Name
John Burnside
Land
Großbritannien
In seiner Heimat gilt der 1955 geborene Schotte John Burnside schon lange als einer der bedeutendsten Lyriker und Erzähler. Burnside, der an der University of St. Andrews Kreatives Schreiben lehrt, hat sich übrigens als Lyriker zuerst einen Namen gemacht. 2011 erhielt er für seinen Gedichtband „Black Cat Bone“ sowohl den renommierten T.S. Eliot-Preis als auch den Forward-Preis. Dass sein Werk dem deutschen Publikum dagegen erst mit deutlicher Verzögerung zugänglich wurde, mag nicht zuletzt an der perfiden Mischung vor allem seiner Romane liegen, die sich einer eindeutigen Zuordnung bewusst entziehen: Einerseits bestechen sie durch eine berauschend schöne Sprache, denn noch als Prosaautor ist Burnside vor allem Dichter. Jeder seiner Sätze, jedes seiner Bilder verstrahlt eine andere, ganz eigene Note; nie dienen sie als Motor der Handlung, stets besitzen sie ein ganz eigenes Gewicht. Andererseits beunruhigen seine Romane, da Burnside menschlichen Urerlebnissen beklemmend nah zu Leibe rückt: Tod und Gewalt; seelische und körperliche Exzesse; Ängste und Obsessionen geben sich bei ihm ein ungeschöntes Stelldichein. Schon sein Prosadebüt „The Dumb House“, 1997 erschienen, löste Unbehagen aus. Darin unterzieht ein Psychopath, der auf der Suche ist nach dem Sitz der Seele, seine Kinder grausamen Experimenten. Doch Burnside – der erst in dem Moment zur Prosa fand, als er nach langen Wanderjahren in England und den Vereinigten Staaten wieder in seine schottische Heimat County Fife zurückkehrte und dort Wurzeln schlug – verherrlicht keineswegs das Böse, noch setzt er es rein der Effekte wegen ein. Nein, Burnside ist vielmehr ein zärtlicher Moralist, der mit fein gewetztem Seziermesser die Abgründe der Seele erkundet – weil er weiß, dass die sichtbare Ordnung der Dinge, das scheinbar geregelte Gefüge der Welt nichts ist als eine trügerische Illusion. In Die Spur des Teufels“ (dt. 2008) etwa wird ein Jugendlicher unschuldig schuldig am Tod eines Schulkameraden, der sein grausamer Peiniger war. Jahrzehnte später muss er sich seiner lang verschwiegenen Mitschuld stellen, als er einem jungen Mädchen begegnet, das seine Tochter sein könnte – gezeugt womöglich mit der Schwester des Toten, die er einst willentlich verführt hatte. Wissend, dass die Welt im Hier und Jetzt Risse aufzeigt, gestaltet sich diese bei Burnside stets als eine durchlässige: Geister gehen darin um; seine Figuren heißen anspielungsreich Moira (gr. Schicksal) oder Maja (der Schleier der Wahrheit); Menschen verschwinden sang- und klanglos; die Vergangenheit holt seine Figuren ein wie „die Spur des Teufels“; vermeintliche Wahrheiten erweisen sich als Lügen. „Lügen über meinen Vater“ (dt. 2011) hat Burnside im deutschen Sprachraum endgültig bekannt gemacht – es ist die schonungslose und schonungslos persönliche Aufarbeitung seiner eigenen zerrütteten Vater-Beziehung. Dieser Vater war ein Säufer, Spieler und Gewalttäter. Vor allem aber erwies sich dieser Vater als ein notorischer Lügner – er musste vergessen, dass er ein Findelkind und also ein Niemand war. Erst spät realisiert der Sohn, dass die Drogenexzesse, in die er selbst sich flüchtet, um dem väterlichen Radius zu entkommen, der gleichen zerstörerischen „via negativa“ folgen, die auch der verhasste Vater für sich wählte. „Lügen über meinen Vater“ (und der würdige Nachfolger „Waking up in Toytown“) ist vielleicht so etwas wie eine Schlüssellektüre, will man die menschlichen und psychologischen Triebkräfte dieses so radikalen wie humanistischen Schriftstellers verstehen. Schaut man genauer hin, geistern nämlich durch viele seiner Romane seelisch traumatisierte Kinder – Kinder wie etwa die achtzehnjährige Liv im Roman „In hellen Nächten“ (dt. 2012). Liv leider unter der gefühlskalten Mutter – einer berühmten Landschaftsmalerin, die sich mit ihrer Tochter auf die einsame Insel Kvaløya zurückgezogen hat. Allein auf sich gestellt, entwickelt Liv sich zu einem Mädchen, das in fast neurotischer Weise ihrer Umwelt nachspioniert. Als erst zwei Brüder – ihre Klassenkameraden – ertrinken und dann ein zwielichtiger Sommergast sowie der alte schrullige Kyrre Opdahl, ihr einziger Vertrauter, sich scheinbar in Luft auflösen, ist Liv sich ihrer Sache sicher: Die Huldra, ein böser Geist in Gestalt einer verführerischen Frau, hat von der halbwüchsigen Maja, einem Nachbarsmädchen, Besitz ergriffen. Erst spät begreift man, dass der Roman – erzählt aus der Rückschau Livs – ein präzises, aber auch äußerst irisierendes Seelenbild seiner höchst unzuverlässigen Chronistin liefert. Burnside – der selbst einmal als Vorbild für diesen Roman Henry James’ „Turn of the Screw“ genannt hat – bietet nämlich mehrere Lesarten des Geschehens an. Die Grenzen zwischen Realität und Einbildung, zwischen den sichtbaren Zeichen und der Bedeutung, die wir ihnen verleihen, verschwimmen auch für den Leser bis zum Schluss dieses Romans. Zur Meisterschaft gebracht hatte Burnside diese Form der bewussten Unschärfe – nicht umsonst spielt das Licht in all seinen Schattierungen eine immense Rolle – schon in dem Roman „Glister“ (dt. 2010). Der ist angesiedelt in einer kleinen Stadt an der schottischen Küste, wo eine ehemalige Chemiefabrik einst Arbeit und Auskommen, dann aber Tod und Leid gebracht hat. Die Menschen sterben an Krebs; das Fabrikgelände ist hoch vergiftet. Und dann verschwinden nach und nach auch noch Teenager – ohne dass die Menschen im Dorf sich fragen, warum. Die zwischen Kriminalroman und Umweltthriller, zwischen Endzeit-Roman und Horrorgeschichte angesiedelte Handlung zielt denn auch letztlich auf die Reflexion einer Todsünde hinaus: auf die Sünde der Unterlassung als eine besondere Form der menschlichen Grausamkeit. Weil Burnside, so schrieb Felicitas von Lovenberg 2009 in der FAZ, ein Autor voller Sorge sei um die Seelen der Lebenden wie der Toten, die Umwelt und die Zukunft, zeige er auf die Wunden, deren Sinn wir zwar nicht verstehen, doch deren Schmerz wir fühlen. Er schaffe Figuren, die das Leiden auf sich nehmen, für uns Opfer bringen und um Vergebung suchen. Denn alles Erzählen, so Lovenberg, diene dazu, denen zu vergeben, die in den Geschichten vorkommen – auch Burnside selbst. Insofern sind seine Romane – von Bernhard Robben allesamt in ein so elegantes wie federnd leichtes Deutsch übertragen – im besten Sinne Geisterbeschwörungen und Teufelsaustreibungen zugleich: Sie verheißen, so Lovenberg, die Möglichkeit des Übergangs in einen anderen Zustand, der Verwandlung durch die Literatur.

Text: Claudia Kramatschek

Foto: Lucas Burnside