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Eröffnung: Mittwoch, 10. Februar 2016,
18.00 Uhr
„Können wir dies eine Ausstellung nennen? Eine Filmausstellung? Geht es wirklich darum, Filme zu zeigen? Filme zu schauen, Filme zu lesen oder Kino zu leben? Wäre es nicht angemessener zu sagen, was wir tun, ist View-ding (von viewing, reading und living)? Viewding, eine Praxis, die sich uns aufdrängt durch das, was aus dem bewegten Bild wurde in den neuen Medien fern ab der großen Leinwand in einem dunklen Raum. Wir müssen Bilder so lesen, wie wird Bücher lesen. Dies verpflichtet uns Filmemacher dazu, Filme so zu schreiben, dass sie gelesen werden können … Ich meine, geschaut werden können… jenseits der berechneten Formelfilme, deren Rezepturen die Humanität aus dem Erleben und Erdichten der Erzählkunst geraubt haben.“ (Jean-Pierre Bekolo)
Welcome To Applied Fiction! Wo der Filmemacher, Schriftsteller und Kritiker Jean-Pierre Bekolo die Begriffe, Prozesse und Wahrnehmungen des Filme- wie auch des Ausstellungsmachens radikal hinterfragt und dekonstruiert. Indem er die Konzepte von Kino und Ausstellung seziert, entkleidet und in ihre einzelnen Einheiten zerlegt und präsentiert, begibt sich Bekolo in eine pathologische Untersuchung, eine Autopsie des Film- und Ausstellungsmachens. Diesem diagnostischen Prozess wohnen das etymologische logia (berichten/ erzählen von) sowie pathos (die Erfahrung von Leiden) inne, was behilflich sein kann, beim Versuch zu verstehen, was Film- und Ausstellungmachen heute bedeutet.
Wie zahlreiche kritische Stimmen vor ihm, nimmt auch Bekolo das Kino weder für bare Münze noch hält er es für selbstverständlich, wenn er dessen Essenz in Frage stellt, oder vielmehr wenn er im Sein des Kinos herumwühlt, was man wiederum superlativisch als die Quintessenz von Kino bezeichnen könnte. „Wenn Kino aus Dingen und Menschen gemacht wird, ist es wichtig, zu überdenken, womit wir Kino machen – die Werkzeuge, die Sprache und der Prozess, durch den wir dieses zweite Leben, genannt Kino, erfassen und organisieren und das wir außerhalb unserer selbst sehen können wie Radiologen und das eine narrative Spekulation über unsere Leben ist,“ sagt Bekolo. In diesem Prozess des Überdenkens, Aufdeckens aber auch des Topf-Umdrehens um zu sehen, was unter dem Topf ist, aber auch, um den Raum zu bieten, ihn als etwas anderes zu benutzen als einen Topf – zum Beispiel als Trommel - in diesem Prozess arbeitet Bekolo theoretische Konzepte, Gebilde oder Fragen heraus, die sich innerhalb der Ausstellung WELCOME TO APPLIED FICTION als die folgenden Installationen materialisieren: Motion Thinking, Filmmaker Without a Camera, Return to Sender, Cinema with Everything, Cinema in Everything, Cinema of Everything, Film Brain – The Memory, Mining for Minds, Auteur Learning, The Miracle Room.
An dieser Stelle scheint es angebracht, über die Begriffe application (Anwendung) und applied (angewandt) im Kontext von WELCOME TO APPLIED FICTION nachzudenken. Was bedeutet applied im Zeitalter von Apps (applications) – diese technischen Errungenschaften, die dazu dienen sollen, unser (Da-)Sein zu erleichtern oder gar zu verrichten, in dem sie unsere Aktivitäten, Funktionen und Gedanken koordinieren? Die App fungiert beinahe als ein zweites Rückenmark des Menschen, das die Nutzung des Hirns verkürzt oder reduziert, da Reflexe mittlerweile entweder koordiniert werden durch das Nervensystem des Rückenmarks oder durch das rechentechnische System der App. Ist applied fiction (angewandte Fiktion) also erleichterte, zugängliche Fiktion? Wenn aber das applied in Applied Mathematics (angewandte Mathematik) Praktikabilität und den Einsatz von Mathematik zur Untersuchung der biologischen, physikalischen, ökonomischen und soziologischen Welt bezeichnet, dann könnte auch applied fiction den Einsatz von Fiktion zum Verstehen dieser biologischen, physikalischen, ökonomischen und soziologischen Welten und darüber hinaus meinen. Bekolos Ausstellung könnte begriffen werden als Darstellung des Vorstellbaren sowie des Gegenständlichen in Echtzeit, was sowohl die Realität als auch deren Fiktionen einschließt. Dabei sind sowohl Schöpfer als auch Zuschauer eingebunden in den Prozess des Filmemachens und das echte Leben ist sowohl das Kino als auch dessen Fiktion.
Jean-Pierre Bekolo ist ein Filmemacher, Schriftsteller und Kritiker aus Kamerun. Sein Debütfilm Quartier Mozart wurde 1992 mit dem Prix Afrique en Création beim Cannes Film Festival ausgezeichnet. Sein zweiter Film, Aristotle's Plot, wurde vom British Film Institute anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Films in Auftrag gegeben und war der erste afrikanische Film, der für Sundance Film Festival ausgewählt wurde. Sein 2005 herausgekommener Film Les Saignantes gewann den Silver Stallion und Best Actress Awards bei FESPACO. Bekolos Videoinstallation An African Woman in Space wurde 2008 im Musée du Quai Branly in Paris ausgestellt. 2013 wurde Bekolos kontroverser Film Le President, der das Phänomen von Afrikas „immerwährenden Regierungen“ in Frage stellt, in Kamerun verboten. Seine vierstündige Dokumentation Les Choses et Les Mots de Mudimbe lief 2015 auf der Berlinale. 2009 veröffentlichte er das Buch Africa for the Future – Sortir un Nouveau Monde du Cinéma. Bekolo hat zudem unterrichtet an der UNC Chapel Hill, der Duke University und der University of Yaoundé. Bekolo ist Gründungsmitglied der World Cinema Alliance und seit 2006 Generalsekretär der Guild of African Filmmakers. Seit Sommer 2015 ist er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Curated by Katharina Narbutovic and Bonaventure Ndikung
Curatorial Assistants: Lema Sikod, Lauren Moffatt

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WELCOME TO APPLIED FICTION is a coproduction by the Berliner Künstlerprogramm des DAAD and SAVVY Contemporary - The laboratory of form-ideas, funded by Auswärtiges Amtes (AA)

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