Name
Sung Hwan Kim
Land
Südkorea
Sung Hwan Kim könnte man einen »Geschichtenerzähler« nennen. Mit Performance, Musik, Skulptur oder Zeichnung, vor allem aber Film verwebt Kim — häufig in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Musiker David Michael Digregorio alias Dogr — Fiktionales und Reales, Erlebtes und Erzähltes zu einem Dichten, oftmals atmosphärisch-träumerischen Universum, in dem die Grenzen bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen.
So beginnt er seinen Film »From the Commanding Heights« (2007) programmatisch-ironisch mit den Worten »I know that it doesn’t matter if things are true or not, but this is a true story« — nur um danach von einer Frau zu erzählen, die oben auf ihrem Kopf ein drittes Ohr besitzt und einen langen Hals, in dem sich eine Schlangenfamilie einnistete. Dazu sieht man Kim, wie er auf eine transparente Folie vor der Kamera mit Marker die entsprechenden Szenen zeichnet. Später im Film kolportiert er ein Gerücht, das er während seiner Kindheit in Seoul angeblich von seiner Mutter gehört hat: nämlich dass sich die häufigen Stromausfälle in der Stadt darauf zurückführen ließen, dass der damalige südkoreanische Präsident Park Chung-Hee seine Geliebte, eine berühmte Schauspielerin, lieber im Schutze der Dunkelheit besuchte. Als Erzählung, die der Welt Sinn abringt, bekommt auch das Gerücht seine eigene Wirklichkeit.
Seoul steht auch im Zentrum von Kims Film »Summer days in Keijo — written in 1937« (2007), der auf den Aufzeichnungen des schwedischen Ethnografen und Zoologen Sten Bergman beruht. Bergman besuchte 1937 Keijo, wie das von ihnen großflächig umgestaltete Seoul damals von den japanischen Besatzern genannt wurde. Kim schickt zu seinen Beschreibungen eine junge europäische Frau durch das Seoul der Gegenwart — eine Stadt, die im Zuge der aktuellen Modernisierung erneut radikal umgestaltet wird. Geschichte wird spürbar in der Überlagerung der Zeiten, zwischen Bild- und Tonebene.
Verschiedene gestalterische Mittel lässt Kim auch innerhalb seiner Ausstellungen miteinander interagieren. So war seine Präsentation in den Tanks der Londoner Tate Modern 2012 dezidiert als Gesamtkosmos angelegt: flackernde Filme illuminierten und belebten statische Zeichnungen, Menschen, die sich vor den Projektionen bewegten, schrieben sich mit ihren Silhouetten in deren Rezeption ein, Sitzmöbel und Displays wurden zu Skulpturen. Was in den Filmen narrativ angegangen wurde, nämlich die Auflösung von Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart, löste sich im Ausstellungsraum skulptural und performativ ein.


Sung Hwan Kim: »Watermelon Sons« 2014 performance, Art Sonje Center, Seoul
Courtesy: the artist
Text: Dominikus Müller
Kamera/Schnitt: Uli Aumüller, Sebastian Rausch