Name
Ales Rasanaŭ
Land
Weissrussland
Ales Rasanaŭ ist der wichtigste zeitgenössische Lyriker Weißrußlands. Er wurde 1947 in Sjalez im Gebiet Brest geboren, einem sehr alten Dorf an der Straße, die Warschau und Moskau miteinander verbindet. Sein Vater wurde 1942 als Partisan gefangengenommen und nach Deutschland gebracht, nach Sachsenhausen und Mauthausen, und fand nach seiner Heimkehr aus dem KZ nicht wieder in sein altes Leben zurück. Die Geschichte des Vaters hat der Sohn später im "Poem vom Fisch" erzählt. Ales Rasanaŭ studierte von 1966 bis 1970 Philologie in Minsk und war zwischendurch für ein Jahr aus politischen Gründen von der Universität relegiert. Zwischen 1972 und 1999 arbeitete er u.a. als Redakteur bei den Zeitschriften "Literatur und Kunst" und "Die Quelle" sowie als Lektor im Verlag "Schöne Literatur". Aufgrund kritischer Artikel über die politischen Verhältnisse seines Landes und das von Alexander Lukaschenko errichtete autoritäre System wurde Ales Rasanaŭ auf Druck der Machthaber entlassen. Seiner Lebensgrundlage entzogen und im Grunde ohne Publikationsmöglichkeit in der Heimat, lebt er seitdem überwiegend im Ausland.

Seit 1970 veröffentlichte Ales Rasanaŭ elf Bücher, von denen das erste einen programmatischen Titel trägt: "Wiedergeburt" (Adradžennie) – Wiedergeburt der weißrussischen Sprache nämlich aller bis heute herrschenden Russifizierung seines Landes zum Trotz. Und dabei ist er auch in formaler Hinsicht zu einem Neuerer der weißrussischen Lyrik geworden: Er schreibt Gedichte in freiem Vers, die er "Versetten" nennt, "Punktierungen", kurz wie Haikus, sprachspielerische, unübersetzbare "Quanteme", Betrachtungen über Malerei, Dichtkunst, Philosophie, die er "gnomische Zeichen" nennt, und seit einiger Zeit schreibt er auch sogenannte "Wortdichte" auf deutsch, mit denen er dem Wesen und den Wurzeln der deutschen Sprache nachspürt. Fünf Bücher sind von ihm bislang auf deutsch erschienen: "Zeichen vertikaler Zeit" (1995) und "Tanz mit den Schlangen" (2002), beide in der Übersetzung von Elke Erb im Berliner Agora-Verlag, "Hannoversche Punktierungen" (2002, Revonnah-Verlag) in der Übersetzung von Oskar Ansull sowie die auf deutsch geschriebenen Bücher "Wortdichte" (2003, Steirische Verlagsgesellschaft) und "Der Zweig zeigt dem Baum, wohin er wachsen soll" (2006, Agora Verlag).

Wenn man Ales Rasanaŭs Gedichte liest, dann kommen einem Gedanken an die Ausstellung mit den fünf Videos des amerikanischen Künstlers Bill Viola vor einigen Jahren im Berliner Guggenheim-Museum, die den Kreislauf menschlichen Lebens zum Gegenstand hatten. Auf einem Video sah man Menschen in endloser, ununterbrochener Folge gemessenen Schrittes einen lichten Waldweg entlangschreiten, auf einem anderen sie sich immer wieder neu nach ihrem Tod einschiffen und zu anderen Ufern entschwinden – die ewige Wiederholung menschlichen Seins. Das gleiche Thema beschäftigt auch Ales Rasanaŭ: die Zeitlosigkeit im Fluß der Zeit: "Wie lange muß ich noch durchhalten?", heißt es in einem Gedicht. "Der Vogel, mit dem ich durch die dunstige Unendlichkeit der Zeit fliege, aus der Unfreiheit zur Freiheit, aus der Trauer zur Freude, aus der Dunkelheit zur Helligkeit, wendet den Kopf mir zu und spricht: So lange, wie die Zeit reicht, so lange, wie du selbst reichst, so lange, wie wir reichen (...) und immerfort durch die Jahrhunderte währt unser regloser Flug." Die Suche nach Zugang zum innersten Wesen der Welt und des Seins – sie prägt die Gedichte Ales Rasanaŭs, sein Nachdenken über die Grundfragen des Lebens, über die Dualität allen Seins und die Paradoxa des Lebens wie den "reglosen Flug" oder die "Zeitlosigkeit im Fluß der Zeit", die wie in einem japanischen Koan immer neue Rätsel aufgeben. Es ist der schlichte Versuch, den Kern der menschlichen Existenz zu erfassen und in Worte zu gießen.

Bei Ales Rasanaŭ hören wir den Atem der Jahrhunderte, und wenn wir vom Dorf lesen, der Straße und den alten Bäumen, dann sind wir nicht nur in Weißrußland, das aus dem Korridor der Jetztzeit zwischen Berlin, Warschau und Moskau herausgefallen zu sein scheint, sondern wir sind auch in der Zeitlosigkeit, im Archetypischen, im ewig Gleichen. Ales Rasanaŭ ist ein Goldgräber, der am Fluß des Weltenlaufs steht. Er siebt und siebt, bis die Beweggründe unseres Seins von allen Schlacken befreit sind und klar und deutlich vor uns stehen. Dann wirkt auf einmal alles sehr einfach, und dabei ist es doch unendlich komplex.