Name
Mathias Énard
Land
Frankreich
Szene 1: 1854 schreibt Gustave Flaubert einen seiner zahlreichen Briefe an seine Geliebte Louise Colet, auch sie eine Schriftstellerin. Flaubert teilt ihr mit, er sei zu der Überzeugung gekommen, dass alle großen Literaturen der Welt sich letztlich aus Romanen speisten, die vor allem eins waren: Enzyklopädien ihrer Zeit. Ob Rabelais, ob Homer, so Flaubert: „Sie wussten alles.“
Szene 2: 1990. Der achtzehnjährige Mathias Énard – zu dieser Zeit noch Student der Kunstgeschichte – verbringt einen Monat in Beirut, wo er für das Rote Kreuz arbeitet. Der libanesische Bürgerkrieg – in dem am Ende jeder gegen jeden kämpfte und rund 90.000 Menschen starben – neigt sich zwar zu Ende, wütet aber noch in der Stadt, die einst berühmt war für das Zusammenleben der Religionen und Kulturen.
Hier der Aufenthalt in der Kriegszone Libanon; dort das für die literarische Moderne kennzeichnende Ideal einer homerischen, also enzyklopädischen und somit die Welt erklärenden Literatur: Beide Kraftfelder zusammen bilden das energetische Zentrum des preisgekrönten Romans „Zone“, mit dem der 1972 in Niort geborene Schriftsteller Mathias Énard 2008 auch international Erfolg erlangte. Tatsächlich konnte Énard die Gewaltexzesse im Libanon nicht vergessen. Er macht seinen Abschluss in Kunstgeschichte, studiert die persische und arabische Literatur, reist immer wieder in den Mittleren und Nahen Osten – und legt 2003 seinen ersten Roman vor: „La perfection du tir“ (Die Perfektion des Schusses). Schon dieser Roman handelt vom „Handwerk des Tötens“. Es ist das Porträt eines Scharfschützen im zerstörten Beirut, der sein blutiges Geschäft als hohe Kunst betrachtet. Mit „Zone“ (der Titel spielt an auf das gleichnamige Gedicht Apollinaires, in dem dieser das Ende der Alten Welt besingt) kehrt Énard erneut an den Ort seiner künstlerischen Initiation zurück: in einen geografisch weit gefassten Mittelmeerraum und damit zur Wiege der abendländischen Zivilisation. Vor deren nur scheinbar bukolischen Gestaden entrollt „Zone“ in kühner Geste eine moderne kriegsgetränkte „Ilias“ des 20. Jahrhundert, die Bestandsaufnahme einer mörderischen Epoche. Énard liefert damit zugleich eine so wortgewaltige wie gewalttätige Gegengeschichte zu unserer schönen Idee eines friedliebenden und Frieden bringenden Okzidents. Raum und Zeit, Mythen und Fakten, Kriege und griechische Göttersagen durchkreuzend und ineinander verwebend, legt er – beginnend von den Trojanischen Kriegen über die Leichenberge der ermordeten Juden bis hin zu den heutigen Auseinandersetzungen in Palästina – in 24 Kapiteln (angelehnt an die 24 Gesänge der „Ilias“) wie ein Archäologe das verdrängte Fundament unserer Gegenwart frei: „Steinhaufen die auf ebenso viele Gräber Leichengruben Massengräber hinweisen auf eine neue Karte ein anderes Netz von Spuren Straßen Schienen Flüssen die nach wie vor vergessene verehrte anonyme oder in der großen Geschichtsrolle verzeichnete Leichen Überreste Bruchstücke Schreie Gebeine mit sich führen.“ Dieser mal atemlose, mal delirierende Stil – dessen abwechslungsreiche Rhythmik die deutsche Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller in bewundernswerter Weise einfängt – ist die zweite formale Kühnheit des Romans: Angelegt als Bewusstseinsstrom eines Mannes, der selbst ein exemplarischer Kofferträger der Gewalt war – erst Söldner im Jugoslawienkrieg, dann Spion des französischen Geheimdienstes –, mäandern dessen Gedanken 600 Seiten lang in einem einzigen Satz ohne Punkt und Komma, ohne jegliche Interpunktion. Énard – der einerseits akribisch recherchiert, andererseits strukturelle Formspielereien liebt – erinnert mit diesem Stilelement nicht nur daran, dass Apollinaires titelgebendes Gedicht „Zone“ seinerzeit das erste französische Werk ohne Interpunktion darstellte. Er erweist damit natürlich auch James Joyce und dessen für die Moderne wegweisenden Roman „Ulysses“ Reverenz: auch dies die Geschichte eines Mannes, der nicht heimkehren, keine Ruhe finden kann. Énard hat übrigens mehrere literarische Vorbilder und Gleichgesinnte wie einen Hintergrundchor subtil in seinen Roman eingearbeitet: Ezra Pound, Malcom Lowry, William Burroughs – sie alle geistern mit ihren Stimmen durch diese „danse macabre“. Énard geht es mit solchen Spiegelungen aber nicht um literarische Selbstbeweihräucherung. Sein Roman – der trotz zahlreicher Darstellungen brutalster Gewalt in keinem Moment mit einer Ästhetik des Bösen liebäugelt – stellt vielmehr eine grundsätzliche Frage: Was vermag die Literatur angesichts der Gewalt? Worin liegt die spezifische Kraft der Literatur – angesichts der Tatsache, dass wir Sujet der Geschichte sind: Subjekt und Objekt, Opfer und Täter zugleich? Und er liefert zugleich eine wunderbare, da so antiquierte wie aktuelle Antwort: Literatur kann das Vergangene vergegenwärtigen – um den Weg in die Zukunft zu ermöglichen. Sie ist die Kraft, die Welt erschließt, indem sie abbildet, ohne in der reinen Abbildung zu verhaften. Zwischen faktenreicher Geschichtsschreibung und dem manipulativen Möglichkeitssinn der Literatur changiert auch sein jüngster Roman „Erzähl ihnen von Schlachten Königen und Elefanten“. Mit diesem schmalen, aber gehaltvollen Roman – einer eleganten Miniatur aus der Biografie des Renaissancekünstlers Michelangelo – bewies Énard, dass er das Register der minimalistischen Verknappung ebenso beherrscht wie das Register des Überbordenden. Ausgehend von einer historisch verbürgten Episode – Michelangelo war 1506 an den Hof des osmanischen Sultans Bajazet in Konstantinopel eingeladen, trat die Reise aber nicht an – imaginiert Énard hier ein ‚was wäre gewesen, wenn’? Énard macht das Mögliche wahr: Michelangelo reist nach Konstantinopel – und entwirft eine Brücke über das Goldene Horn. Der skizzenartig angelegte Roman – der durch Auslassung besticht, aber ein dennoch erstaunlich dichtes Geschichtsfresko der Renaissance ausbreitet – erzaubert somit eine höchst metaphorische Parabel über den Brückenschlag zwischen Orient und Okzident. Aber: es ist die Parabel eines verpassten Brückenschlags, eines misslungenen Dialogs zwischen den Kulturen. Énard – der seit 2008 in Barcelona lebt und dort Arabisch lehrt – erzählt davon übrigens mit der gleichen ironischen Distanz, mit der er schon 2007 in seinem subversiven „Bréviaire des artificiers“ den zweifelhaften Werdegang eines islamistischen Fundamentalisten aufs Korn nahm. Er erweist sich somit selbst als ein so kritischer wie emphatischer Grenzgänger zwischen Ost und West, der die Ambivalenz zum bewussten poetischen Programm erhoben hat.



Text: Claudia Kramatschek