Name
Asghar Farhadi
Land
Iran
Asghar Farhadi ist einer der renommiertesten Filmemacher des Irans. Mehr als eine Millionen iranischer Kinozuschauer und geschätzte fünf Millionen DVD-Nutzer haben seinen bei der Berlinale 2009 mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Film About Elly gesehen. Und in Deutschland wurde sein Film Nader und Simin, eine Trennung im Februar 2011 bei der 61. Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Es ist ein Film, der einen Blick „von innen heraus“ auf den Iran zeigt und von einem Teheraner Paar aus der gehobenen, gebildeten Mittelschicht erzählt, dessen Ehe gescheitert ist: Während Simin das Land verlassen möchte, um der gemeinsamen Tochter Termeh eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, will Nader seinen kranken Vater nicht allein zurücklassen und engagiert eine junge, fromme Pflegerin, die sich um den dementen alten Herrn und den Haushalt kümmern soll – und mit ihrer Aufgabe überfordert ist. Ein komplexer, überzeugender Film voll Konfliktstoff um fruchtlose Auseinandersetzungen, zerstörtes Vertrauen, verschiedene Ehrbegriffe und einen angelasteten Mord, der über den Goldenen Bären hinaus auch mit zwei Silbernen Bären für die besten Darstellerinnen und die besten Darsteller ausgezeichnet wurde.
Der 1972 in Khomini Shahr im Iran geborene Regisseur machte sich zunächst mit Theaterstücken einen Namen. Er drehte und schrieb für Fernsehserien, realisierte Kurzfilme und verfasste das Drehbuch zu Low Heights (2002), bevor er 2003 mit Dancing in the Dust als Autorenfilmer im Kino reüssierte. Seitdem hat er insgesamt fünf Kinofilme realisiert, die national und international erfolgreich waren.
Asghar Farhadi arbeitet in einem Land, in dem kritischen Filmemachern Zensur, Haft oder Berufsverbot droht. Im Dezember 2010 wurde sein Kollege Jafar Panahi zu sechs Jahren Haft sowie einem zwanzigjährigen Berufsverbot verurteilt. Den Filmstart von Farhadis letzten Film About Elly legten die Behörden auf das ungünstige Wahlwochenende 2009. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass der Film zu einem der erfolgreichsten einheimischen Filme der letzten Jahre avancierte.
Farhadis Geschichten erzählen beiläufiger als Panahis vom Leben in der Islamischen Republik Iran. Auf den ersten Blick scheint der Schleier seiner Heldinnen locker geschlungen. Lachend und scherzend schmiegt sich etwa Rouhi aus Fireworks Wednesday auf dem Mofa an ihren Verlobten. Doch dann verfängt sich ihr Schleier in den Rädern – beide stürzen. Auf ähnlich unterschwellige Art und Weise erzählt Farhadi auch in seinen anderen Filmen von den Grenzen der Freiheit im Iran. Seine Protagonisten sind moderne Großstadtmenschen. Sie flirten, verabreden sich im Internet, tragen Kapuzenjacken, hantieren mit Smartphones. Scheinbar frei, westlich geprägt und ungezwungen bewegt sich diese jüngere iranische Mittelschicht. Doch dann enttarnt sich ihre Offenheit als Fassade. Ohne dass es den Protagonisten selbst bewusst wäre, agieren sie innerhalb enger gesellschaftlicher Grenzen. Farhadi zeigt die Widersprüche im Alltag, die der offizielle Moralkodex produziert. In Fireworks Wednesday führt er zudem vor, dass Freizügigkeit im Iran eine Frage der Klasse und damit letztendlich des Geldes ist.
Eine heitere Gruppe junger Hauptstädter bricht in About Elly (2009) zu einer Landpartie auf. In einem Haus am Meer will Sepideh das Kindermädchen Elly mit ihrem frisch geschiedenen Bruder Achmed verkuppeln. Zunächst scheint alles nur ein Spiel. Elly ist zwar nicht eingeweiht in die Pläne ihrer Arbeitgeberin, doch Sepideh drängelt beharrlich so lange, bis sich Elly und Achmed tatsächlich anzunähern scheinen. Plötzlich aber zerreißt die Idylle: Elly verschwindet spurlos, wahrscheinlich beim Retten eines Kindes im Meer. Mehr als um Ellys Schicksal scheinen sich die Zurückgebliebenen bald um den eigenen Ruf zu sorgen. Schnell befinden sie sich in einem ausweglosen Karussell aus Lügen.
Seit einigen Jahren fungiert das traditionelle Feuerwerk zum Frühlingsanfang im Iran als indirekter Protest gegen das religiöse Regime. Farhadis Film Fireworks Wednesday (2006) ist im Original nach diesem Fest benannt. Inmitten eines Feuerwerks ganz anderer Art befindet sich plötzlich die Putzfrau Rouhi. Sie gerät zwischen die Fronten des Ehezwists ihrer neuen Dienstherren. Rouhi soll im Auftrag der eifersüchtigen Ehefrau die Affäre ihres Mannes enttarnen. Im Lauf eines Tages verstricken die Putzfrau, das zerstrittene Ehepaar und ihre Umgebung sich immer mehr in fruchtlosen Auseinandersetzungen und Unterstellungen.
Beautiful City (2004) dagegen handelt von der Kraft der Vergebung. Mit 16 Jahren hat Akbar seine Freundin umgebracht. Nun wartet er auf die Hinrichtung. Seine Schwester Firoozeh bemüht sich mit Hilfe des hübschen Diebs Ala um ein Gnadengesuch vom Vater des ermordeten Mädchens. Akbars Vergangenheit als Stricher oder der Drogenmissbrauch von Firoozehs Ex-Mann werden unaufgeregt behandelt und geschickt mit Einblicken in das rigorose, islamische Recht verknüpft. Es verleiht einzelnen Personen die Macht, über Leben und Tod anderer zu richten. Gleichzeitig erzählt der Film auch Firoozehs und Alas zärtliche Annäherung. Obwohl alle Personen sich bemühen, das Richtige zu tun, geraten sie immer wieder in Gefahr, ihre eigenen Werte zu verraten.
Auch in Dancing in the Dust (2003) entwickelt Farhadi ein für ihn typisches Gesellschaftsporträt: Nazars übereilte Heirat mit Reyaneh endet schnell, als sich herausstellt, dass ihre Mutter als Prostituierte arbeitet. Nazar lässt sich scheiden, muss dann aber den Kredit für die Hochzeit sowie die Kompensation für seine Braut bezahlen. Als ihm der Schuldenberg über den Kopf wächst, flieht er in die Wüste. Dort macht er einem alten Mann, der mit dem Fangen von Schlangen seinen Unterhalt verdient, Konkurrenz. Das ausufernde Geschwätz des Jungen nervt den wortkargen Einsiedler bald derart, dass Nazars Leben in Gefahr ist.
In Berlin plant Asghar Farhadi die Realisierung eines Spielfilms. Die Geschichte um Liebe und Lügen behandelt unterschwellig Themen wie Immigration und Integration. Nach und nach verstricken die Iranerin Sanam, ihre angebliche Internet-Liebe Daniel, der Deutschtürke Hakan sowie seine Ehefrau Monika sich in einem Wust aus Geheimnissen und Intrigen. Wird es ihnen gelingen, sich daraus zu befreien?