Name
Ana Ristović
Land
Serbien
Noch immer ist Serbien ein letztlich weißer Punkt auf der literarischen Landkarte. Daran hat auch der Ruhm von Autoren wie Ivo Andrić oder Bora Cosić, Danilo Kiš oder Aleksandar Tišma nichts geändert. Doch würden deren Namen womöglich sowieso nicht weiterhelfen, wollte man versuchen, das Werk der 1972 in Belgrad geborenen Lyrikerin Ana Ristović einzuordnen. Davon ist nicht zuletzt auch ihr deutscher Übersetzer Fabjan Hafner überzeugt: „Sie steht tatsächlich allein da auf weiter Flur“, konstatiert Hafner in seinem liebevollen Nachwort zu Ana Ristovićs Gedichtband „So dunkel, so hell“, der 2007 auf Deutsch erschien. Ristović – die serbische Sprache, Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft in Belgrad studierte, von 1998 an sechs Jahre in Ljubljana verbrachte, um 2004 nach Belgrad zurückzukehren, wo sie noch immer lebt – debütierte dabei bereits im Alter von 18 Jahren mit dem Band »Snovidna voda« (1994, Ü: Traumwasser). Der wurde ad hoc mit dem Branko-Radičević-Preis für das beste serbische Lyrik-Debüt ausgezeichnet. Auch ihre weiteren Bände – bis dato liegen neun Gedichtsammlungen vor – sind allesamt preisgekrönt. 2005 wurde ihr zudem der Hubert-Burda-Preis für junge osteuropäische Lyrik zugesprochen, im selben Jahr erhielt sie ein Aufenthaltsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin. 2010 war sie u. a. Gast des Internationalen Literaturfestival Berlin, 2016 Gast des Internationalen Poesiefestival Berlin. Ihre Gedichte wurden in mehrere Sprachen übertragen und in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen publiziert, so etwa in „Akzente“, „Schreibheft“, „Lichtungen“ oder „Manuskripte“. Zugleich hat sie sich als Übersetzerin einen Namen gemacht. Als Lyrikerin – die den lästigen Pflichten einer poeta docta schon lange den Rücken gekehrt hat – lautet ihr Credo: „So schreiben, dass wenigstens einer eines Verses wegen erzittert, als meinte er ihn.“ (So dunkel, so hell, 2007, dt. Fabjan Hafner). Tatsächlich geht ihre Lyrik wortwörtlich unter die Haut. Wie in einer Operation am offenen Herzen sezieren ihre Gedichte die Ängste des lyrischen Ichs: die Angst vor dem Alter und vor Gebrechlichkeit, vor Einsamkeit und zu viel Nähe, vor dem Alltag und dessen Unwägbarkeiten, vor zu viel Stille und vor überflüssigen Worten, vor dem Schreiben und der persona, die den Namen Ana Ristović trägt. In scheinbar lässigem Parlando setzt Ristović somit in sprachlich zugleich präzis konturierten Bildern – und nicht ohne Augenzwinkern – unterschiedliche Masken des Weiblichen in Szene, angesiedelt zwischen Stillstand und Veränderung, Emanzipation und Resignation. Berührungsängste kennt ihr lyrisches Ich dabei keine: ein abgelutschter Eis-Stiel klebt an einer Strumpfnaht, tiefgefrorenen Kohlrouladen wachsen kleine Brüste, Leere ritzt die Haut „wie ein stumpfes Messer“, aus winzigen Vogel-Kötteln wächst ein vierblättriges Kleeblatt. Das Abseitige kippt insofern stets ins Surreale und Wunderbare, in jeder Damenhandtasche verbirgt sich womöglich eine Bombe. Sprich: In Ristovićs lyrischen Kosmos ist nichts gesichert, sondern alles transitorisch. Folgerichtig bewegen sich ihre Gedichte im Grenzbereich eines ‚Chiaroscuro’, wo das Dunkle und das Helle sich ununterscheidbar einander nähern und Licht und Schatten auch der lyrischen Gefühlslagen sich überblenden. Und entsprechend vielfarbig ist Ristovićs Sprache: Sie versteht sich auf unterschiedliche Tonlagen, klingt mal kindlich-naiv, mal kokett und verführerisch – immer aber erweist sich die Tonalität als kraftvoll und eigensinnig. Nichts ist Klage oder Bedauern – alles nimmt seinen Anfang im nüchternen und genauen Beschreiben des Jetzt und Ist. Fast immer geht Ristović dabei von konkreten Beobachtungen aus – um im abschließenden Vers mit einer abstrakten Verallgemeinerung zu überraschen, die den Blick unvermutet ins Offene wendet: „Siehst du einen Igel, sagst du: Schau, ein Igel! / Und seine Stacheln werden / zu winzigen Granatwerfern“ endet beispielsweise ihr Gedicht „Städtische Müllkippe“ (So dunkel, so hell, 2007. Dt. Fabjan Hafner). Ihre Gedichte neigen sich insofern näher der Prosa zu – sowieso sucht man Reime in ihrem Werk vergeblich – und sie erzählen Geschichten mit bewusst irritierenden Ecken und Kanten: Ein einfacher Fleck am Fenster wird zu einem Miniaturfisch, die eigene Wohnung fremd. Wie ein Radar tastet ihr lyrisches Ich alle Facetten der Lebensrealität sowie der Dingwelt ab, um das vermeintlich Profane in lyrisch überhöhte Bilder zu verwandeln: „Ein ausgespuckter Kirschkern birgt für mich einen ganzen Kosmos von Kommen und Vergehen“, so schreibt die Autorin in ihrem eigenen kleinen Nachwort zu „So dunkel, so hell“ (2007). Ristović – die unter den zeitgenössischen serbischen Dichtern zu den meistübersetzten gehört – steht insofern für eine Neuausrichtung der serbischen Gegenwartslyrik. In einem Land, in dem – wie sie selber einst spöttisch in der serbischen Zeitung Blic vermerkte – nur „ein toter Autor ein guter Autor sei“, sorgt ihre unbestechliche Stimme für poetisch frischen Wind. Sie weiß: „Wie die Liebe duldet die Dichtung keine Lüge.“ (Ristović, 2007)


Text: Claudia Kramatschek
Foto: Teodor Lazarev