Name
Lim, Minouk
Land
Südkorea
Sowohl das individuelle als auch das kollektive Gedächtnis bewahrt nicht nur Erinnerungen, sondern sortiert auch aus und vergisst im Zuge des von aktiven und passiven Faktoren bestimmten Erinnerungsprozesses. Dasselbe gilt für die Massenmedien, die das öffentliche Bewusstsein und die kollektive Erinnerung abbilden und formen: sie merken sich nur das, was sie nicht vergessen. Um die Vergangenheit zu verstehen und zu bewältigen, muss die Erinnerung also kontinuierlich wiederbelebt werden.

Mit individueller Erinnerung an historische, politisch brisante Ereignisse oder Tabus und mit kollektiver Trauer befasst sich die südkoreanische Künstlerin Minouk Lim (*1968). Sie thematisiert die Politik und Geschichte ihres geteilten Heimatlandes, wie die nahezu vergessenen Massaker von 1950 in Jinju und Gyeongsan. Mit dem Ausbruch des Koreakrieges ordnete der erste Präsident Südkoreas, Syngman Rhee, an, vermeintliche Landesverräter, Kommunisten und Unterstützer Nordkoreas massenhaft hinzurichten. Diese öffentlich nie diskutierten Verbrechen hinterließen die Familien der Hinterbliebenen geschockt und stigmatisiert. Mit ihrer Intervention „Navigation ID“ (2014) realisierte die Künstlerin eine öffentliche Trauerzeremonie, um den Angehörigen einen würdigen Abschied zu ermöglichen. Zwei Container mit den nie beerdigten Gebeinen der Opfer, begleitet von einem Hubschrauber und einem Krankenwagen, wurden anlässlich der 10. Biennale in Gwangju aufgestellt. Die Stadt ist ebenfalls durch ein Massaker geprägt: der durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Doohwan Chun ließ 1980 eine politische Demonstration blutig niederschlagen und nahm den Tod von über eintausend Demonstranten in Kauf. Im Rahmen von Lims Aktion trauerten die Angehörigen beider Katastrophen gemeinsam unter den Augen einer großen Öffentlichkeit – das Ereignis wurde im koreanischen Fernsehen übertragen.
Ihre Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Funktion medialer Berichterstattung, in Beziehung zum bewussten Umgang mit den dunklen Kapiteln der nationalen Vergangenheit, führte Lim in der Ausstellung „United Paradox“ (2015) im Frankfurter Portikus fort. Dafür inszenierte sie den Ausstellungsraum als rudimentäres Fernsehstudio mit Kamera und Monitoren, dessen technische Nüchternheit von „tragbaren Skulpturen“ und den suggestiven „unfertigen Gehstöcken“, bearbeitete Fundstücke aus Ästen und Wurzeln des koreanischen Künstlers Eijin Chai, konterkariert wurde. Chai hatte als Kind im Vorfeld des Koreakrieges 1949 ein Massaker nur überlebt, weil er sich unter den Leichen von Familienmitgliedern versteckte.

Den Umgang mit diesen schwer erträglichen Erinnerungen an politisch sanktionierte Massenmorde entwickelt Lim in der Performanceserie „FireCliff“ (2010 – bis heute) formal weiter. In Kooperation mit Folteropfern, Psychiatern sowie Musikern, Tänzern und anderen Kulturschaffenden erforscht die Künstlerin jene Zwischenräume, die jenseits des visuell Erfahrbaren entstehen, und verwandelt mit ihrem „perfomativen Dokumentartheater“ Ausstellungen in lebendige Bühnen. Ihre Inszenierung enthält analytische wie emotionale Momente, Geräusche und Gerüche, um Erinnerungen zu beleben, ohne die historischen Fakten zu vernachlässigen: Ihre Protagonisten liefern bzw. interpretieren Zeugenaussagen und stellen offiziellen historischen Narrativen alternative, individuelle Erfahrungen entgegen. Der Kontrast hebt die Mechanismen politischer Propaganda aus den Angeln und zeigt auf, wie ein öffentliches Bewusstsein für das Unvergessliche geschaffen werden kann.

Text: Angela Rosenberg