Name
Sema Kaygusuz
Land
Türkei
Sema Kaygusuz, 1972 in Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend an verschiedenen Orten, entdeckte immer neue Städte und Landschaften, je nachdem, wohin das Militär ihren Vater versetzte. So entwickelte sie früh ein Bewusstsein für die Vielfalt ihrer Heimat sowie für die Ausdrucksfülle ihrer Muttersprache. Von 1990 bis 1994 studierte sie Kommunikationswissenschaften in Ankara, spielte dort Theater und arbeitete für den Rundfunk. Danach zog sie nach Istanbul, wo sie auch heute lebt und unter anderem Kreatives Schreiben lehrt. Andere Tätigkeiten - im Bereich der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit – hat Sema Kaygusuz aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. Ihr erstes Buch erschien 1997, danach folgten drei weitere bisher nicht übersetzte Erzählungsbände Sandik Lekesi („Hoffnung Brust Fleck“, 2000), Doyma Noktasi („Sättigungspunkt“, 2002) und Esir Sözler Kuyusu („Brunnen versklavter Wörter“, 2004). Von Anfang an schöpfte sie Inspiration aus der oralen Tradition gleich mehrerer türkischer Regionen, aus Geschichten, Märchen und Legenden in verschiedenen Dialekten. Das liegt offenbar in der Familie: „Meine Urgroßmutter war Erzählerin. Und ihre Tochter hat bei Hochzeiten Gedichte vorgetragen ... Ich schreibe alles auf, aber ich lese es mir dann laut vor. Wenn der Rhythmus nicht stimmt, ändere ich das. Ich arbeite mit den Worten, als wären es Musiknoten“, erklärte sie in einem Interview. Sema Kaygusuz' Prosa ist klangvoll und zugleich von großer Bildmacht, was sicher mit einer von Kind an geschulten Beobachtungsgabe zusammenhängt. 2006 erschien ihr erster Roman Yere Dü?en Dualar (wörtlich: „Gebete, die zur Erde fallen“), den der Suhrkamp Verlag 2008 unter dem Titel Wein und Gold in deutscher Übersetzung herausbrachte. Danach verfasste sie das Drehbuch für den Film Pandoras Büchse der bekannten Regisseurin Ye?im Ustao?lu. Der Film wurde 2008 mit der Goldenen Muschel des Internationalen Filmfestivals in San Sebastian ausgezeichnet und kam auf die Auswahlliste für den Europäischen Filmpreis. 2007 veröffentlichte Sema Kaygusuz eine Studie über ethnische und religiöse Diversität in der Türkei, ein Thema, das auch für ihr literarisches Schreiben von großer Bedeutung ist. 2008 verbrachte sie auf Einladung des Goethe-Instituts einen Monat als Stadtschreiberin in Berlin und hat den sattsam bekannten Ansichten dieser Stadt ganz neue – und sehr reizvolle - Seiten abgewonnen.
In ihrer Heimat gilt die junge Autorin laut einer Umfrage der Zeitschrift Notos als eine der größten schriftstellerischen Hoffnungen. Darauf angesprochen, wehrt Sema Kaygusuz ab, obwohl sie schon zahlreiche Preise und Stipendien erhalten hat, eigentlich müsste sie Anerkennung inzwischen gewohnt sein. Doch als sie vom Ergebnis dieser Umfrage erfuhr, habe sie die ganze Nacht nicht schlafen können. „Es war wie eine Bedrohung. Die Literatur ist Kunst und Handwerk – und es fehlt nicht viel, damit sie bloßes Handwerk wird.“ Wein und Gold offenbart, warum es ihr mit dem Schreiben so ernst ist: „Denn schließlich gibt es für alle Überzeugungen eine Wurzel. Die Wurzel jeder mythologischen Wahrheit reicht bis zu einer Gottheit, jede Gottheit bis zu einem Helden, jeder Held bis zu einem namenlosen Menschen.“ In Kenntnis der Tradition, die auch den Koran, die Bibel, den Talmud einschließt, legt sie schreibend die magischen Wurzeln menschlicher Vorstellung frei und enthüllt dabei sehr gegenwärtige seelische Verletzungen. Im ersten Teil des Romans, „Wein“, trägt der Schauplatz bei aller Abgelegenheit realistische Züge - eine Insel in der Ägäis, die von Türken, Griechen, Zigeunern bevölkert wird, von lauter Nomaden und Zugereisten. Im Sommer strömen die Touristen herbei, vorwiegend Künstler und Intellektuelle, die der erste raue Wind in die beheizten Büros zurücktreibt. Den Zusammenprall von archaischer Lebenswelt und zivilisationsmüden Städtern beobachtet Leylan, die eigenwillige Erzählerin, die die Bibliothek der Insel betreut – obwohl sie zu Büchern ein eher zwiespältiges Verhältnis hat: „Alles was ich gelernt habe, habe ich mit meinen Ohren, meinen Augen gelernt. Jedes Mal wenn ich ein Buch las, insbesondere, wenn es ein Roman war, stand ich ratlos ein paar Fremden gegenüber, deren Namen ich nicht aussprechen konnte.“ Dennoch rettet die einsame junge Frau die Bücher, die von Urlaubern vergessen oder vom Meer an den Strand gespült werden. Vor allem versucht Leylan, ihren Vater zu retten, der im Suff versinkt, seit er seinen Bruder verloren und Leylans Mutter ihn verlassen hat, und wendet dafür eine uralte Kur des griechischen Arztes Galenos an, die sie beim Stöbern in den einst ungeliebten Büchern gefunden hat. Die Inselbewohner munkeln, sie wolle ihren Vater umbringen, aber Leylan lässt sich weder von den Gerüchten noch von der Feindseligkeit ihrer Mitmenschen abbringen. Sie keltert die Trauben, die ihr Winzervater vernachlässigt, um ihm einen heilsamen Trunk einzuflößen. Doch heilsamer noch als der Wein sind die Worte: „Mit leichtem Flüstern habe ich angefangen, eine Geschichte zu erfinden. In Wirklichkeit lese ich aus dem imaginären Buch vor, das ich schon lange im Kopf habe ... ´Hör zu`, sage ich zu meinem Vater. ´Hör zu! Das ist eine schmerzstillende Geschichte.“ So leitet Leylan zum sagenhaften zweiten Teil des Romans über, zu „Gold“. Dort wird aus dem Familiendrama eine eigene Mythologie, vervielfachen sich die Erzählstimmen und Perspektiven, gebiert eine Legende die nächste und kreist doch immer um die innere Wahrheit, die Leylans Vater so lange vor sich und anderen verbergen wollte. Ein Geheimnis durch weitere Geheimnisse zu erhellen, das ist das faszinierende Erzählverfahren von Sema Kaygusuz, die sich mit einem strahlenden Lächeln zur „Obskurität“ bekennt. Was lediglich heißt, dass sie einfache Erklärungen scheut und die Vielschichtigkeit menschlichen Erlebens mit den Mitteln der Poesie zu erfassen sucht.