Name
Daniel Cockburn
Land
Kanada
Daniel Cockburn, Jahrgang 1976, lebt in Toronto, Kanada. Seit seinem Studienabschluss in Film- und Videoproduktion arbeitet er als Videokünstler. 2008 drehte er seinen ersten abendfüllenden Spielfilm „You are here“. Bislang realisierte er mehr als zwanzig Kurzfilme, die auf Festivals, in Galerien und Kunstsammlungen auf der ganzen Welt zu sehen sind. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet.
Den argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges nennt Cockburn als wesentlichen Einfluss seiner die Wirklichkeit dekonstruierenden Geschichten. Auch er zeigt seine Kunstfiguren gefangen in den erzählerischen Fäden, die sie selbst auslegen. Sprache spielt eine wichtige Rolle bei Cockburns Unterfangen - der Suche nach der großen Ordnung. Ob Wittgenstein-Zitate oder Hollywood-Dialoge, ob im Bild oder außerhalb – Cockburns Texte sind sprachbesessen und sprachskeptisch zugleich. Sie springen von der Frühstücksbutter zum Universum und zurück. Seine Wortkaskaden verschlingen sich selbst, bilden rhetorische Spiralen. Neben dem Inhalt interessiert ihn dabei besonders der Rhythmus beim Sprechen oder Singen. In jüngster Zeit arbeitet er häufig mit Montagen von Texten gleichen Versmaßes.
Cockburn interessiert Rhythmus als ein mögliches Ordnungsprinzip auf allen filmischen Ebenen. Rhythmus ist eine Komponente der Zeit und Zeit die bestimmende Dimension des Mediums Film. Ein Film existiert ausschließlich in der Abfolge von Bildern, niemals im Standbild allein. Cockburns Interesse gilt also dem Wesen des Films, dem Wesen der Vermittlung.
Er liebt das Kino und schöpft aus seinen Mitteln. Sein musikalischer Background sowie sein auf das traditionelle Erzählkino ausgerichtete Studium sind auch in den experimentellen Filmen spürbar. Seine Werke verbinden abstrakte Fragestellung mit Narration. Sie bewegen sich auf der Grenze zwischen Videokunst, Filmessay und Erzählen. Mit dem in Arbeit befindlichen „You are here“ reißt er die Grenze zum narrativen Spielfilm weiter ein.
Auch in dem 2002 entstanden Kurzfilm „Metronome“ (10’40’’) unternimmt Cockburn eine essayistische, eine cine-manische, aber auch literarisch-philosphische Reise durch den Tag. Er erforscht gedankliche Muster im Leben, in der Sprache, im Rhythmus und im Kino. Dazu unterwirft er einen ganzen Tag demselben Beat: 144 Schläge pro Minute. Unablässig klopft der Protagonist diesen Takt auf seine Brust. Das ebenfalls in diesem Stakkato vorgetragene Voice-over ist von dem Hollywoodfilm Fight Club inspiriert. Eine von vielen filmischen und schriftlichen Quellen, die Cockburn zitiert und zu einem assoziativen Netz verbindet. „Metronome“ wurde auf über dreißig Festivals international gezeigt. Die Media City 9 zeichnete ihn mit dem Preis der Jury für die beste kanadische Arbeit aus. Außerdem erhielt der Film zusammen mit „The Other Shoe“ auf dem Images Festival den Homebrew Award. Das Werk entstand im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums für Charles Street Video.
In seinem Kurzfilm „Brother tongue/Langue Fraternelle” (15’48’’) parodiert Cockburn die Sprachbesessenheit eines Künstlers. Ein von Cockburn selbst dargestellter Filmemacher gibt ein Interview über seine Faszination für Sprache und dabei gehen ihm die Worte aus. Die zweite, sprachlose Hälfte des Films besteht aus einer langsamen Zoombewegung der Kamera, die schließlich aus dem Fenster hinaus in ein mehr und mehr abstraktes Bild gleitet. Obwohl niemand mehr spricht, setzen sich die französischen Untertitel fort. Cockburn entlässt den Zuschauer mit einem für ihn typischen Paradox: Die Übersetzung existiert ohne eine Vorlage.
In Berlin möchte Daniel Cockburn seine Erkundung von Narration, Sprache, Rhythmus und Wiederholung in zwei Serien von Kurzfilmen fortsetzen. In der Serie „Translators“ sollen deutsche und englische Texte mit unterschiedlichen Bedeutungen, aber demselben Versmaß verknüpft werden. Unter dem Titel „Orderers“ will Cockburn zunächst scheinbar sinnlose Handlungen und Sätze zusammenwürfeln, die danach noch einmal gezeigt und diesmal, neu montiert, ihren Sinn preisgeben werden.