Name
Tomasz Różycki
Land
Polen
Er ist Autor, Übersetzer, Romanist – und gilt in Polen als der wichtigste Denker seiner Generation: Tatsächlich schreibt der 1970 im schlesischen Opole geborene Schriftsteller Tomasz Różycki jene Form von Weltliteratur, die – man denke nur an Namen wie Witold Gombrowicz – einstmals auch aus Polen kam. In Opole – wo Różycki Romanistik an der Universität lehrt – lebt der Autor noch immer. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Wer die Geschichte Polens kennt, der weiß: Auch Opole war – wie etwa Breslau – nach dem Zweiten Weltkrieg Schauplatz jener tragischen Vertreibungen und Umsiedlungen, die im Zuge der damaligen Grenzveränderungen Polens Tausende Menschen u.a. dazu zwangen, in jene Häuser einzuziehen, die von ihren deutschen Besitzern kurz zuvor auf Druck der neuen Machthaber verlassen worden waren. Różyckis Familie – die ursprünglich aus der Ukraine stammte – musste seinerzeit ebenfalls nach Oppeln respektive Opole zwangsumsiedeln. Das Schicksal einer doppelten Heimatlosigkeit – da die alte Heimat unwiderruflich verloren, die neue ebenso unwiderruflich immer schon eine fremde war – hat sich dabei nicht nur in die DNA seiner Familie, sondern auch in die seiner Bücher eingeschrieben. Alle kreisen um die Wunden der Geschichte – und das Gewicht, das diese Wunden auf die Generation des Autors haben. Es wundert also nicht, dass Opole in Różyckis Werk – bis dato liegen elf Bücher vor – oftmals das alles entscheidende Gravitationszentrum bildet. „Diese Stadt, meine Krankheit! Bazillus der schwarzen Galle / trauriger Tumor, der in der Seele wuchert / – wie ich dich hasse, Stadt!“ – heißt es gleich in den ersten Zeilen seines Prosapoems „Zwölf Stationen“. 2010 ist es – in der kongenialen Übersetzung von Olaf Kühl – auf Deutsch erschienen; das polnische Original wurde 2004 mit dem renommierten Kościelski-Preis geehrt, 2005 war der Band nominiert für den Nike-Preis. Vordergründig schildert der Autor in diesem Prosapoem eine Reise durch die polnische und ukrainische Provinz. Der Ich-Erzähler – eine Art osteuropäischer Odysseus – soll auf Geheiß seiner betagten Großmutter, die er in Opole besucht, die im Land verstreuten Familienmitglieder zusammen führen, um mit ihnen zurück zu kehren an jenen Ort, von dem sie alle 1945 vertrieben worden sind. Die Reise durch das Land wird zur Reise in die Vergangenheit. Untergegangene Lebenswelten lässt der Autor bildmächtig, wortgewaltig und detailverliebt wieder auferstehen – fernab jeglicher Verklärung. Denn auch wenn Różycki einen bewusst altväterlichen Ton anschlägt und kein realistischer Erzähler ist, sondern die Ordnung der Dinge in eine neue poetische Ordnung der Wörter überführt: Das Leitmotiv des Krieges überschattet in diesem Poem alles, im Großen wie im Kleinen – angefangen bei den Kleinkriegen unter traumatisierten Nachbarn über die traumatischen Kriegsspiele der Kinder bis hin zu den Scharmützeln, die sich die Ameisen liefern. Noch diese sind – wie einst bei Maeterlinck – Geschichtsbild und verweisen auf die Fragilität der neuen politischen Ordnung eines post-deutschen Polen. Dem trägt letztlich auch die Versform Rechenschaft (die zusammen mit dem historischen Stoff Adam Mickiewicz’ Nationalepos „Pan Tadeusz“ Hommage erweist): Deren Kadenzen sind genauestens orchestriert; bewusst stimmen Satz- und Zeilenende nicht immer überein. So entstehen Brüche und Rupturen, die noch formal die der polnischen Geschichte inhärenten Friktionen ins Bild setzen. Różycki arbeitet insofern wie ein Kartograph – die polnische Geschichte bildet bei ihm allerdings ein Palimpsest. Dessen so aberwitzige wie leidvolle Schichten hebt er in seinen Büchern wieder ins Licht der Gegenwart, ohne Düsternis, stets in ein humorvolles Licht getaucht. Auch in seinem Roman „Bestiarium“ (2016) steht eine so geheimnisvolle wie phantasmagorische Reise durch die Katakomben der persönlichen wie kollektiven Erinnerung im Mittelpunkt. Der Ich-Erzähler wacht eines Morgens nach einer offenbar alkoholdurchtränkten Nacht auf an einem ihm unbekannten Ort und will nur noch zurück zu Frau und Kind. Doch das, so muss er erkennen, ist leichter gesagt als getan: „Ich war im Traum und alles Absurde wurde möglich, das Absurde wurde Normalität“. Tatsächlich ist der Roman – der wie nebenbei Stationen der polnischen Geschichte Revue passieren lässt – bevölkert von allerlei unheimlichen Kreaturen, vor allem menschlicher Provenienz. Konzipiert als Stück im Stück, folgt der Roman mit grenzenloser Fabulierfreude den irrlichternden Träumen des schlafenden Ich-Erzählers. Es geht um alte Familiengeheimnisse, merkwürdige Schlüssel und Geheimverstecke, um inzestuöse Liebschaften und Familienfehden. Es wird wüst getrunken und geraucht und gerätselt über Gott und die Welt. Die Welt ist erneut das schlesische Opole, diesmal aber – wir sind in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – ist es das postsozialistische Opole. Nicht nur die Ölfarbe löst sich von den Türen. Mit den älteren Farbschichten kommt erneut die verdrängte und verleugnete deutsche Vorgeschichte zum Vorschein. Der Roman endet mit einem finalen Gefecht: Es ist ein Gefecht nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zwischen jenen, die einerseits das historische Erbe und die Erinnerung daran über den Haufen werfen wollen – und jenen, die beides um der eigenen Zukunft willen zu bewahren trachten. Muss man noch ausdrücklich sagen, dass der Ausgang in diesem Ringen um den Umgang mit der Geschichte in einem Europa, das allerorten von restaurativen und nationalistischen Kräften heimgesucht ist, nicht allein das polnische Volk betrifft?

Text: Claudia Kramatschek

Foto: Slav Zatoka