Name
Judy Radul
Land
Kanada
In den vergangenen Jahren hat sich die interdisziplinär arbeitende Kanadierin Judy Radul (1962 in Lillooet geboren, lebt in Vancouver) vorwiegend mit Formen der Video- und Filminstallation beschäftigt. Zuletzt schuf sie aufwendige, die Wahrnehmungsgewohnheiten des Betrachters herausfordernde Videoinstallationen, die die Grenze zwischen den Bereichen Theater, Performance und Film verschieben. In der fünf-kanäligen Installation „Downes Point“ (2005) beispielsweise, setzt sie sich mit dem Kamerablickwinkel auseinander, der ähnlich wie bei einer Bühne oder einer anderen gebauten Umgebung den Bildraum absteckt. In „Downes Point“ werden Aufnahmen von fünf statischen Kameras zu einer Montage verwoben. Auf zwei gegenüberliegenden Projektionen spielt sich eine Handlung mit einem Regisseur und mehreren Schauspielern in einem Wäldchen auf der Hornby Insel in Kanada ab. Die Aktion ist so choreographiert, dass sie die raumhafte Struktur der Bilder verdeutlicht, die von den feststehenden Kameras erzeugt werden. Das gewählte formale System überlagert die natürliche Umgebung und schafft durch seine Grenzziehungen eine Art Interieur. Die Landschaft wird so zur Bühne, die selbst die Ein- und Ausgänge zeigt, über die die Schauspieler die Szenen betreten oder verlassen. Gleichzeitig ist die Handlung ambivalent. Der Regisseur gibt ambitionierte Anweisungen, die an ein Casting erinnern, aber unsere Erwartung irritieren, denn undurchsichtig bleibt der Sinn seiner Auswahl oder ob überhaupt eine getroffen wurde.

„World Rehearsal Court“ (2009), Raduls bisher umfangreichstes Projekt, überträgt die Auseinandersetzung mit visuellen Medien und Theatralität in den Bereich der Rechtssprechung. Radul führt vor, wie die politischen, sozialen und technischen Bedingungen von Gerichtsverhandlungen in der medientechnologischen und sicherheitstechnischen Ausstattung und Inszenierung von Gerichtsverfahren zum Vorschein kommen. Teil der Installation ist eine sieben-kanälige Videoinstallation, die ein Script mit nachgestellten Szenen aus Prozessen des Internationalen Strafgerichtshofes zu Ex-Jugoslawien und Sierra Leone als Ausgangspunkt für eine filmische Montage nimmt, in der alle Namen und Orte durch fiktive ersetzt wurden. Daneben werden Objekte gezeigt, die unmöglich zuzuordnen sind, während mittels einer Reihe von Überwachungskameras die anwesenden Besucher auf eine Monitorreihe übertragen werden. Indem Radul den technologisierten Gerichts-Apparat wie ein Filmset im Galerieraum inszeniert, betont sie den theatralischen Charakter von Gerichtsverhandlungen. Im Vordergrund von Raduls Werk stehen dabei nicht konkrete Gerichtsfälle, vielmehr rückt sie die Frage nach der Darstellbarkeit und Inszenierung von „Wahrheit" ins Blickfeld, also Fragen nach der Politik der Live-Übertragung von Gerichtsverhandlungen und der filmischen Inszenierung des aufgezeichneten Materials.