Name
Charl-Pierre Naudé
Land
Südafrika
Charl-Pierre Naudé – 1958 in Kokstad geboren – gilt als einer der interessantesten und vielversprechendsten Lyriker des zeitgenössischen Südafrikas. Seine beiden Eltern stammen von hugenottischen Vorfahren ab; er selbst wächst erst in Durban, dann in East London am Ostkap auf. Die Welt des Ostkaps – bevölkert von den Mythen und Legenden der Xhosa – erlebt der Jugendliche als eine magische Welt. Doch die strikt nach Rassen getrennte Gesellschaft, in der damaligen Zeit noch eine unhintergehbare Selbstverständlichkeit, empfindet er schon früh als ein durch und durch menschenunwürdiges System. Der Moment dieser Erkenntnis ist der Wendepunkt in seiner Selbstdefinition als „weißer“ Südafrikaner, die er – eher im Verborgenen und zwischen den Zeilen – bis heute im Spiegel seiner Lyrik befragt. Naudé steht dabei stellvertretend für eine ganze Generation jüngerer Dichter und Dichterinnen, die nicht mehr im Schatten des Soweto-Aufstands, sondern im Zwielicht der Post-Apartheid zu ihrer Stimme fanden: aufgespannt in der Dichotomie zwischen dem Zusammenbruch des Alten und dem fragilen Aufbau eines „neuen“ Südafrikas, in der die Euphorie des Aufbruchs rasch einer Ernüchterung weichen musste. Er selbst betrat bereits 1995 die Bühne der südafrikanischen Lyrikszene mit dem Gedichtband „Die nomadiese oomblik“ (Der nomadische Augenblick) – 1997 erhielt er dafür den Ingrid-Jonker-Preis, mit dem alljährlich herausragende Lyrikdebüts in Englisch oder Afrikaans bedacht werden. Naudé – wie alle seiner Generation noch groß geworden mit der Frage: wer schreibt was für wen in welcher Sprache – ist übrigens in beiden Sprachen zu Hause: Seinen zweiten, ebenfalls preisgekrönten Gedichtband „In die geheim van die dag“ ( 2005) legte er 2007 in einer englischen Fassung vor, unter dem Titel „Against the Light“ – wobei er Wert darauf legt, dass die englische Fassung keine bloße Übersetzung sei, sondern eine Umsetzung: ein Poet, zwei Sprachen, zwei unterschiedliche Modi der Weltwahrnehmung. Das Afrikaans wiederum – einst die dominante Sprache der „Herrscher“, nun „marginalisiert“ als eine der elf offiziellen Sprachen Südafrikas, das sich auch literarisch neu zu behaupten lernen musste – erachtet er als eine von Grund auf gemischte und das heißt von intra-kulturellen Übersetzungen geprägte Sprache. Schon Naudés Debüt wies dabei die für seine Lyrik so typischen Elemente auf: Dazu zählt der bewusste, aber immer auch bewusst ironisch gebrochene Rückgriff auf klassische Formen (wie etwa das Sonett) und Poetologien. Prometheus und Aphrodite, Lesbia oder die Zyklopen geistern ebenso durch seine Lyrik wie die beiden antiken Dichter Catull und Horaz, die Naudé in ein fiktives Wettgespräch verwickelt, wer von beiden der bessere Dichter sei. Befragt nach der Rolle beider Dichter für sein eigenes Werk, erklärte Naudé in einem Interview: „Für mich sind sie Prototypen zweier poetischer Haltungen, die beide die nachfolgende westliche Lyrik beeinflussten. Aber wichtiger für mich war: Horaz war für den Staat und für Ordnung; Catull war gegen den Staat, gegen eine strikte Ordnung. Und genau vor diesem Problem stehen südafrikanische Autoren auch heute: Sie finden sich wieder in einer Situation, in der die Wahl nicht so einfach ist, wie sie scheint.“ (in: Bernard Odendaal im Gespräch mit Charl-Pierre Naudé. Tydskrif vir Letterkunde 45.2, 2008, S. 184-193). Naudé selbst hat sich für Catull entschieden, dessen Gedichte trotz turbulenter politischer Umbrüche nie per se politisch waren, sondern stets auf den Impetus des Erlebten setzten. Das Politische ist dementsprechend auch in Naudés Lyrik zwar anwesend – aber es bricht sich stets in Prismen des Persönlichen: In „How I got my Name“ macht er sich beispielsweise mit dem für ihn typischen Humor Gedanken über seinen zu einem Pidgin verkürzten und mit einem Bindestrich in zwei Hälften geteilten hugenottischen Vornamen – für ihn eine „konzise Geschichte der Kolonisation“. Er bürstet die (oftmals verklärte) Geschichte Südafrikas gegen den Strich und hält in grellen Vignetten die sozio-politischen Herausforderungen der Post-Apartheid-Gegenwart fest, seien das AIDS, Xenophobie oder die noch immer ungleichen Besitzverhältnisse. Immer aber dominiert in seiner Lyrik das erzählerische Moment. Denn Naudé – der vor allem vom Werk seines südafrikanischen Kollegen Breyten Breytenbach geprägt ist – lässt mit Vorliebe einander fremde Bild-Partikel kollidieren, was seinen Gedichten ein traumähnliches, surrealistisches Gepräge verleiht. Oft lesen sich diese daher wie ein wilder Bewusstseinsstrom, der zwar angefüllt ist mit sinnlichen Details der konkreten Welt – in dem dann aber doch „Fremdes und Vertrautes ständig aufeinander prallen und es kein Rezept gibt, wie es darauf zu reagieren gilt“ (so Indra Wussow im Nachwort der Lyrikanthologie „Ankunft eines weiteren Tages“). Wie viele seine Generation ist also auch Naudé auf der Suche nach einer neuen, genuin „südafrikanischen“ Perspektive, die mehr umfassen würde als die geografischen Ausläufer seiner Heimat. „Wie über Afrika schreiben? Und kann man das überhaupt?“, so schrieb Breyten Breytenbach im Vorwort eines instruktiven Bandes mit dem programmatischen Titel „Imagine Africa“, der 2012 erschien und auch Naudé als Autor führt. Im Idealfall, so Breytenbach, hieße „Afrika zu imaginieren“: jenseits der üblichen Tropen der exotischen Romantisierung oder der defätistischen Verdammung sich schreibend als historisches Subjekt auf den Weg in eine Zukunft zu begeben, in der die Träume von einem hoffnungsvollen Morgen ebenso eine Stimme finden wie die zum Verstummen gebrachten Gespenster der schmerzlichen Vergangenheit. Dem südafrikanischen Catull Charl-Pierre Naudé scheint dies mit Leichtigkeit zu gelingen.

Text: Claudia Kramatschek