Name
Nelson Carlo de los Santos Arias
Land
Dominikanische Republik
Die Dominikanische Republik zählte lange Zeit zu den weißen Flecken auf der Karte des Weltkinos. Dies änderte sich mit Nelson Carlos De Los Santos Arias, der seit Ende der nuller Jahre in einer weit ausholenden, künstlerischen Bewegung auf eine Auseinandersetzung mit dem Land seiner Herkunft zusteuerte.

Cocote (2017) ist das Dokument dieser Rückkehr: die Geschichte eines Mannes namens Alberto, der von seiner Arbeit als Bediensteter bei einer begüterten Familie zu der eigenen Familie zurückkehrt, weil sein Vater gestorben ist. Er wurde ermordet, und die Angehörigen sinnen auf Rache. Zuerst aber müssen einmal die Trauerrituale absolviert werden, die einen wesentlichen Teil des Films ausmachen, und bei denen Alberto ein Außenseiter bleibt. Denn er ist ein evangelikaler Christ, gehört also einer importierten Religion an, die sich über lokale Mythologien und Lebensformen erhaben fühlt.

Als Filmemacher und Intellektueller steht Nelson Carlos De Los Santos Arias zwischen diesen Welten, und dementsprechend sieht sein Film auch aus: er bedient sich unterschiedlichster ästhetischer Mittel, changiert zwischen teilnehmender Beobachtung und Vision. Den Kern bilden aber doch die Rituale („nezos“), die man als autochthon begreifen könnte, die aber letztlich selbst vor allem Ausdruck der komplexen Kolonialgeschichte des Landes sind.

In diesem Sinn würde Nelson Carlos de Los Santos Arias sich selbst nicht als Vertreter eines nationalen Kinos sehen, sondern als jemand, der in seinem künstlerischen Werdegang und mit seinen Filmen die vielfältigen Beziehungen kartographiert, in denen die Dominikanische Republik in der Inselgruppe der Antillen, vor allem aber im karibischen Spannungsfeld zwischen Nord- und Süd- bzw. Lateinamerika liegt.

Sein Film Pareces una Carreta de esas que no la paran ni los Bueyes (2013) beginnt mit einer Kamerfahrt über eine Brücke, die nach Manhattan führt, also in die Hauptstadt der (westlichen) Welt, wie man von New York gern sagt. Nelson Carlos de Los Santos Arias findet dort aber zwei Frauen, die eigentlich in eine andere Welt gehören, nämlich in die Dominikanische Republik, wo sie immer wieder anrufen. Der Filmemacher, der in der engen Wohnung alles mitbekommt, ist Zeuge einer Welt des Dazwischen.

In diesem Dazwischen liegt auch das wesentliche Merkmal des autobiographischen Kurzfilms Canciones de Cuna (2014), der teils in den USA gedreht wurde, und über dem die wiederkehrende Frage der Mutter wie ein Leitmotiv steht: „Donde estas?“ Wo bist du?

Mit Santa Teresa y Otras Historias (2015) gab Nelson Carlos de Los Santos Arias eine angemessen komplexe Antwort darauf, wo ein lateinamerikanischer Filmkünstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts „sein“ kann: Man könnte von einem metafiktionalen Filmtext sprechen, ausgehend von dem Roman 2666 von Roberto Bolano, der selbst schon mit den reichen Erzähltraditionen des hispanischen Amerika spielte. Santa Teresa ist ein Ort in Mexiko, an dem Vorstellungen von einem vorkolonialen Matriarchat ebenso eine Rolle spielen wie eine Geschichte der Gewalt, die kein noch so leidenschaftlicher Glaube zu bannen vermag.

Aus fragmentarischen Formen lässt Nelson Carlos de Los Anatos Arias eine nachkoloniale, nachnationale denkbare Identität in Andeutungen entstehen, die seiner Herkunft aus der Dominikanischen Republik - und seiner Verantwortung als deren (Welt)Bürger - gerecht werden könnte.

Biographie

Nelson Carlos de Los Santos Arias wurde 1985 in Santo Domingo, an der Universidad Iberoamericana (UNIBE) studierte er Creative Writing und Medienkunst. 2006 ging er nach Buenos Aires, um Film zu studieren. Am Edinburgh College of Art wandte er sich 2008-2009 dem Experimentalfilm zu. 2009 wurde sein erster Film She Said He Walks mit einem BAFTA-Award ausgezeichnet. Die künstlerische Ausbildung fand ihre Fortsetzung und einen Abschluss an der Hochschule CalArts in Los Angeles mit einem MFA in Film/Video (2011-2014).

Text: Bert Rebhandl