Name
Gail Jones
Land
Australien
Raoul Schrott hat erklärt, er halte sie „für eine der besten Schriftstellerinnen seiner Generation“. Doch Gail Jones, die 1955 in Westaustralien zur Welt kam, ist in Deutschland noch immer eine Art Geheimtipp. Liegt das vielleicht daran, dass die studierte Kultur- und Kommunikationswissenschaftlerin eine nach guter alter angelsächsischer Manier „gelehrte Autorin“ ist? Jones, die zuletzt an der University von Western Australia unterrichtete, verleiht ihren Romanen nämlich stets ein ästhetisch-geistiges Surplus der (Selbst)Reflexion, das ein reines Storytelling mit Hilfe einer genuinen Mischung aus stupender Imagination und essayistischer Intelligenz überschreitet. Ihre bis dato vorliegenden, vielfach preisgekrönten Romane – 2002 debütierte sie mit „Black Mirror“, ihr fünfter Roman „Five Bells“ erschien 2011 (dt. „Ein Samstag in Sydney“) – überschreiten zugleich auch geografische Grenzen. Oftmals finden sich ihre Protagonisten – besser: Protagonistinnen, denn in der Mehrzahl stehen weibliche Figuren im Mittelpunkt – auf mehreren Kontinenten und damit im Kraftfeld unterschiedlicher Kulturen wider. Lucy Strange etwa, die „seltsame“ Heldin ihres zweiten Romans „Sixty Lights“ (2004; dt.: Sechzig Lichter), verschlägt es Mitte des 19. Jahrhunderts von Australien erst nach England, dann nach Indien, schließlich wieder zurück nach England. Dort stirbt sie im Alter von nur 22 Jahren – viel zu jung, auch weil sie sich anschickte, eine begnadete Fotografin zu werden. Von dieser Passion – und damit von jenem magischen historischen Moment, als die neue erfundene Technik der Fotografie sich anschickte, unser Sehen für immer zu verändern – handelt denn auch der Roman, dem Jones die Form eines Fotoalbums verliehen hat: In 60 klug arrangierten, in der Zeit hin und her blendenden Kapiteln vergegenwärtigt Jones, was Lucy in ihren Tagebüchern aus jener Zeit festhält: „Besondere Gesehene Dinge“ und „Nicht entstandene Fotografien“. Für Lucy – allein durch ihre Augen können wir sehen – wird die Fotografie zu einer rettenden Laterna Magica, die ihr erlaubt, die Welt als das zu entziffern, was sie ist: eine wundersame Schöpfung voller Zeichen. Lucys fotografische Weltwahrnehmung wird dabei mit Jones‘ hinreißend bildgenauer und doch zugleich poetischer Prosa selbst in ein literarisches Bild verwandelt, die den Roman zu einer Schule des Sehens macht, wenn Jones etwa große Gesten und Gefühle in kleinen Vignetten festzuhalten versteht. Nebenbei aber lässt Jones anhand von Lucys Lebensweg auch noch einmal die Zeit des British Empire lebendig werden, das sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt befand – um es im Spiegel von Lucys kindlich-kritischen Augen zugleich zu entsentimentalisieren: Alles, was die Briten beispielsweise an Indien hassen, scheint ihr wie die leuchtende „Schrift des Lebens“; wo das körperfeindliche Empire das Makellose sucht, liebt sie noch in der Fotografie den Stempel des menschlichen Makel. Tatsächlich sind Jones’ Romane immer von einem elektrisierenden Wärmestrom durchzogen, wenn es darum geht, die Geometrie menschlicher Beziehungsgeflechte nachzuzeichnen. In „Dreams of Speaking“ (2006; dt.: Der Traum vom Sprechen) etwa – in dem die Autorin ebenfalls Kontinente übergreifend die Poesie der technischen Moderne beleuchtet – treffen zwei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Alice, eine junge australische Forscherin, und Mr. Sakomoto, ein Überlebender des Atombombenabwurfs von Nagasaki. Erneut erweist sich übrigens in diesem Roman, dass Jones’ so eigenwillige wie akkurate Sprache ¬ – von Conny Lösch jeweils geschmeidig ins Deutsche übertragen – selbst eine zentrale Akteurin all ihrer Bücher ist. Mit Bedacht wählt sie jedes Wort: vorsichtig tastend, als wären die Worte kein Instrument der Weltimitation, sondern selbst ein lebendes Organ – das sich jedoch bei aller Leuchtkraft sein letztes Geheimnis bewahrt. Zur Meisterschaft gekommen scheint ihre Sprache in ihrem Roman „Sorry“ (2007; dt.: Perdita), der denn auch eine opake Schönheit verstrahlt. Die kleine Perdita – benannt nach einer Figur aus Shakespeares „Wintermärchen“, das dem Roman nicht allein als Motto dient – kommt im Outback Australiens zur Welt, wohin ihre Eltern 1930 von Großbritannien ausgewandert waren. Ihr Vater ist ein herrischer Mann, der von einer Karriere als Anthropologe träumt; die Aborigines hält er für faszinierende aber minderwertige Studienobjekte, die er mit Selbstverständlichkeit auch für seine sexuellen Bedürfnisse ausbeutet. Die gefühlskalte und depressive Mutter dagegen kennt nur eine Leidenschaft: Shakespeare – in der Ödnis der kargen Hütte driftet sie allmählich in den Wahnsinn ab. Zuneigung erfährt die kleine Perdita, die „Verlorene“, einzig durch die 16-jährige Aborigine Mary, die in einem christlichen Heim erzogen worden ist und nun der Familie als Haushaltshilfe zur Hand gehen soll. Doch eines Tages findet Perdita ihren Vater ermordet im Wohnzimmer vor – Mary wird des Mordes verdächtigt und in eine Besserungsanstalt geschickt. Das Trauma dieses doppelten Verlusts verschlägt Perdita die Sprache – und es steht am Anfang des Romans, der Perditas langen und schwierigen Weg nachzeichnet, den sie gehen muss, um sich endlich der Wahrheit zu stellen und damit ihre Sprache wiederzufinden. Gekonnt spiegelt Jones den Sprachverlust in eindringlichen Sprachbildern – wir schlüpfen quasi in Perditas Haut; zugleich wechselt die Erzählperspektive beständig zwischen „Ich“ und „Sie“ hin und her. Erst am Ende des Romans löst Jones den Mord wirklich auf – und spätestens dann ist klar, dass sie hier erneut die Schattenseiten des Empire beleuchtet: gesellschaftliche Vorurteile und das Hierarchiedenken der Kolonialherrschaft. Daher auch der Titel „Sorry“: Australische Leser oder Leser, die mit der australischen Geschichte vertraut sind, wissen sofort, dass Jones mit diesem Roman das hochbrisante Verhältnis ihrer Heimat zu den Stammes- und Ureinwohnern reflektiert. Noch bis zu Beginn der Siebzigerjahre wurden deren Kinder entwendet, um sie – wie die Hausangestellte Mary – in „weißen“ Familien oder Erziehungseinrichtungen zu „zivilisieren“. Bekannt wurde dieses staatlich sanktionierte Verbrechen erst 1997, als der „Bringing them Home“-Bericht erschien; seit 1998 wird der so genannte „Sorry Day“ begangen, um an das Leid dieser Menschen zu erinnern. Weitere zehn Jahre mussten vergehen, bis am 13. Februar 2008 zum ersten Mal ein australischer Premierminister – der frisch gewählte Kevin Rudd – das Wort „Sorry“ öffentlich aussprach. In der Sprache der Aborigines wiederum bezeichnet „Sorry Business“ alles, was mit Tod und Trauer zu tun hat. Man sollte die Sprachartistin Jones – deren jüngster Roman „Five Bells“ ebenfalls die prägende Macht der Vergangenheit umkreist – daher nicht unterschätzen: Gekonnt und bewusst spielt sie auf der Klaviatur zwischen mahnender Erinnerung und hoffnungsvoller Vergebung.

Text: Claudia Kramatschek