Name
Julia Spínola
Land
Spanien
Julia Spínolas (*1979) skulpturale und zeichnerische Arbeiten sind das Ergebnis eines intuitiven empirischen Prozesses, der keiner rationalen Logik oder vorformulierten Ideen zu folgen scheint, noch Metaphern oder Symbolismen zulässt, sondern sich in einer – wie sie es nennt – vorverbalen Sprache ausdrückt. Aus der Imagination werden Bilder kristallisiert, die in Bewegung versetzt werden oder vielmehr sich selbst in Bewegung setzen. Am Anfang dieses Prozesses steht die Beobachtung der Bewegungen von Menschen im öffentlichen Raum, insbesondere der Posen, Gesten und Codes, die bestimmte Aktionen miteinander verbinden. Gleich einer Registriermaschine werden diese Bewegungsabläufe, Strukturen, die sich innerhalb des Körpers formieren, von Spínola in abstrakte Konstellationen von Linien übersetzt, die wiederum rhythmische Bilder und Formen erzeugen. Seit 2008/09 entstanden Collage-Zeichnungen wie die Serie der Geológicos, in denen vor allem physikalische Gesetze (Schwerkraft, Druck, Gewicht, Bewegung/Übertragung, Spannung/Entspannung) behandelt wurden, und die Leftovers, in denen auch fotografische Details integriert waren. Später manifestieren sich die linearen Konstellationen in skulpturalen Anordnungen.

Die Einstudierung dieser Gesten geschieht meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit in performativen Aktionen im Atelier, die fotografisch festgehalten werden. Als Schlüsselarbeit kann eine Fotografie mit dem Titel Phrase herangezogen werden. Sie zeigt die Hände der Künstlerin in jeweils unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Aktionen. Die linke umfasst einen runden Gegenstand, die andere ist geöffnet unter einen laufenden Wasserstrahl gehalten. Wie in dem bekannten Knobelspiel (Stein, Papier, Schere, Brunnen) bedingt die Konfrontation einen ganz bestimmten Handlungsverlauf, wobei es in diesem Fall nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern um Fragen der Bewegung, um Durchlässigkeit versus Kompaktheit, offene oder geschlossene Form. Daraus entwickelte sich eine Reihe von Arbeiten: Phrase (object). Vertical-Horizontal, Phrase (object). Mouth, Phrase (object). Line, alle 2012. In diesen ephemeren, variabel in-situ auf dem Straßenpflaster ausgeführten skulpturalen Arrangements aus Gebrauchsgegenständen oder abstrakten Formen werden Variationen eines Satzbaus sprichwörtlich durchexerziert.

Eine weitere seit 2013 weiterentwickelte Serie von Arbeiten widmet sich der Suche nach der Fortsetzung eines Gegenstands „in der Welt außerhalb seiner selbst“. Das zugrundeliegende Interesse galt dabei der Frage, ob für jede Farbnuance in der Natur ein künstliches Pendant in einer industriell erzeugten Farbskala existiert, welches eine Frucht, wie zum Beispiel einen Apfel, repräsentiert. Für eine Ausstellung in der Kunsthalle Sao Paulo entstand die Arbeit Carta de cor, São Paulo (2015), bestehend aus einem in verschiedenen Gelbtönen gestrichenen Tisch, und einer Anzahl Zitronen in den jeweils selben Nuancen. In dem Moment, in dem die Künstlerin den exakten Farbton der Zitrone in einer Farbskala findet, wurde die Zitrone außerhalb ihrer selbst gefunden – sie wurde zur Farbe, und umgekehrt die Farbe zur Frucht.

Text: Eva Scharrer