Name
Luis Chaves
Land
Costa Rica
Er gilt – auch außerhalb seines Landes – als die wichtigste Stimme der costa-ricanischen Gegenwartsliteratur: der 1969 geborene Lyriker und Übersetzer Luis Chaves. Dies ist bemerkenswert aus zweierlei Gründen: Zum einen verfügt Costa Rica zwar über eine rege Literaturszene – aber selbst die Werke der berühmten Autoren liegen einzig auf Spanisch vor. Zum anderen setzt Luis Chaves ganz eigene Maßstäbe, da er von Anfang an Genregrenzen bewusst ignoriert hat, Lyrik und Prosa bei ihm in immer neuen Kombinationen erfrischende Allianzen eingehen. Schlägt man etwa „Asfalto“ (2006) auf, sein bis dato wohl bekanntestes Buch, vermeint man auf den ersten Blick Prosa vor sich zu haben: Strophen, Zeilenumbrüche, Reim oder Rhythmus sucht man vergeblich. Und doch atmet hier alles den Geist der Poesie: geballte Ausdruckskraft auf engstem Raum. Luis Chaves selbst schien wie aus dem Nichts die Bühne der Literatur mit großem Aplomb zu betreten: Von einem Tag auf den anderen – er selbst kann dies auch nicht wirklich erklären – begann er sich für kreatives Schreiben zu interessieren. Er verfasste erste Gedichte und debütierte 1996 mit dem Band „El Anónimo“, bereits ein Jahr später erschien „Los animals que imaginamos“. Für dieses Buch wurde Luis Chaves mit dem Sor Juana Inés de la Cruz Poetry Award geehrt, der lateinamerikanische Lyrik auszeichnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte der gelernte Agrarwissenschaftler Luis Chaves seinen Brotberuf bereits an den Nagel gehängt. Als er 2005 für „Chan Marshall“ einen weiteren wichtigen Preis erhielt, war sein Name schon fast Legende. Seine eigene Sprache steht dabei in auffallendem Kontrast zu den Superlativen, mit denen man Luis Chaves in seiner Heimat bedenkt: Sie ist schlicht und bewusst angelehnt an den Gestus des mündlichen Sprechens. Sie ist entschlackt – hat es aber in sich und brilliert durch poetisch zugespitzte Bilder. Schlägt man seine frühen Gedichtbände auf, sticht die Kürze vieler seiner Gedichte ins Auge. Zugleich sind sie getragen vom Fluss einer deutlich vernehmbaren Musikalität – auch wenn Luis Chaves (dessen Vater Amateur-Boxer war) inhaltlich gerne Haken schlägt: Muhammad Alis historischer Sieg über George Foreman etwa wird zum Sinnbild für die seelische Stärke der eigenen Mutter, die der Untreue ihres Gatten schweigend standhalten muss. Ein Stopp an einer Shell-Tankstelle in Zentralamerika lässt im lyrischen Ich wiederum die Erinnerung an den Ku-Klux-Klan aufblitzen. In den meisten seiner Gedichte greift Luis Chaves tatsächlich auf Privates, Alltägliches und zugleich scheinbar Abgelegenes zurück: Er schreibt über Paare, die sich trennen; den Morgen nach einer Hochzeit, das Chaos nach dem eigenen Umzug mit Frau und Kindern. Dieses Schwemmgut des Lebens hält er in stenogrammartigen Vignetten fest, deren Dramaturgie auffallend stark vom Anekdotischen, Szenischen lebt. Tatsächlich sind seine Gedichte von einer filmischen Ästhetik geprägt; mehrere seiner Gedichtbände verweisen schon im Titel auf Fotografie und Kinematografie: „Asfalto“ etwa trägt den Untertitel „A road poem“ – Jack Kerouac lässt grüßen; gleichzeitig meint man ein Gemälde von Edward Hopper vor sich zu haben: die Einsamkeit von Mann und Frau an einer verlassenen nächtlichen Bar, die das nahende Ende einer Liebe suggeriert. Doch Luis Chaves beweist zugleich mehr Hintersinn als seine berühmten Kollegen, wenn er uns die beiden durch den Filter einer Überwachungskamera in noch weitere Ferne rückt. In seinen „Historias Polaroid“ (2001) liefert er Momentaufnahmen aus dem Leben seiner eigenen Familiengeschichte und gruppiert diese zu einer Art Album. 2012 erschien eine erste Auswahl seiner Gedichte in deutscher Sprache – der kleine (zweisprachige) Band trägt den programmatischen Titel „La Foto / Das Foto“. Inzwischen experimentiert Luis Chaves noch stärker mit den formalen und erzählerischen Möglichkeiten des Prosagedichts und der Prosa: 2010 veröffentlichte er „El Mundial 2010“, das Chroniken aller Spiele der damaligen Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika enthält. „300 Páginas“ – ebenfalls 2010 erschienen – liefert eine gebündelte Zusammenstellung diverser Zeitungstexte, Kurzgeschichten und Essays, die Luis Chaves in den Jahren 2002 bis 2010 für verschiedene nationale wie internationale Zeitungen und Magazine geschrieben hat. Dass Luis Chaves mit seiner formalen wie thematischen Offenheit – noch der Sport ist ihm ein Gedicht wert! – inzwischen maßgeblich auch eine jüngere, heranwachsende Generation von Autorinnen und Autoren in seiner Heimat beeinflusst, wundert nicht. Man sollte sich allerdings vom Gestus des Beiläufigen, den seine Gedichte verströmen, nicht täuschen lassen: Auch wenn Luis Chaves eine Art „Kleine Literatur“ zu vertreten scheint, erlangt bei ihm das Anekdotische und vermeintlich Private immer auch symbolischen Charakter und dadurch Allgemeingültigkeit. Wer genau hinhört, vernimmt in seinen Gedichten also die ewigen Themen der Literatur: die Liebe und das Leben, die Sehnsucht und ihre Vergeblichkeit. Luis Chaves schreibt darüber mit ebenso viel Witz wie Melancholie – und einer gehörigen Portion literarischer Weisheit. Man lese nur (in der Übersetzung von Timo Berger) sein Gedicht „Foto“: „In dem alten, von der Pobacke verformten Portemonnaie, das Foto aus besseren Zeiten. Wir beide in einem Park in einem anderen Land. Das Foto, auf dem sie auf ewig nicht ihn, der sie umarmt, anblickt, sondern den Unbekannten, der es schoss.“

Text: Claudia Kramatschek
Kamera/Schnitt: Uli Aumüller, Sebastian Rausch