Name
Salomé Lamas
Land
Portugal
Die 1987 in Lissabon geborene Salomé Lamas zählt zu den interessantesten jungen Filmemachern Portugals. Sowohl im Kino als auch im Kontext bildender Kunst untersucht sie auf vielschichtige Art und Weise die Grenzen und Bedingungen dokumentarischen Arbeitens. Mit minimalistischen Settings und geringem Produktionsaufwand erreicht Salomé Lamas eine umso größere gedankliche und emotionale Eindringlichkeit.
Nach einer Reihe von preisgekrönten Kurzfilmen wie „A Comunidade“ (2012) und „Encounters with Landscape (3x)“ (2012) gewann Salomé Lamas erster abendfüllender Dokumentarfilm „Terra De Ninguém“ (Niemandsland, 2012) nahezu alle nationalen Preise bei Doc Lisboa und machte die Regisseurin schlagartig über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bekannt. Der Film feierte seine Premiere im Forum der Berlinale und wurde seither im Rahmen zahlreicher anderer prestigeträchtiger Festivals sowie an relevanten Orten gezeigt, u.a. bei der Documentary Forthnight des MoMa, der Viennale, Fid Marseille, im Harvard Film Archive, dem Pacific Film Archive, dem New York Museum of Moving Images sowie beim Buenos Aires International Festival of Independant Cinema (BAFICI).
Seit „Terra De Ninguém“ werden Salomé Lamas‘ Filme von „O Som e a Fúria“ produziert. Deren Filme (u.a. Miguel Gomes‘ Berlinale-Hit von 2012, „Tabu“) prägen das portugiesische Autorenkino der Gegenwart. Dem Künstlerkollektiv hinter „O Som e a Furia“ gehört als einer ihrer Gründer auch ein weiterer ehemaliger Gast des Berliner Künstlerprogramms an: Der Regisseur Sandro Aguilar war 2013 als Stipendiat in Berlin. Laut dem einflussreichen, in Hollywood erscheinenden Branchenblatt „Variety“ unterstreicht „Terra De Ninguém“ von Salomé Lamas eindrucksvoll den hohen Anspruch der Firma, „visuell ansprechendes, intellektuell kompromissloses Kino“ zu präsentieren, das trotzdem „sowohl Festivals als auch das Arthouse-Publikum anspricht“.
Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit ist Salomé Lamas auch eine gefragte Dozentin und Filmwissenschaftlerin. Momentan promoviert sie in Filmwissenschaft an der Universität in Coimbra, Portugal. Sie studierte Regie und Schnitt an der Escola Superior de Teatro e Cinema (ESTC) in Lissabon sowie an der Prager Filmhochschule FAMU. Darüber hinaus absolvierte sie ein Kunststudium am Sandberg Institute in Amsterdam.
Eine feste Kameraeinstellung. Ein Stuhl. Ein Mann. Ein neutraler Raum. Niemandsland. Viel mehr braucht Salomé Lamas in ihrem vielfach ausgezeichneten Langfilm-Debüt „Terra De Ninguém“ nicht, um nachhaltig zu beeindrucken. Paulo de Figueiredo (66) erzählt vom Töten. Als junger Mann war er Soldat eines portugiesischen Elitekommandos in den Kolonialkriegen in Mosambik und Angola. Nach der Nelkenrevolution arbeitete er zunächst als Leibwächter in Portugal, dann als von der CIA angeworbener Söldner in El Salvador, um schließlich als Mitglied der antibaskischen Untergrundorganisation GAL Auftragsmorde durchzuführen. Ungerührt berichtet er, dass sie in Angola „niemals Gefangene heimbrachten, nur Leichen“, und wie er später, im friedlichen Portugal, oft die Notaufnahme besuchte, um den „süßen Geruch von Blut“ wieder einzuatmen. Geschichte und Geschichten vermischen sich. Selbstinszenierung und Geständnis gehen ineinander über. Die Filmemacherin reflektiert und recherchiert Geschichte im kritischen Sinne Walter Benjamins. An Authentizität oder historische Wahrheit als feststehende Größe glaubt Salomé Lamas nicht. Ihr Film ist das dichte, beunruhigende Protokoll einer Schattenexistenz und gleichzeitig eine Reflexion über die Grundlagen dokumentarischen Arbeitens. „Terra De Ninguém“ lief auf zahlreichen europäischen sowie nord- und südamerikanischen Festivals und wurde sowohl bei Doc Lisboa als auch bei der Documenta Madrid ausgezeichnet.
Die Kurzfilme und Videoinstallationen von Salomé Lamas sind oft intensive Porträts, etwa der Menschen auf dem ältesten Campingplatz Portugals („A Comunidade“, 2012, ausgezeichnet als bester internationaler Dokumentarfilm beim Vila do Conde Kurzfilmfestival in Portugal). Bei „Encounters with Landscape (3x)“ (2012) und anderen Filmen dagegen stellt eine scheinbar trockene, philosophische Annahme den Ausgangspunkt für Salomé Lamas‘ Schaffen dar. Bei „Encounters …“ ist es Kants Idee des Sublimen, des Schönen und Erhabenen – Salomé Lamas erprobt sie am eigenen Leib. In der rauen Landschaft von Sete Cidades auf den Azoren führt das zu Szenen mit manchmal komischer, manchmal beängstigender Konsequenz. Das Ergebnis wurde als bester Kurzfilm beim Media 10-10 International Short Festival 2012 in Belgien ausgezeichnet und erhielt in demselben Jahr beim portugiesischen Indie Lisboa den New Talent Award.

Die Videoinstallation „Theatrum Orbis Terrarum“ (2013) ist als eine Landkarte aus Erinnerungen konzipiert, die ihr je eigenes Territorium umreißen, indem sie die winzigen Grenzen, die zwischen den drei Projektionsflächen bestehen, konstruieren und rekonstruieren. Die Installation wurde zuerst im Portugiesischen Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst gezeigt, die Kurzfilmversion hatte ihre Erstaufführung beim Filmfestival von Rom.

Gegenwärtig arbeitet Lamas an den beiden Langfilmen „El Dorado“, der in Peru spielt, und „Extinction“, der in Transnistrien angesiedelt ist. Beide Filme werden von „O Som e a Fúria“ in internationaler Ko-Produktion betreut.


Text: Maike Wetzel
Foto: still aus Encounters with Landscape