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Ausstellung zum Projekt "Re-inventing Smetak" im Rahmen von MaerzMusik - Festival für Zeitfragen
Die Ausstellung spiegelt das vielseitige Schaffen von Walter Smetak. Ausgestellt werden eine Auswahl der kunstvollen ›Plásticas Sonoras‹, in den 1960er und 1970er Jahren von Walter Smetak neu erfundenen Instrumenten, sowie Originaldokumente aus verschiedenen Archiven: Schriften, Filme, grafische Partituren, konkrete Poesie, und Fotos, die einen Einblick in die vielschichtige Philosophie Smetaks geben.

kuratiert von Julia Gerlach (Berliner Künstlerprogramm des DAAD)
Beratung: Marco Scarassatti (UFMG, Belo Horizonte)

Eintritt frei


Ein Projekt von Berliner Künstlerprogramm des DAAD und Ensemble Modern in Kooperation mit dem Goethe-Institut. Ermöglicht durch die Kulturstiftung des Bundes. Unterstützt durch die Ernst von Siemens Musikstiftung, die Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung, das Auswärtige Amt und die Freunde des Ensemble Modern e.V.

Fotos: Albrecht Hotz


Zur Ausstellung „Smetak’s Inventions“

Die Ausstellung »Smetak’s Inventions« spiegelt das vielseitige Schaffen von Walter Smetak. Ausgestellt werden eine Auswahl der kunstvollen »Plásticas Sonoras«, in den 1960er und 1970er Jahren von Walter Smetak neu erfundenen Instrumenten, sowie Dokumente aus verschiedenen Archiven: Schriften, Filme, Musik-Aufnahmen, grafische Partituren, konkrete Poesie, Fotos und Dias sowie Briefwechsel, die einen Einblick in die vielschichtige Philosophie Smetaks und seine Rezeption in Berlin geben. Die Ausstellung möchte insbesondere eine Ahnung vermitteln von Walter Smetaks
assoziativem Geist, der all sein Schaffen im Inneren vernetzt und seiner beeindruckenden, kreativen und an Transformation interessierten Persönlichkeit. Die Ausstellung »Smetak’s Inventions« ist die erste Einzelausstellung zu Walter Smetak in Europa. Sie ist Teil des deutsch-brasilianischen Projektes »Re-inventing Smetak« von Berliner Künstlerprogramm des DAAD, Ensemble Modern und Goethe-Institut und wird im Rahmen von MaerzMusik — Festival für Zeitfragen präsentiert.
»Re-inventing Smetak« ist das Ergebnis einer eingehenden Beschäftigung von vier Komponisten mit der synkretischen Welt des Musikerfinders und Grenzgängers Walter Smetak. Die dabei entstandenen Auftragskompositionen von Paulo Rios Filho, Arthur Kampela, Liza Lim und Daniel Moreira werden in Konzerten in Deutschland und Brasilien von den Musikern des Ensemble Modern unter Verwendung von Smetak-Instrumenten aufgeführt.

Während Walter Smetak in Europa nur wenigen bekannt ist und seine Musik und seine Instrumente nur punktuell zu hören waren, gehörte er in Brasilien zu den wichtigen Figuren einer Gegenkultur und einer stark interdisziplinär denkenden und arbeitenden Künstlergemeinschaft in Salvador de Bahia. Trotz seiner unbestrittenen Bedeutung in Brasilien und namhafter Fürsprecher (z.B. Gilberto Gil) ist vieles seines Originalmaterials noch immer unerschlossen und unzugänglich, obwohl sich die Familie Smetak und Einzelpersonen, gelegentlich unterstützt durch den brasilianischen Staat, immer wieder mit viel persönlichem Engagement für den Erhalt und die Veröffentlichung des Materials einsetzten. Beispielsweise digitalisierten der schweizer Komponist Thomas Kessler und der Brasilianer Sérgio Freire 2002 zahlreiche Tonbänder mit unveröffentlichten Aufnahmen von Konzerten, Proben oder Experimenten, und retteten so die Aufnahmen vor dem Verfall. Ähnlich verhält es sich mit den zahlreichen Schriften, in denen Walter Smetak unterschiedliche Themen theoretisch verhandelte, und vielen eher schriftstellerischen Texten, Gedichten sowie Zeichnungen. Der portugiesisch lesenden Öffentlichkeit sind nur zwei der Originalschriften zugänglich: die 2001 von Walter Lima mit vielen Archivfotos und neuen Abbildungen der Plásticas Sonoras herausgegebenen Originalschrift von 1980 Simbologia dos instrumentos und die 1982 veröffentlichte Schrift Smetaks O Retorno ao Futuro (ao espírito) (Rückkehr in die Zukunft (zum Geist)). Die Simbologia dos instrumentos wurde zwar 2001 auch ins Englische übersetzt, aber noch nicht veröffentlicht — eine zusätzliche Erschwernis für die internationale Rezeption von Smetaks Denken und Musik.
In Brasilien hat es im 20. Jahrhundert verschiedentlich, z.T. sehr umfangreiche Ausstellungen, Konzerte, Konzertreihen und Forschungsarbeiten zu Walter Smetak gegeben, die seine Arbeit, sein Denken und seine Musik präsentieren, kontextualisieren und reflektieren und auch auf die Folgen seiner Arbeit für die brasilianische Musik und eine jüngere Generation von Musikern und Klangkünstlern in Brasilien hinweisen. Erwähnt seien hier beispielhaft die Ausstellung »Tropicalia Régua e compasso« in Salvador 2016/2017, die von Artur Lindsay kuratierte Ausstellung »Smetak Imprevisto« 2007, das von Livio Tragtenberg kuratierte Festival »Smetrack« 2015 in Sao Paulo, die Forschungsarbeit von Tuzé de Abreu und das Buch O alquimista dos sons des Komponisten und Smetak-Forschers Marco Scarassatti, der diese Ausstellungen mit zahlreichen Texten und detailliertem Wissen beratend unterstützt hat. Dennoch gilt auch für Brasilien, dass insbesondere die Gesamtsicht auf Smetaks Schaffen noch fehlt.

Zweifelsohne stellen die »Plásticas Sonoras« das faszinierende Kernstück von Smetaks Wirken dar: Jede Klangplastik, jedes Instrument ist ein Unikat mit besonderen Elementen, besonderen klanglichen Eigenschaften und besonderem symbolischem Gehalt und Charakter. Die Materialien, aus denen Smetak die Klangplastiken baute, waren einfach, gefunden, gebraucht oder typisch für die bahianischen Region wie die Kalebassen, die Smetak als Resonatoren für fast alle Instrumententypen verwendete. Giuliano Obici hat zur Beschreibung dieses improvisatorischen Zusammenfügens von Klaviersaiten, Eisenspiralen, Schläuchen, Kalebassen, Gummihandschuhen, für dieses intuitive, teilweise spielerisch anmutende Kreieren von Formen und Figuren passend den unübersetzbaren brasilianischen Begriff Gambiarra verwendet. Smetak tauchte nach seiner Übersiedelung nach Salvador 1957 in die kulturell vermischte, lebendige Welt Bahias ein und begann eine äußerst kreative Lebensphase, in der er diese unterschiedlichen Einflüsse und kulturellen Elemente integrierte, baute, schrieb, zeichnete und musizierte. Seine Klangskulpturen zeigen daher ebenso wie seine Schriften Rückbindungen zu unterschiedlichen Kulturen, der indigenen brasilianischen ebenso wie der indischen oder afrikanischen oder europäischen, die er aber mit Zeitgenössischkeit, mit aktuellen Ideen verband: Zurück in die Zukunft.
Man erkennt an den Kalebassen, dem Einsatz von Styropor und elektronischen Elementen bei vielen seiner Instrumente auch Smetaks Interesse an Akustik und Resonanz, an neuen, elektronischen Klängen und Kinetik. Zudem zeigt sich in der konkreten Erfindung von Stimmungen der Instrumente seine Abkehr von existierenden Ordnungen, der Wille zu Erneuerung und Transformation. Seine aeolischen mikrotonalen Gitarren basieren etwa auf der Idee einer mikrotonalen Stimmung aller 6 Saiten innerhalb eines Halbtons, wobei die Gitarren in der Summe den gesamten Oktavraum ausfüllen. Die Musikgruppe, mit der Smetak über einige Jahre Ende der 1970er Jahre zusammenarbeitete, hieß folgerichtig »Conjunto de Microtons«. Das Modell von Kollektivität findet sich sowohl in seiner Improvisationspraxis als auch konkret in einigen seiner Instrumente: besonders in den beiden kollektiven Blasinstrumenten Pindorama und A grande virgem, die von mehreren Personen gleichzeitig bespielt werden sollten. Die Vina ist sein Hauptinstrument. Es beinhaltet Gambiarra, Symbolik, Orient und Okzident, ist ein elektronisch verstärktes Multi-Saiten- Instrument, fast schon kollektiv, und soll wie von einem Priester gespielt werden — abgekehrt vom Publikum. In der Komplexität der Ebenen, die in diesem Instrument zusammenlaufen, drückt sich die Bündelung musikalischer Imagination aus, die Marco Scarassatti veranlasste, von den Instrumenten als Kompositionen zu sprechen.
Die Ausstellung widmet sich neben den eindrucksvollen »Plásticas Sonoras«, die zahlreiche Assoziationen zu anderen Instrumentenerfindern und Klangskulpteuren (von Partch über Baschet und Tingeluey zu Bastien, Eizirik oder Lanza) auslösen, drei zentralen Themen in Smetaks Schaffen: der Symbolik der Instrumente, die in Verbindung zur Eubiose steht, und die neben Ausschnitten aus der zentralen Schrift Simbologia dos Instrumentos insbesondere in der als Partitur ausgestellten Komposition »M 2005« hervortritt, in der die Smetak-Instrumente eine prominente Rolle spielen und gestische Notationsweisen erprobt werden. Das Projeto do Estudio Ovo, das Projekt eines eiförmigen Ton- und Hörstudios, vereint viele seiner klanglichen und akustischen Visionen und sein Interesse an Resonanzen, Mikrofonierung, Verstärkung, Mikrotonalität und Raum, auch hörbar in einigen seiner experimentellen Tonaufnahmen (Simquenao). Und schließlich beschreibt der Begriff Caossonância, der in Smetaks Ideenwelt zentral ist, einen kosmischen Zustand, der Konsonanz und Chaos übergeordnet ist, einen meta-akustischer Zustand, in dem sich Licht in Klang verwandelt.

Zur Darstellung dieser Themen konnten Reproduktionen von Originaldokumenten und unveröffentlichte Ton-Aufnahmen zusammengestellt werden. Außerdem können einige Abschnitte der englischen Übersetzung der Simbologia zugänglich gemacht werden, ergänzt von einigen neuen Übersetzungen von Schriftstücken und bereits existierenden deutschen Texten zu Smetak. Einige der Filme, die zu Smetaks Lebzeiten realisiert wurden sowie seine beiden Schallplatten/CDs ergänzen als veröffentlichte Medien das Tableau. Und schließlich enthält die Ausstellung noch auf der Ebene des Kommentars Skizzen- und Partiturmaterial der vier Komponisten des »Re-inventing Smetak« Projektes, die bestimmte Aspekte von Smetaks Denken aufgreifen, verdeutlichen und in die eigene Sprache übersetzen. Die Ausstellung stellt eine Verbindung her zu Smetaks Gastaufenthalt 1982 beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD und seiner Beteiligung am Festival der Weltkulturen »Horizonte 82«. Die Rezeption in Berlin findet seinen Niederschlag in einer Vielzahl der ausgestellten Dokumente. Bereits 1982 wurde vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD anlässlich des Gastaufenthaltes Walter Smetaks und seiner Beteiligung an »Horizonte 82« vom damaligen Leiter des Künstlerprogramms Wieland Schmied und der Leiterin Musik Helga Retzer erwogen, Schriften zu übersetzen und zugänglich zu machen, eine umfassende Ausstellung zu präsentieren und generell 40 der Klangplastiken dauerhaft nach Berlin ans Musikinstrumentenmuseum zu holen. Zahlreiche Hinterlassenschaften im Archiv des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, kopierte Originalschriften, Fotos und Dias, ein wunderbar zu lesendes ausführliches deutsches Interview mit Walter Smetak, zeugen von der bereits begonnenen Vorbereitung. Dieser Plan wurde aber, möglicherweise gebremst von der Einschätzung eines Übersetzers (siehe 69), oder auch durch die Probleme eines Lottoantrags (siehe 63/64) und die Einsicht Smetaks, dass die Instrumente doch nach Salvador de Bahia gehören (siehe 65–67), möglicherweise auch schlicht durch die transatlantische kulturelle und räumliche Distanz und damit auch reale Kosten, letztlich nicht umgesetzt. Dabei war damals allen, die Smetak und seinen Ideen begegneten, klar, dass Walter Smetak eine »außerordentliche Persönlichkeit und [ein] spektakuläres Genie sowohl im Gebiet der Musik als auch der bildenden Kunst war«. [Wieland Schmied, 1982]

Das in dieser Ausstellung zusammengetragene Material stellt einerseits das Recherchematerial des Projektes »Re-inventing Smetak« dar, das Musikern des Ensemble Modern und die vier mit neuen Werken beauftragten Komponisten als Basis für ihre kompositorische und musikalische Arbeit diente. Andererseits ist es das Resultat von zwei Brasilienreisen, auf denen die Instrumentensammlung im Museo Solar Ferrão in Salvador und das umfassende Autographen-Archiv im Haus der Familie Smetak eingesehen werden konnten. Zudem brachten viele brasilianische Smetak-Forscher und andere Smetak-Begeisterte in zahlreichen Gesprächen und Schriftwechseln ihr wissenschaftliches Wissen und ihre persönlichen Erinnerungen ein.
Allen sei an dieser Stelle aufs Allerherzlichste gedankt.

Julia Gerlach

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