilchen besteht. Es sind also nicht Form und Funktion, sondern Prozesse, die verschiedene Körper definieren. Körper, Dinge und sogar Bilder können wie etwas aussehen, sind es aber nicht. Diese Argumentationslinie läuft darauf hinaus, dass Bedeutung beziehungsweise Sinnzuweisung als eine Art Schutz gegen die Unbeständigkeit dieser endlosen Prozesse dienen und dass eine Interpretation, in welchem Grad der Kenntnis oder Betroffenheit auch immer, Bewegungen und Ruhe, Langsamkeit und Geschwindigkeit zum Stillstand bringt.
Die galizische Künstlerin Alejandra Pombo Su bricht die Spannungen auf zwischen der Versuchung einer Interpretation – und damit einer Konsolidierung von Form und Funktion – und der Art und Weise, wie ein Kunstwerk jene Prozesse anstoßen kann, die das Werden betonen und nicht das Wissen. Dabei gilt es jedoch, sich bewusst zu machen, dass das Werden etwas völlig anderes ist als wahrscheinliche und bestimmbare Transformationsprozesse und stattdessen eine von der Künstlerin, dem Kunstwerk und den Betrachter*innen abhängige Bedeutung hervorbringt. Obwohl Pombo Sus Werk figurativ, unabhängig vom Ausdruck und oft symbolisch aufgeladen ist, sind die darin häufig wiederkehrenden Elemente keine Bedeutungsträger, sondern vielmehr Vorboten, Portale für die Auseinandersetzung mit Reibungen zwischen bewegten und ruhenden, langsamen und schnellen Teilchen.
Pombo Su, die in künstlerischer Forschung promoviert hat, bewegt sich in ihrer Praxis zwischen Performance, Poesie, Video, Skulptur und Zeichnung. Die verschiedenen Formate scheint sie dabei als Widerstände zu nutzen, die sie davor bewahren sich festzulegen. Hervorstechende Formate zu nutzen, dient ihr offenbar als Strategie, dynamisch zu bleiben, insbesondere in Kombination mit Technologien der Wiederholung, Serialität und einer umfangreichen Produktion. Die exzessive Vervielfältigung, vor allem von Skulpturen und Zeichnungen, verstärkt die Spannung zwischen dem, wie etwas aussieht, und den Prozessen, für die eine Skulptur oder Zeichnung sich öffnet. Die schiere Menge an Zeichnungen macht es gewissermaßen unmöglich, eine einzelne Skizze als spezifischen zielgerichteten Vorschlag zu betrachten, und verdeutlicht, dass sie vielmehr als Ausgangspunkt oder Szenario für die eigenen Geschichten der Betrachtenden zu verstehen ist. Obwohl Pombo Su immer wieder komplizierte Strategien zum Einsatz bringt, um sich der Wiedererkennbarkeit zu entziehen, gibt es doch Charakteristika in ihren unterschiedlichen Arbeiten, die sich zwar schwer identifizieren und benennen lassen, aber durch affektive Dynamiken präsent sind. Und zwar in dem Sinne affektiv, dass die Arbeiten, unabhängig vom Ausdruck, die Fähigkeit der Betrachtenden steigern, auf die Welt einzuwirken. Dies geschieht nie durch Empowerment, durch Ermächtigung, sondern zu deren je eigene Bedingungen – deren sie sich möglicherweise nicht einmal bewusst sind.
In typischer Pombo-Su-Manier stellen ihre stimmbasierten Soloperformances tiefliegende Verbindungen zu ihrer zeichnerischen und skulpturalen Praxis her, nur um sich gleichzeitig davon abzugrenzen. Ohne sich gegenseitig zu illustrieren oder zu ergänzen, fungieren die verschiedenen Medien als Stützpfeiler eines gemeinsamen Ökosystems, in das sich die Zuschauer*innen/Betrachter*innen eingliedern. Innerhalb dieses lebendigen Milieus – womit Umfeld und Medium gemeint sind – verwandeln sich Pombo Sus Kunstwerke eher in Konzepte, und weniger in Bilder oder Inszenierungen. Sie werden zu geschmeidigen Maschinen, die Unbestimmtheit erzeugen und dabei in sich selbst unbestimmt bleiben.
Vielleicht ist es die zentrale Rolle des Affekts, die Alejandra Pombo Sus Werk gleichzeitig vertraut und zutiefst einzigartig macht, zeitgenössisch und doch in Kontakt mit etwas Altertümlichem, stark politisch und doch eine Einladung zu unendlich vielen verschiedenen Assoziationen, direkt und ungefiltert und doch auf eine Weise rätselhaft, die es den Betrachtenden ermöglicht, gewohnte Denkweisen, Reflexionen und Wertschätzungen zu vergessen.
Text: Mårten Spångberg
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger