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Mit der Ausstellung in der daadgalerie, seiner ersten Präsentation in Berlin, lenkt Ibrahim Mahama den Blick auf die materiellen Spuren der Geschichte, und konfrontiert die vermeintliche Linearität der Geschichtsschreibung mit einem komplexen Ensemble an historischen Quellen und geopolitischen Hintergründen.
Dokumente parlamentarischer Debatten, Fotografien aus dem Archiv der ghanaischen Eisenbahn, Schulhefte und Lehrbücher aus öffentlichen Schulen sowie Geschäftsberichte der Bank of Ghana werden temporär in einem subjektiv zusammengestellten Archiv in stark abgenutzten Schulschränken präsentiert, die noch vor kurzem in Gebrauch waren und von Mahama im Tausch gegen neu gebaute Schränke erworben wurden.
Den Ausstellungsbesuchern wird ein aktiver Zugang zum Archivmaterial ermöglicht; über ausliegende Listen können Dokumente ausgewählt und eingesehen werden.

Der zweite und umfangreichste Teil der Ausstellung ist eine Installation, die Materialien unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen geographischen Kontexten – „die überlebenden Zeugen der Zusammenbrüche des 20. Jahrhunderts“–
zusammengebringt: auf einem Schrottplatz in Athen gefundene Krankenbahren, mit denen verwundete Soldaten im Zweiten Weltkrieg transportiert wurden und die später als Filmrequisiten dienten, treffen auf eigens für die Ausstellung hergestellte Pendants dieser Bahren. In einer Drechslerei im Erzgebirge produzierte Holzgriffe wurden hierfür patiniert und mit gebrauchten Heimtextilien bespannt, die an der afrikanischen Westküste in der Fischräucherei Verwendung fanden und die durch jahrelangen Gebrauch geschwärzt und von einem intensiven Geruch durchdrungen sind, der die Wahrnehmung der Objekte um das Olfaktorische erweitert.

Das im Material der historischen Bahren eingeschriebene Trauma der Kriegserfahrung wird auch durch die in den Titel integrierten Jahreszahlen, 1918-1945 angedeutet. Wie schon in früheren Arbeiten, erweitert Mahama die Produktionsdaten seiner Arbeit, hier 2015-2018, zu einem größeren zeitlichen Zusammenhang, in den Referenzdaten relevanter Inhalte und Objekte einfließen. Die Zeit vor und nach der Unabhängigkeit Ghanas (1957) sowie dessen historische und aktuelle globale Vernetzungen, über Rohstoffe, Handelswege oder den Ausbau des Eisenbahnnetzes, werden in der Ausstellung thematisiert. So sind beispielsweise auch Überreste deutscher und britischer Eisenbahnwaggons, die in beiden Weltkriegen für den Mangantransport zur Stahl- und Waffenproduktion eingesetzt wurden,
in der Installation verarbeitet.
Mahama interessieren Gegenstände und Materialien am Ende der Nutzungskette, die erschöpften Relikte ehemals funktionaler Objekte, die er transformiert und in neue Kontexte überführt. Dieser „Querschnitt durch das Gerippe der Geschichte“ vereint eine Vielzahl von kollektiven und individuellen Erfahrungen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen.



Ibrahim Mahama (*1987 in Tamale, Ghana, lebt und arbeitet in Tamale, Kumasi und Accra) ist einem breiteren Publikum vor allem durch seine Arbeit auf der Venedig-Biennale von 2015 (die Verhüllung eines langen Außenkorridors auf dem Arsenale-Gelände), als auch durch seine beiden Beiträge für die documenta 14 – ein riesiger Teppich aus Jutesäcken auf dem Syntagma-Platz in Athen und die Verhüllung der Torwachenhäuser in Kassel bekannt. Seit Mai 2017 ist er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Anfang 2018 entwickelte er die Arbeit On Monumental Silences für Extra City in Antwerpen. Derzeit ist er mit einer großen Installation im ehemaligen Fischmarkt von Valletta (Malta) im Rahmen der Ausstellung Dal-Bahar Madwarna anläßlich von Valletta 2018, Kulturhauptstadt Europas 2018 vertreten. Anfang Mai eröffnet seine Ausstellung Coal Market im Schloß Strünkede in Herne.

Fotos: Jens Ziehe, Ibrahim Mahama


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