Rückblick 2005
Im Jahr 2005 waren 22 internationale Gäste aus den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik, Film und Tanz auf Einladung des Künstlerprogramms in Berlin für einen einjährigen oder kürzeren Aufenthalt. Die Auswahl der Gäste erfolgte durch internationale Fachjurys. Das Berliner Künstlerprogramm bietet seinen Gästen international bereits bekannten, aber auch jüngeren Künstlern die Möglichkeit, ihre Arbeiten in Berlin und an anderen Orten vorzustellen in Ausstellungen, bei Konzerten, Filmvorführungen und Lesungen, u.a. auf Festivals und Buchmessen. Es werden Kataloge, Bücher, CDs und DVD's publiziert sowie Übersetzungen und Kompositionen beauftragt. Erstmals präsentierte sich das Berliner Künstlerprogramm im November 2005 anlässlich einer Konferenz des Deutsch-Französischen Kulturrates mit einer Lesung der Gäste Memo Anjel, Petr Borkovec und Matthew Sweeney in Warschau.
Bildende Kunst
Die Sektion Bildende Kunst war im Jahr 2005 geprägt vom Umzug der daadgalerie von der Kurfürstenstraße in die Zimmerstraße. Vom 22.01. bis zum 20.03.2005 fand anläßlich der Internationalen Filmfestspiele eine Präsentation der Filme von David Claerbout in der Akademie der Künste am Hanseatenweg statt. Parallel dazu wurde ab Februar in der Zimmerstraße 90 die Videoinstallation "Dammi i colori" von Anri Sala gezeigt. Dem folgte vom 18.03. bis 30.04. die Ausstellung "Air is good" des aus Shanghai stammenden Künstlers Xu Tan: Im Galerieraum stand als Skulptur eine Sauna, die die Besucher benutzen konnten. Am 03.05.2005 hatte das langjährige Projekt von Susan Hiller "The J.-Street-Project" Premiere in der daadgalerie. Dieser 90-minütige, teilweise dokumentarische Film wurde nach 3-jähriger Arbeit abgeschlossen; die Kulturstiftung des Bundes war mit einer wesentlichen Förderung an diesem Projekt beteiligt. Anschließend fand eine Fotoausstellung des aus Kiew stammenden Künstlers Ilya Chichkan statt (07.07.-27.08.2005).
Mit Beginn der Kunstsaison wurde am 09.09.2005 die Ausstellung "Getrennt aber doch zusammen" von Arturo Herrera gezeigt. Im Zuge der Fertigstellung der Renovierungsarbeiten des Galeriegebäudes Zimmerstraße konnte Arturo Herrera auch eine permanente Wandarbeit an der Westseite des Gebäudes verwirklichen. Aus Anlaß der Einweihung der neuen Galerieräume und einer umfassenden Präsentation vieler ehemaliger Gäste während des Art Forums Berlin wurde, in Zusammenarbeit mit der Messe Berlin und der TLG, am 28.09. die daadgalerie vom Präsidenten des DAAD, Herrn Professor Dr. Theodor Berchem, offiziell eingeweiht. Die rot-weiße Gestaltung der Galerieräume, von Arturo Herrera speziell für die Eröffnung konzipiert, bot einen spektakulären Raum und Rahmen, der für einige Veranstaltungen wie Künstlerporträts und Lesungen im November genutzt wurde.
Das Programm in der daadgalerie in der Zimmerstraße wurde über den Jahreswechsel hinaus vom 09.12. an mit der Ausstellung "O.V. Retrospective" von Paola Yacoub und Michel Lasserre fortgeführt.
Der Umzug in die Zimmerstraße fand große Resonanz. Die Ausstellungen werden seitdem regelmäßig von mindestens 30 bis 50 Personen täglich besucht. Im Verbund mit vielen anderen kommerziellen Galerien wurde so in der Zimmerstraße ein Zentrum geschaffen, das viele internationale kunstinteressierte Besucher anzieht.
Nicht zuletzt wurden während der Biennale von Venedig in zwei Länderpavillons (Holland, Israel) Gäste des Jahrgangs 2006 präsentiert, und in der zentralen Ausstellung des italienischen Pavillons waren von ca. 45 teilnehmenden Künstlern 15 ehemalige Gäste des Berliner Künstlerprogramms. Besonders hervorzuheben ist das in der Neuen Nationalgalerie in Berlin entstandene Video "Sleeper" von Mark Wallinger.
Film
Im Kino Arsenal präsentierten die drei aktuellen Gäste in der Reihe "Director’s Night" ihre Arbeiten: Saodat Ismailova aus Usbekistan am 12.05., Ildikó Enyedi (Ungarn) im Rahmen einer Filmreihe zum ungarischen Kino (01.-10.05.), verbunden mit einer Podiumsdiskussion mit Istvan Szabo (04.05.), und Jacqueline Goss (USA) am 22.09.
Mit dem im Jahr 2005 zum ersten Mal stattfindenden Filmfestival "New Berlin Film Award" (14.-17.04.) kam es zur Kooperation: Das Berliner Künstlerprogramm konnte eine Retrospektive kuratieren und so drei Filme ehemaliger Gäste und ihrer Freunde zeigen: Shelly Silvers "Former East / Former West", Frauke Sandigs und Eric Blacks "After The Fall" sowie als Vorfilm "The Berlin Wall" von Shinkichi Tajiri.
Höhepunkt des ersten Halbjahres war die Präsentation der Kurzfilm-DVD "6 ½", die Arbeiten der Jahre 2000-2004 der Filmgäste des Berliner Künstlerprogramms versammelt, im Kino Arsenal.
Die Projektförderung des Berliner Künstlerprogramms ermöglichte dem Arthouse-Filmemacher Lou Ye (China), die Dreharbeiten für einen Spielfilm in Berlin durchzuführen, und Ayelet Bargur (Israel), mit dem Dreh für ihren Dokumentarfilm über das jüdische Kinderheim auf der Berliner Auguststraße zu beginnen. Zudem wurde das Videoinstallationsprojekt "Berlin Remake" von Amie Siegel, einer Ehemaligen des Berliner Künstlerprogramms, gefördert.
Literatur
Im Rahmen des Literaturjahres fanden zahlreiche Veranstaltungen in und außerhalb Berlins statt. Die erste Lesung in der neuen daadgalerie war ein Auftritt der berühmten dänischen Lyrikerin Inger Christensen (09.02.), moderiert von Aris Fioretos, ehemaligem Gast des Berliner Künstlerprogramms und zur Zeit Kulturattaché an der Schwedischen Botschaft in Berlin.
Mit der Buchvorstellung von Ottó Tolnais "Eine Postkarte an Don Dukay" (25.02. im Literaturhaus) wurde das Erscheinen der Buchreihe "Spurensicherung" fortgesetzt. Es folgte am 14.03. in der daadgalerie die Dante-Lesung von Gianni Celati (Italien), zusammen mit dem Schauspieler Frank Arnold.
Die Lesereihe "Wahlheimat Berlin" im Deutschen Historischen Museum wurde am 30.05. mit dem kolumbianischen Autor Memo Anjel und seiner deutschen Stimme Christian Brückner fortgesetzt.
Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt waren zahlreiche aktuelle und ehemalige Gäste des BKP vertreten; das BKP organisierte als Mitveranstalter das Leipziger Leseprogramm der "Gemeinschaft der europäischen Kulturinstitute in Berlin" (GEK) und unterstützte so den Messeauftritt der Dichter Petr Borkovec (Tschechien) und Daniel Bǎnulescu (Rumänien).
Zur Programmgestaltung des Internationalen Zentrums auf der Frankfurter Buchmesse hat der DAAD mehrere Beiträge geleistet; "Neue Literaturen: Nächstes Jahr in Jerusalem" war die Lesung von Memo Anjel überschrieben.
Zahlreiche Kooperationen ermöglichten den Auftritt der BKP-Gäste in Berlin und an anderen Orten: Anläßlich des "UNESCO-Welttags der Poesie" fand erneut eine Gemeinschaftsveranstaltung im Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor statt, an der die Lyriker Petr Borkovec und Daniel Bǎnulescu teilnahmen. Ausgerichtet wurde "Gedichte aus aller Welt" u.a. von der Stiftung Brandenburger Tor, der Literaturwerkstatt Berlin, der Akademie Schloß Solitude, dem Berliner Künstlerprogramm. Beim Internationalen Literaturfestival Berlin (06.-17.09.) traten vier Stipendiaten des Jahres 2005 auf. Die Zusammenarbeit mit Festivals wurde im ganzen intensiviert, so kam es zu Lesungen von vier Gästen des BKP bei "poetry on the road" in Bremen (26.-31.05.).
Mit dem Literaturhaus Köln wurde eine gemeinsame Lesereihe gestartet, unter dem Titel "Weltliteratur der Gegenwart" stellte Juri Andruchowytsch am 23.05. seinen neuen Roman in Köln vor. Memo Anjel las u.a. an den Universitäten in Göttingen, Bremen und Jena, beim Theaterfestival in Hamburg, bei den Passauer Lateinamerikatagen und im Instituto Cervantes in München, der Lyriker Paulo Teixeira wurde zum Festival "5 Sentidos" nach Jena eingeladen.
Im Rahmen einer Kooperation mit der GEK, hier im besonderen mit dem Polnischen Kulturinstitut, kam einer der angesehensten polnischen Lyriker, Ryszard Krynicki, Gast des Berliner Künstlerprogramms im Jahr 1993, zu der Gemeinschaftsveranstaltung "Europa erzählt Geschichte" (28./29.10.) nach Berlin in den Martin-Gropius-Bau. Gemeinsam mit dem Collegium Hungaricum Berlin (CHB) wurde einem der ältesten Stipendiaten der Programmgeschichte ebendort am 09.11. eine Lesung ermöglicht: Ivan Denes, im Jahr 1971/72 Gast des BKP.
Nicht zuletzt konnten weitere Veranstaltungen von ehemaligen Gästen unterstützt werden: Pepetela las am 24.04. im Museum Dahlem, veranstaltet vom IAI und der Botschaft von Angola; Fabio Morábito trat im Rahmen des Poesiefestivals beim "Versschmuggel" der Literaturwerkstatt auf (22.06.).
Mit der Verleihung des "Ungarischen Literaturpreises 2005", der höchsten literarischen Auszeichnung Ungarns, an Ottó Tolnai, des "Europäischen Preises für Poesie 2005" der Stadt Münster an Daniel Bǎnulescu und des Prix Médicis 2005 an Jean-Philippe Toussaint wurden erneut Gäste des Berliner Künstlerprogramms mit hochkarätigen Preisen bedacht.
Musik
Den musikalischen Jahresauftakt bildeten mehrere Aufführungen der irischen Stipendiatin Jennifer Walshe, der Komponistin, Improvisationskünstlerin und Vokalistin, die sich auf extreme Gesangstechniken spezialisiert hat:
Als langjähriger Partner des UltraSchall Festivals für neue Musik, veranstaltet von Deutschlandradio Berlin und Rundfunk Berlin Brandenburg, veranstaltete das Künstlerprogramm in den Sophiensälen am 18. Januar ein Portraitkonzert, wo Jennifer Walshe sieben Werke, zusammen mit dem Ensemble Apartment House London, zum Besten gab. Die "Hausoper" "Motel Abandon"
mit Jennifer Walshe, dem Cellisten Augustin Maurs und dem Sänger Stephen Swift wurde am 11. und 12. November in einer DAAD-Wohung am Storkwinkel uraufgeführt.
Darüber hinaus waren beim UltraSchall Festival noch mehrere Werke der Gäste Agostino Di Scipio (Italien), Shintaro Imai (Japan) und Ed Osborn (USA) zu hören.
In der Konzertreihe "Musik im Juli Inventionen 2005", veranstaltet vom Berliner Künstlerprogramm, der TU Berlin und tesla, fanden vom 1. bis 9. Juli sieben Konzerte statt mit 22 Aufführungen von 20 Komponisten, darunter elf BKP-Gäste mit sechs Uraufführungen. Schwerpunkt des Festivals war wiederum die Akusmatische Musik.
Dem Gast Agostino Di Scipio, der derzeit als wichtigster Komponist elektronischer Musik in Italien gilt, war der Eröffnungsabend im Tesla gewidmet, mit drei neuen elektronischen Werken mit Live-Performances (Natalia Pschenitschnikova, A. Di Scipio) und "Tiresia", eine szenische Aufführung mit Video von Matias Guerra und den Sängern Anna Clementi und Giuliano Mesa.
Mit dem Kammerensemble Neue Musik Berlin fand anschließend ein Konzert und eine Live-Übertragung von Nicolas Collins‘ "Pea Soup" aus dem Glockenraum der Parochialkirche statt.
Ein besonderes Ereignis war das Freiluftkonzert für Carillon und Lautsprecher am 3. Juli im Tiergarten, mit Uraufführungen der Gäste Lucia Ronchetti (Italien) und Mario Verandi (Argentinien) sowie einem Stück von Ricardo Mandolini (Argentinien) von 1988, dem Jahr seines Stipendienaufenthaltes in Berlin.
Abgerundet wurde das Programm mit drei Klanginstallationen: Agostino Di Scipios "Ohne Titel. Ökosystemische Installation in einem kleinen halligen Raum" in der daadgalerie vom 17.6. bis 3.7., Nicolas Collins’ "Pea Soup" in der singuhr-hörgalerie in parochial vom 22.6. bis 31.7. und "Garden of Codes", drei telematisch wachsende Klanggärten Berlin-Köln-Florenz, im Hof des Podewils’schen Palais vom 2.7. bis 17.7. Maßgeblich beteiligt an diesem Projekt war der ehemalige Edgard-Varèse-Gastprofessor Alberto de Campo aus Graz.
Mit vier Veranstaltungen in der daadgalerie wurde die Reihe der "Komponistenportraits und Portraitkonzerte" fortgeführt: Am 10.11. fand ein indisches Hauskonzert statt mit dem ehemaligen Gast Sankha Chatterjee (Tabla), seiner Tochter Sangeeta (Gesang) und zwei weiteren Musikern am Harmonium und auf der Tabla. Takumi Endo, Medienkünstler aus Japan, wurde am 21.11., die italienische Komponistin Lucia Ronchetti am 23.11. vorgestellt. Kasper T. Toeplitz, Komponist und Elektroniker aus Polen, präsentierte am 6.12. im tesla zwei neue Kompositionen unter dem Motto "Zum Mittelpunkt des Lärms".
Zum Gelingen des Total Music Meeting 2005 vom 3. bis 6.11. in der Berlinischen Galerie konnte das Berliner Künstlerprogramm durch die Einladung des ehemaligen Gastes Richard Barrett aus Großbritannien und des legendären Pianisten Cecil Taylor aus New York beitragen.
Ein Wiedersehen mit dem ehemaligen Gast Benedict Mason aus Großbritannien wurde durch die Zusammenarbeit mit dem Festival "MaerzMusik" der Berliner Festspiele am 12. März ermöglicht. In einem Musiktheater, bei den Donaueschinger Musiktagen 2004 uraufgeführt, erforschte Mason den Klang des ehemaligen Kabelwerkes Oberspree durch das Ensemble Modern und die Internationale Ensemble Akademie in außergewöhnlicher Besetzung. Olga Neuwirth und Roberto Paci Dalò, ehemalige Gäste aus Österreich und Italien, präsentierten ein szenisches Konzert mit sechs Musikern.
Durch die intensive Zusammenarbeit mit dem Elektronischen Studio der TU Berlin bekamen die Gäste Agostino Di Scipio, Takumi Endo, Lucia Ronchetti und Kasper T. Toeplitz die Gelegenheit, ihre Arbeit und ihre neuesten Kompositionen einem jungen Publikum vorzustellen.
Tanz
Die Moskauer Choreographin Daria Buzovkina und der Tänzer Nikoley Shchetnev wurden mit einem von der Leitung des Programms vergebenen Kurzstipendium nach Berlin eingeladen, um hier in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste und Theorem ein neues Stück zu erarbeiten, das Teil eines internationalen Projektes ist. In Wien, Paris und Tallin begannen mittel- und osteuropäische Choreographen ebenfalls neue Arbeiten, die alle gemeinsam im September 2005 in Tallin gezeigt wurden.
Gastprofessuren
Mit den Berliner Universitäten hat der DAAD internationale Gastprofessuren eingerichtet. Die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin für die Sparte Literatur wurde ins Leben gerufen gemeinsam mit dem Veranstaltungsforum der Georg-von-Holtzbrinck-Gruppe und dem S.-Fischer-Verlag. Im Jahr 2005 arbeiteten hier als Gastprofessoren Carlos Fuentes aus Mexiko, Michèle Métail aus Frankreich und Amit Chaudhuri aus Indien.
Mit der Technischen Universität und dem RBB wird die Edgard-Varèse-Gastprofessur für Computer-Musik unterhalten. Hier unterrichteten Daniel Teruggi aus Frankreich und Kees Tazelaar aus den Niederlanden.
Zur Kunstgeschichte der Gegenwart wurde an der Humboldt-Universität die Rudolph-Arnheim-Gastprofessur gegründet zusammen mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Stiftung Brandenburger Tor. Sie wurde 2005 mit Ali Akay und Dr. Tul Akbal Sualp aus der Türkei besetzt.
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