Name
Avi Mograbi
Land
Israel
Der 1956 in Tel Aviv geborene israelische Filmemacher und Videokünstler Avi Mograbi gilt nicht nur als der bedeutendste Dokumentarist Israels. Als engagierter Zeitzeuge des Nahostkonflikts, als Experimentator und Erneuerer der Filmsprache steht bei ihm das Dokument neben der Fiktion. Er stellt schmerzliche und ungelöste Fragen nach Verantwortung, Vergebung und der Natur der filmischen Wahrheit. Die Tonlage seiner Filme ist oft bitter und pessimistisch, aber auch voll sarkastischen Humors. Aus den szenischen oder bildnerischen Entscheidungen spricht ein fundamentales Misstrauen gegenüber einfachen Lösungen.

2009 verlieh die Akademie der Künste in Berlin Avi Mograbi den Konrad-Wolf-Preis für seine herausragenden filmischen Leistungen. Seine Filme sind weltweit auf Festivals vertreten. Beim Yamagata Filmfestival erhielt Z32 (2008) den Excellence Award und wurde in Venedig zum besten Dokumentarfilm gekürt. Avenge but one of my blue eyes (2005) lief beim Festival in Cannes und erhielt den Amnesty Award sowie eine besondere Erwähnung beim Rotterdam Filmfestival. Detail (2004) lief unter anderem beim Forum der Berlinale und wurde in Milano mit dem Aprile Award sowie beim Ann Arbor Filmfestival mit dem Michael Moore Award für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. August (2002) bekam den Friedenspreis der Berlinale und wurde in Sao Paolo zum besten Film erklärt. Das Israeli Film Institute zeichnete The Reconstruction (1994) als besten Dokumentarfilm aus.

Avi Mograbis Eltern stammen aus unterschiedlichen Hemisphären: Seine Mutter floh 1933 aus Leipzig nach Israel, die Familie seines Vaters dagegen lebte in Beirut und Damaskus. Er selbst studierte Kunst und Philosophie in Tel Aviv, wo er bis heute lebt. Nach ersten Regieassistenzen begann er 1989 mit dem Filmemachen. Seit 1999 unterrichtet er auch Dokumentar- und Experimentalfilm an der Universität von Tel Aviv sowie in Jerusalem an der Sam Spiegel Filmhochschule und der Kunsthochschule.

Mograbis Filme sind reflexiv ohne je trocken oder formalistisch zu werden. So baut er beispielsweise die eigene Person immer wieder als hinterfragendes Element in seinen Filmen ein, kommentiert das Geschehen aber oft humorvoll. In seinem Film Z32 (2008) etwa intoniert er mit Pianobegleitung einen Schlager. Er selbst nennt den Film ein „tragisches dokumentarisches Musical“: Ein israelischer Elitesoldat berichtet darin über seinen Einsatz bei einem Rachefeldzug. Er sucht Vergebung für den Mord an zwei palästinensischen Polizisten. Der Film untersucht die unüberwindbare Kluft zwischen diesem persönlichen Zeugnis und seiner künstlerischen Darstellung. In Avenge but one of my blue eyes (2005) dagegen montiert Mograbi ganz verschiedene Schauplätze während der El Aqsa-Intifada parallel zueinander: Er zeigt junge Leute bei der Wiederbelebung des Masada-Kults, dessen Massenselbstmord als letzte Strategie der Verteidigung bis heute wichtig für den zionistischen Diskurs ist. Nach Stunden des vergeblichen Wartens an der Grenze bricht eine alte palästinensische Frau zusammen und wünscht sich den Tod. Nahe Samsons Grab formt eine israelische Familie die Geschichte des sagenhaften Gründungsvaters aus Ton. Immer wieder zeigt der Filmemacher sich selbst bei einem langen Telefonat mit einem Freund in den besetzten Gebieten. Dieser bemerkt zum Schluss, er habe nicht einmal gebetet in seinem Leben. Wenn er jetzt sterbe – was solle er Gott sagen? „Ich war beschäftigt“, entgegnet Mograbi und lacht. Reale Orte, Zeiten und Situationen durchdringen in diesem Film einander und zeigen die israelische Wirklichkeit in all ihrer Verworrenheit, Gewalt und Suizidalität.

Zwei miteinander verknüpften Filmprojekten möchte Avi Mograbi sich während seines Aufenthalts in Berlin widmen: Die Rückkehr nach Leipzig und die Rückkehr nach Beirut. Die Eltern des Filmemachers stammen aus den jeweiligen Städten. Doch ihr Verhältnis zu ihrer alten Heimat ist aus unterschiedlichen Gründen gebrochen. Mograbi aber beschäftigt der eigene Standpunkt und der seiner Generation: Kann ein Israeli überhaupt nach Deutschland zurückkehren? Bleibt die Rückkehr eines Israelis nach Beirut entweder ein virtueller oder aber ein kriegerischer Akt?