Name
Sjón
Land
Island
In Island, heißt es, sei praktisch jeder ein Künstler. Sjón, mit bürgerlichem Namen Sigurjón Birgir Sigurðsson, hat dafür eine Erklärung: „Wir sind so wenige hier. Da wird jedes Talent gebraucht.“ Er selbst ist ein Multitalent, das die Übergänge von Literatur zu Musik, Film und Bildender Kunst fließend gestaltet. 1962 geboren, in einem Vorort von Reikjavík bei Mutter und Großmutter aufgewachsen, vertieft er sich früh in die Meisterwerke der isländischen Literatur, in Volkserzählungen und Gedichte, die ihn, genau wie die Songtexte von David Bowie, inspirieren. Mit fünfzehn Jahren veröffentlicht er seinen ersten Lyrikband Sýnir („Visionen“, 1978), kurz danach gründet er mit Gleichgesinnten die Künstlergruppe Medusa, die mit ihren Performances Surrealismus, Dada und Punk verbindet. Sjón studiert Kunst und veröffentlicht weitere Lyrikbände, inzwischen sind es zwölf. In Drengurrin með röntgenaugun („Der Junge mit den Röntgenaugen“) von 1986 kann man folgendes „Selbstporträt“ des Künstlers als junger Mann lesen: „sieben finger auf einem sargdeckel/ zähne begraben an einem abgelegenen ort/ vogelflügel genagelt aufs gelenk/ ich zähle meine wimpern/ im zimmer in dem du geboren wurdest/ räche dich nicht.“ Unter dem Künstlernamen Johnny Triumph tritt er mit der Alternative-Band The Sugarcubes auf und singt den legendären Song „Luftgitar“. Sängerin Björk ist seit Medusa-Zeiten mit Sjón befreundet und wird ihn im Verlauf ihrer Solokarriere immer wieder bitten, Texte für sie zu schreiben. So entstehen die Welthits „Isobel“, „Bachelorette“, „Oceania“ und „Wanderlust“. Auch für Lars von Triers Dogma-Musical „Dancer in the Dark“ verfasst Sjón die Liedtexte und wird mit einer Oscar-Nominierung belohnt.
Neben Lyrik und Lyrics schreibt Sjón bald auch Opernlibretti, Drehbücher, Kinderbücher – und Prosa. Sein erster Roman, Stálnótt („Stahlnacht“), erscheint 1987 und ist noch stark surrealistisch geprägt, eine Reihung von Prosafragmenten, die sich um Geburt und Tod der Protagonisten ranken. 1989 folgt der zweite Prosaband Engill, pípuhattur og jarðarber („Engel, Zylinderhut und Erdbeeren“), in dem zwei sehr unterschiedliche Erzählstränge verknüpft werden, ein Strang führt in die dunkle Vorzeit zurück, und am Ende dominiert wieder das Todesmotiv, das in Sjóns Werk eine wichtige Rolle spielt. In seinen Romanen zeigt der einstige Punk-Performer, mit welch traumwandlerischer Sicherheit er zwischen den Epochen und Schauplätzen wechseln, seine Leser aus der Gegenwart ins 19. Jahrhundert oder in mythische Urzeiten zurückversetzen kann. Sjón ist nicht nur in verschiedenen Genres zu Hause, sondern auch an allen erdenklichen Orten und Zeiten. Das zeigt sich nicht zuletzt in seinem 1994 veröffentlichten Roman Augu þín sáu mig. Ástarsaga („Deine Augen haben mich gesehen. Liebesroman“), der im Zweiten Weltkrieg in einem Dorf in Niedersachsen angesiedelt ist und die Geschichte des KZ-Flüchtlings Leo erzählt. 2004 erscheint der Roman, der ihm auch international zum Durchbruch als Romancier verhilft: Skugga-Baldur. ?jóðsaga (DE 2007 unter dem Titel „Schattenfuchs“). Sjón wird für dieses Buch mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet. Die Jury begründet ihre Entscheidung mit den Worten: „Skugga-Baldur balanciert geschickt auf der Grenze zwischen Poesie und Prosa. Der Roman verbindet Motive aus isländischen Volkssagen mit romantischer Erzählkunst und einer faszinierenden Geschichte, in der ethische Fragen der Gegenwart zur Sprache kommen.“ Auch in Deutschland wird der Roman begeistert aufgenommen. Auf knapp 120 Seiten kontrastiert er eine unberührte isländische Schneelandschaft mit den dunkelsten Geheimnissen, die Menschen in sich tragen können, spannt einen Bogen vom unaufgeklärten dörflichen Leben im späten 19. Jahrhundert zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, die zur gleichen Zeit an anderen Orten gewonnen wurden, und schildert die Jagd eines korrupten Pfarrers auf einen der seltenen schwarzen Füchse als atemberaubende Parabel auf das Tier im Menschen. Zugleich behandelt der Roman am Beispiel des behinderten Mädchens Abba ein düsteres Kapitel isländischer Geschichte: Damals wurden Kinder mit Down-Syndrom in der Regel unmittelbar nach der Geburt von der Hebamme erstickt. (Heute, sagt Sjón, werden statt dessen pränatale Tests durchgeführt, auf die „systematische Abtreibung“ folgt.) Abba überlebt zwar, wird aber von ihrem Vater an Seeleute verkauft, die das Mädchen über Jahre gefangen halten und missbrauchen. Des Pfarrers philantropischer Gegenspieler, der Naturkundler Friðrik, nimmt Abba in seine Obhut, ihretwegen bleibt er in Island, anstatt wie geplant nach Dänemark zurückzukehren. Beim Studium in Kopenhagen ist Friðrik auch mit romantischer Dichtung und Opium in Berührung gekommen und ruft einmal im Rausch aus: „Ich habe das Universum gesehen! Es besteht aus lauter Versen!“ Die anwesenden Dänen quittieren das mit dem Kommentar, so rede „ein echter Isländer“.
Sjón hatte im Wintersemester 2007/08 die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin inne. In diesem Rahmen lehrte er isländische Literatur und untersuchte mit den Studierenden die Wahrnehmung Islands im Ausland. Wer wäre für dieses Thema besser geeignet als ein Isländer, dessen Werke bislang in 20 Sprachen übersetzt wurden?