Name
Jonas Hassen Khemiri
Land
Schweden / Tunesien
Jonas Hassen Khemiri, 1978 in Stockholm geboren, ist Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers. Er studierte Wirtschaft und Literatur in Stockholm und Paris. 2002 absolvierte er ein Praktikum bei der UNO in New York. Die Idee zu seinem ersten Roman „Das Kamel ohne Höcker“ (Ett öga rött, 2003) kam ihm auf einer Reise nach Israel und Palästina. Nach Erscheinen wurde das Buch mit dem bedeutenden Borås Tidnings Debütpreis ausgezeichnet. Das nachhaltige Echo in Schweden – neben begeisterten Kritiken gab es auch über 150.000 verkaufte Exemplare - trug dem jungen Autor bald internationale Anerkennung ein. Sein Erstling wurde in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Niederländisch, Finnisch und Russisch. 2006 veröffentlichte er seinen zweiten Roman „Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen“ (Montecore, en unik tiger) und erhielt dafür den Per-Olov-Enquist-Preis. Es folgten weitere Auszeichnungen, auch dieser Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2006 gab Khemiri zugleich seinen Einstand als Dramatiker mit dem Theaterstück „Invasion!“, das am Stockholmer Stadttheater Premiere hatte und bald auch in den Niederlanden, England und Frankreich gespielt werden sollte. Die deutsche Erstaufführung fand 2008 an den Münchner Kammerspielen statt und fand großen Anklang. Jonas Hassen Khemiri lebt in Stockholm. Gerade schreibt er seinen nächsten Roman. Daneben verfasst er im Auftrag des Stadttheaters in Göteborg ein neues Theaterstück.

Schwede oder Araber? Für Halim, Held und Ich-Erzähler von „Das Kamel ohne Höcker“, ist die Frage schnell beantwortet: Er will sich auf keinen Fall „schwedisieren“ lassen, auch wenn die Regierung angeblich einen radikalen Integrationsplan in Angriff nimmt, um aus Einwanderern echte Inländer zu machen. So soll nicht nur der Unterricht in Halims arabischer Muttersprache abgeschafft, sondern womöglich auch der Preis für Haargel in astronomische Höhen geschraubt werden. Das sieht Halim durch die Vorzeichen bestätigt, die ihm tagein, tagaus auf seinen Wegen durch Stockholm auffallen, in der Schule, in der Zeitung – und auf der Parkbank, wenn er sich mit der alten Dalanda unterhält. Sie bringt ihm Respekt für die großartigen Errungenschaften der arabischen Kultur bei: „Sie weiß echt alles und hat mir erzählt, dass wir die besten Philosophen und die schlauesten Mathematiker und die tapfersten Krieger haben. Sie hat auch gesagt, wir Araber sind nicht so wie andere Ausländer, sondern viel zivilisierter, und wenn sie das sagt, laufen mir Schauer den Rücken runter.“ Dalanda legt natürlich Wert auf eine strenge Einhaltung der religiösen Gebote und stößt nicht allein deswegen bei Halims liberalem Vater, der den persischen Dichter Omar Khayyan verehrt und einem Gläschen Wein am Abend nicht abgeneigt ist, auf wenig Gegenliebe. Er möchte seinen zornigen Sohn zu mehr Toleranz erziehen. In diesem Spannungsfeld lebend, führt Halim auf Anregung von Dalanda ein Tagebuch. Darin notiert er, der rebellische „Gedankensultan“, alles, was er erfährt und empfindet. Schließlich heißt es nicht umsonst in einem ägyptischen Sprichwort: Ein Mann ohne Sprache ist wie ein Kamel ohne Höcker – wertlos. Wertvoll hingegen ist Halims rotes Notizbuch, in dem nicht allein das witzig-melancholische Porträt eines Einwandererjungen entsteht, sondern auch das Umfeld – Halims Vater, dessen bester Freund Nourdine und typische Vertreter der mehr oder weniger wohlmeinenden schwedischen Mehrheitsgesellschaft – auf bestechende Weise lebendig wird.

Hatte Khemiri für sein Debüt das reiche Potential des Rinkeby-Schwedisch – Pendant der hiesigen Kanak-Sprach – ausgeschöpft, stattet er eine der Hauptfiguren seines zweiten Romans „Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen“, mit einer wundersamen Kunstsprache aus, die durch ihre Schönheit rührt und durch ihre Komik das Zwerchfell erschüttert. Es handelt sich hier um den – recht einseitigen - Briefwechsel zwischen einem Schriftsteller namens Jonas Khemiri und dem besten Freund seines verschwundenen Vaters, einem gewissen Kadir. Dessen orientalisch verschlungener Stil wird im Schwedischen (und in der deutschen Übersetzung) noch von einer Vielzahl französischer Ausdrücke gewürzt, denn Kadir stammt, wie Jonas' Vater, aus Tunesien. Er möchte Jonas dazu bewegen, eine Biographie seines Vaters, eines erfolgreichen Fotografen mit turbulenter Vergangenheit, zu schreiben – und bietet großzügig seine Mitarbeit an. Aber woher weiß Kadir überhaupt so viel über Jonas' Vater? In diesem Roman spannt der Autor einen weiten Bogen von Tunesien unter französischer Kolonialherrschaft über Schweden nach New York und erzählt eindrücklich von einer tiefen Zerrissenheit und kulturellen Konflikten, die ein Leben nicht nur im positiven Sinne prägen, sondern durchaus auch zerstören können.