Name
Altaf Tyrewala
Land
Indien
Heimweh führte diesen jungen indischen Autor zur Literatur: 1977 in Mumbai (bis heute unter dem alten Kolonialnamen Bombay bekannt) geboren, lebte Altaf Tyrewala von 1995 bis 1999 in New York. Dort studierte er Betriebswirtschaft am Baruch College, schlug sich mit kleinen Jobs durch, unter anderem in einem Callcenter, und verging in dieser Stadt, die ihm zum Synonym für „Hunger, Kälte und Knochenarbeit“ wurde, vor Sehnsucht nach seiner Heimat. Eine Sehnsucht, die er durch die Lektüre von Romanciers wie Salman Rushdie, Arundhati Roy und Rohinton Mistry stillte, bevor er nach Mumbai zurückkehrte. Vom Lesen zum Schreiben war es dann nur ein Schritt – arbeitete Altalf Tyrewala zunächst noch als Softwarespezialist und veröffentlichte nebenbei einige Kurzgeschichten, widmete er sich von 2002 an seinem ersten Roman, „No God in Sight“, der 2005 erschien und nicht nur in Indien, sondern weltweit ein großes Echo auslöste. So wurde er unter anderem 2006 zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, als Indien das Gastland war.
Ursprünglich strebte der Debütant ein großes panindisches Epos nach Rushdies Vorbild an, aber dann erkannte er, dass die Wirklichkeit in seiner stark ghettoisierten Geburtsstadt nach einer anderen Form von Fiktionalisierung verlangte. Mumbai, mit rund 17 Millionen Einwohnern eine der bevölkerungsreichsten Metropolen der Welt, ist auch eine kulturelle Hochburg, die mit zahllosen religiösen Minderheiten und Hunderte von Sprachen babylonische Ausmaße erreicht. Den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind je nach Ethnie und Glaubensrichtung bestimmte Stadtteile vorbehalten, und diese unsichtbaren Grenzen sind selbst mit viel Geld so schwer zu überwinden wie das Kastensystem. Altaf Tyrewala – der aus einer liberalen muslimischen Familie stammt und keinesfalls auf seine Religionszugehörigkeit festgelegt werden will – stellte fest, dass er nur über das schreiben kann, was er kennt, und das ist die Lebenswelt der Muslime, die die Mehrheitsgesellschaft der Hindus bloß am Rand berührt, auch wenn sie in seinem Roman ebenfalls eine substanzielle Rolle spielt – beispielsweise in Gestalt von Obrigkeitsvertretern, die schon durch kleinste Schikanen für alltägliche Repression und Ausgrenzung sorgen.
Bemerkenswert ist, dass Tyrewala keine orientalisch-barocke Erzählweise wählt, um das Schicksal einer vielfältigen Schar von Protagonisten zu schildern, sondern eine höchst moderne, nüchtern-karge Sprache, die zugleich poetisch und anschaulich genug ist, um uns auf knapp 200 Seiten die Fülle der Megalopolis vor Augen zu führen. Oder besser gesagt, in unseren Ohren erklingen zu lassen, denn es treten rund vierzig Figuren auf, die – einander mal eng, mal ganz lose verbunden - der Reihe nach in kurzen Monologen aus ihrem Leben erzählen.
Den Reigen eröffnet mit wenigen Zeilen eine Hausfrau und Mutter, die früher als Dichterin „tagelang winzigen Metaphern“ nachhing und inzwischen „vom Summen der Klimaanlagen und Fernsehsendungen zum Schweigen gebracht“ wurde. Das Verschwinden der Poesie bleibt, wie das Fehlen eines Gottes, im Verlauf des Romans als Motiv erhalten, auch wenn es vordergründig um die Sorgen und Nöte der Figuren geht. So will Minaz, die Tochter der ehemaligen Dichterin, eine Abtreibung vornehmen lassen, und beim „Engelmacher“ beginnt und endet die eigentliche Handlung. Der Arzt nimmt im Reigen eine Schlüsselposition ein, in seinem Kopf gellt der Chor der ungeborenen Babys, der den Stimmen aller folgenden Protagonisten vorausgeht: des alten Schuhverkäufers an der Schwelle zum Tod, des Ladenbesitzers, der mit seiner Familie illegal in die USA auswandern möchte, des Bettlers, der nach und nach alles verliert, was einen Menschen ausmacht, nicht zuletzt die Sprache - „Alle neunundzwanzig Tage geht leise ein Vollmond im Osten auf. Der silberne Mond raubt dir den Atem. Wenn du ein Bettler bist, dann hast du keine Worte mehr für solche außergewöhnlichen Dinge.“ Zu Wort kommen bei Altaf Tyrewala aber Arm und Reich, es gelingt ihm, in seinem Roman die unfassbaren Gegensätze auf engstem Raum zu bannen, von der Landflucht zu erzählen, von den Anfängen der Fremdenfeindlichkeit, von den Frustrierten und Intoleranten, die aus Indien ein „Hindustan“ machen wollen, von den Slums, die selbst auf dem Dach eines Hochhauses entstehen, und vom Wohlstand, der gegen innere Leere nichts auszurichten vermag, von archaischen und hypermodernen Welten, vom schwierigen Verhältnis zwischen Mann und Frau, die einerseits uralten Regeln folgen und andererseits von westlichen Vorstellungen freier Liebe beeinflusst werden, von der Terrorangst und der Hatz auf vermeintliche Terroristen, von religiösen Riten und erotischen Begegnungen, und das auf eine so sparsame wie wirkungsvolle Weise. Kein Wunder, dass er bereits mit diesem Erstling weltweit Kritiker und Leser erobert hat, unter anderem in den USA, Kanada, Deutschland, Frankreich und Spanien.
Neben seiner Muttersprache Gujarati spricht Altaf Tyrewala auch Hindi und Marathi, aber er schreibt auf Englisch, das ist die Sprache, in der er sich nach eigenem Bekunden am besten ausdrücken kann. Da seine Figuren meist nicht englischsprachig sind, sondern in Wirklichkeit eher ein umgangssprachliches Hindi verwenden würden, ist der Autor beim Schreiben zugleich Übersetzer und reichert sein Englisch mit vielen Wendungen an, die dieser Umgangssprache entlehnt sind.
Zur Zeit sitzt er an seinem zweiten Roman, der wieder in Mumbai spielen wird und in dem gesamtgesellschaftliche Folgen der Globalisierung behandelt werden sollen. Ein dritter Roman ist auch schon begonnen, dessen Arbeitstitel „Siddhartha“ ganz bewusst auf Hermann Hesse verweist – hier möchte Tyrewala die Bedeutung von Meditation im Kontext des zeitgenössischen Indiens aus neuer Perspektive beleuchten.
Wir dürfen auf alle neuen Werke dieses Autors gespannt sein. Schließlich urteilte kein Geringerer als Tyrewalas frühes Vorbild Salman Rushdie über dessen Debüt: „Ein Werk voll Feuer, großem Talent und Esprit, einfallsreich und mit leichter Hand geschrieben. Seine tiefe Menschlichkeit erweckt eine Welt intensiven und denkwürdigen Lebens.“