Name
Athina Rachel Tsangari
Land
Griechenland
Manchmal schlägt sich die desolate Lage eines Landes in gesteigerter Kreativität nieder. „Mit trotzigem Selbstverständnis“ (Standard) hat eine jüngere Generation von Filmemachern dem griechischen Kino in den letzten Jahren neuen Schwung verliehen. Eine der führenden Figuren dabei ist Athina Rachel Tsangari. Manche internationalen Kritiker nennen sie eine Vertreterin der „Greek weird wave“, auch wenn sie dieses Label nicht mag. Es sind im doppelten Sinne komische Filme, die sie macht. Manchmal ist das Setting surreal, wie bei Attenberg (2010) oder The Capsule (2012) sowie bei den von ihr für Yorgos Lanthimos produzierten Filmen Dogtooth (2010) und Alps (2011); oft sind es menschliche Versuchsanordnungen, wie etwa bei ihrem letzten, für den Oscar nominierten Film Chevalier (2015): Sechs Männer auf einer Jacht wetteifern darum, wer von ihnen „der Beste“ ist. Jede Handlung wird verglichen – von der Erektionsdauer bis zum Möbelaufbauen. Das scheinbar realistische Kammerspiel ist in Wahrheit eine mit schwarzem Humor gewürzte Parabel über den Wettkampf in Zeiten des Neoliberalismus. Neben Vorbildern von Buñuel bis Aristoteles nennt die Regisseurin auch gern Tierfilme als Inspiration, „denn wir sind alle Raubtiere; Männer genauso wie Frauen“. Ihr Ansatz beim Inszenieren sei also biologisch, nicht psychologisch, erklärt sie. „Ich halte nichts von Method Acting und ähnlichen Schauspielansätzen. Bei mir ist alles sehr, sehr körperlich.“ Mit Chevalier gelingt Athina Rachel Tsangari das Paradox eines feministischen Films, in dem die Frauen durch Abwesenheit glänzen. Es ist auch der erste Film, zu dem sie nicht selbst das Drehbuch verfasst hat. Die Buddy-Komödie wurde als bester Film beim BFI-London Film Festival 2015 ausgezeichnet. In Sarajevo erhielt der Film eine spezielle Erwähnung der Jury, und das gesamte Schauspielerensemble wurde als beste Darsteller prämiert. Esquire zählte Chevalier zu den 25 besten Filmen des Jahres.
Athina Rachel Tsangaris erste filmische Erfahrung entstand zufällig: 1991 erhielt sie eine kleine Rolle in Richard Linklaters ikonischem Film Slacker. Doch aus diesem kurzen Auftritt entstand eine nun bereits mehrere Jahrzehnte währende „Liebesbeziehung zwischen Arbeit und Leben“, wie sie ihr Verhältnis zum Filmemachen einmal beschrieb.
Bis heute schreibt, inszeniert und produziert die 1966 in Myrina, Griechenland, geborene Filmemacherin nicht nur ihre eigenen Filme, sondern produziert auch die Werke von anderen, wie etwa auch als Ko-Produzentin von Richard Linklaters Before Midnight (2013). 2013 gehörte sie der Berlinale-Jury unter dem Vorsitz von Wong Kar Wai an. Bisher hat sie als Autorenfilmerin etliche kürzere und drei abendfüllende Filme sowie zwei Folgen der BBC-Fernsehserie Borgia (2014) realisiert. Ihr erster Spielfilm, The Slow Business of Going (2001), ist in der ständigen Ausstellung des MoMA zu sehen.
Athina Rachel Tsangari wuchs in Griechenland auf, studiert zunächst in Thessaloniki und später in New York und Austin Darstellende Kunst und Filmregie. Schon ihr Abschlussfilm im Jahr 1994 wurde für den Studenten-Oscar nominiert. Zuletzt war sie 2015/2016 Stipendiatin des Radcliffe-Harvard Film Study Center.
Ihr Film Attenberg (2010) zeigt den „wohl schlechtesten Kuss der Leinwandgeschichte“ (The Guardian). Eigenartig und verstörend ist auch das Setting dieser Initiationsgeschichte: Sie spielt in einem kleinen griechischen Ort, dessen gespenstischer Atmosphäre niemand zu entkommen scheint. Die 23-jährige Protagonistin begleitet das Sterben ihres Vaters und ist fasziniert von David Attenboroughs Tierdokumentationen. Sie nähren ihre Abneigung gegen die menschliche Rasse. In Griechenland erregten Athina Rachel Tsangaris Tabubrüche die Gemüter: So fragt die Tochter den Vater, ob er sie sich schon mal nackt vorgestellt habe. Der Film stellt auch das religiös bedingte Verbot der Leichenverbrennung in Frage. Die Hauptdarstellerin von Attenberg wurde beim Festival in Venedig als beste Schauspielerin ausgezeichnet und Athina Rachel Tsangari erhielt für ihre Regie den Lina Mangiacapre-Preis.
Die mysteriöse Petra Going reist in The Slow Business of Going (2001) um die Welt, um für das „Globale Nomadenprojekt“ Erfahrungen aufzunehmen. Auf der visuellen Ebene baut Athina Rachel Tsangari in ihrem Langfilmdebüt verschiedene Ebenen auf, um sie dann wieder zu zerlegen. Das Drehbuch entstand kollektiv, was zum experimentellen Charakter des Films beiträgt.

Text: Maike Wetzel

Foto: Still Chevalier