Name
Reybrouck, David van
Land
Belgien
Unmittelbar nachdem die einstige Kolonie Kongo 1960 die Unabhängigkeit erlangt, entschließt sich ein belgischer Farmersohn, in ebenjenem Land als Eisenbahningenieur zu arbeiten, das seine Vorfahren mehr als ein Jahrhundert lang in grausamer Weise ausgebeutet haben. Fünf Jahre bleibt er im Kongo; dem eigenen Sohn – die Rede ist von David Van Reybrouck – wird er später nur wenig über seine Erlebnisse in dem Land erzählen. Der Kongo aber und mit ihm der afrikanische Kontinent werden für David Van Reybrouck zu einer Art Sehnsuchtsort, zumindest zu jenem Ort in der Welt, der sein literarisches Schaffen wie kein anderer prägen wird. Er selbst kommt 1971 in Brügge zur Welt. Mit 30 Jahren – inzwischen ist er promovierter Archäologe – legt er seinen ersten Roman vor: „De Plaag“ (Die Plage). Darin schildert der Ich-Erzähler – der unverkennbar Züge des Autors trägt –, wie er sich nach Südafrika auf Reisen begibt, um dort einen Plagiatsvorwurf zu klären, auf den er Jahre zuvor bei der Lektüre eines Zeitungsartikels gestoßen ist. Niemand Geringeres als der belgische Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck soll, so lautet der in diesem Artikel erhobene ungeheuerliche Vorwurf, seine bahnbrechenden Kenntnisse in „Das Leben der Termiten“ von einem südafrikanischen, von der Geschichte vergessenen Forscher namens Eugène Marais abgeschrieben haben. Was als historische Recherche beginnt, entpuppt sich dabei mehr und mehr auch für den Leser als eine so kritische wie komplexe Bestandsaufnahme des heutigen Südafrikas zwischen Vergangenheitsbewältigung und den Herausforderungen neuer Probleme wie etwa der Ausbreitung von Aids oder der um sich greifenden Kriminalität. Spätestens am Ende der Lektüre begreift man: Nicht nur der Ich-Erzähler ist ein Alter Ego von David Van Reybrouck, der übrigens auf Flämisch schreibt. Auch Eugène Marais ist sein Alter Ego, denn wir lernen Marais als einen Mann kennen, der wie Reybrouck viele Stimmen zugleich in sich vereint: den Schriftsteller, den Poeten, den Journalisten, den Wissenschaftler und den Advokaten für die Wahrheit. Tatsächlich ist schon „Die Plage“ nicht so sehr ein Roman, sondern ein Sachbuch von bestechender literarischer Qualität mit der Tiefe und der Spannung eines Romans, dabei ganz der aristotelischen Tugend verpflichtet, das Gute, Schöne und Wahre in Übereinstimmung zu bringen. Die Grenzaufhebung und Vermischung der Genres wird fortan zu David Van Reybroucks Erkennungszeichen: Gekonnt blendet er schon hier historische Fakten – stets aufwendig recherchiert – und autobiografische Details – seine Generation ist die erste, die als Journalisten selbstbewusst wieder „Ich“ zu sagen lernte – mithilfe eines spekulativen Realismus zu einem großen Ganzen. Das große Ganze ist dabei die Geschichte mit großem „G“, die er seinen Lesern in mitreißenden Geschichten nahebringt. Das bewies er vor allem mit seinem zweiten, monumentalen Werk: „Kongo. Eine Geschichte“, das international für Aufsehen sorgte und mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet wurde. Zu Recht: David Van Reybrouck, der für Recherchen vor Ort zehnmal in das Land reiste, liefert in diesem Œuvre nicht allein 150 Jahre kongolesische Geschichte, beginnend mit der Kolonialzeit, endend in der Gegenwart Anfang 2000. Er liefert vielmehr Geschichte von unten, indem er – basierend auf zahlreichen Interviews, die er mit Zeitzeugen im Kongo geführt hat – Stimmen aller Couleur und Provenienz zu Wort kommen lässt: Kriegsveteranen, Kindersoldaten, Anhänger unterschiedlicher Parteien, Geschäftsleute, Künstler. Dazwischengesetzt sind Landschaftsbeschreibungen und Reportagepassagen in der Ich-Perspektive – wobei Van Reybrouck an keiner Stelle ins Reißerische oder Anekdotenhafte abgleitet, sondern stets kühler, sachlicher Beobachter bleibt. Der Effekt dieser Collage ist frappierend. Man hört den Kongo sprechen, in seiner ganzen Komplexität: das Geflecht von Alltagskultur und Ökonomie, von internationaler Politik und ethnischen Spannungen, die Verbindung zwischen den sozialen Ordnungen, den Biografien Einzelner und der Natur. Und plötzlich ist der Kongo wieder mehr als nur das „dunkle Herz Afrikas“. Kritiker warfen dem Autor vor, sich zu stark fremder Federn zu bedienen. Doch David Van Reybroucks Verfahren, viele Stimmen zu einer Erzählung zu verweben, ist die vielleicht einzige – und sehr afrikanische – Antwort auf die Frage, wie von dem Kontinent heute erzählt werden kann, in einer Zeit, da nicht nur unser Afrika-Bild, sondern der Kontinent selbst porös geworden ist, da von enormen Veränderungen erfasst. Die Vielstimmigkeit, die der Autor wählt, erinnert stark an das Procedere der südafrikanischen Wahrheitskommission, die seinerzeit davon ausging, dass Gerechtigkeit nur dann zu erlangen ist, wenn alle Stimmen zu Wort kommen, keine über die andere dominiert. David Van Reybrouck wendet dieses Verfahren eines vielstimmigen Monologs auch in seinen Theaterstücken an: „Mission“ beispielsweise – 2007 in Belgien uraufgeführt, seither auf Tour durch Europa, so etwa auch beim Theatertreffen in Berlin – basiert auf Interviews mit katholischen Missionaren im Kongo und liefert en passant nicht nur unpathetische Nahansichten des Landes, sondern lässt den religiösen Beruf aus dem Schatten des Kolonialismus heraustreten. Geschichtsklitterung, sagen die einen. Die anderen bewundern den Autor als kritischen Querdenker. Tatsächlich mischt er sich ein, in jeder Hinsicht. Im Kongo organisierte er Workshops für einheimische Autoren, 2009 veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit mehr als 50 Autoren und Poeten „Die europäische Verfassung in Versen“. 2011 rief er die demokratische Plattform G1000 ins Leben; 2013 folgte die Streitschrift „Gegen Wahlen“, ein Plädoyer für das antike Losverfahren zur Rettung der Demokratie. Nach den Attentaten in Paris vom 13. November 2015 – deren Spuren in Van Reybroucks Heimatstadt Brüssel führten – kritisierte er Präsident François Hollande in einem geharnischten Brief für dessen Kriegsrhetorik. Was auch immer man über diesen streitbaren Geist denken mag, eines ist unbestritten: Er stellt die Literatur in den Dienst der Aufklärung.

Text: Claudia Kramatschek
Foto: Stephan Vanfleteren