Norwegen, Musik, 2020

Stine
Janvin

Photo: Jasper Kettner

Die Vokalistin Stine Janvin, geboren im norwegischen Stavanger, bewegt sich im Bereich von experimenteller Musik, Sound und audiovisuellen Performances. Ihre besondere Leidenschaft gilt den mehrdeutigen und nicht wiederzuerkennenden Eigenschaften der Stimme. Diese physischen Merkmale der Stimme erforscht sie, unterläuft sie und stellt sie in Beziehung zur Akustik ihrer externen wie internen Umgebung und den Traditionen von Elektro-, Pop-, Club- und Folk-Musik.

Daraus ergeben sich die verschiedensten, teils kollaborativen Projekte wie das Live-Radiospiel In Labour, die performative Installation The Subjective Frequency Transducer – präsentiert unter dem Alter Ego ST/NE –, sowie Feldforschungen, deren Aufnahmen sie als Teil des Duos Native Instrument weiterverarbeitet.

Ihr 2018 erschienenes Album Fake Synthetic Music, veröffentlicht bei PAN, wurde von der internationalen Kritik gefeiert als bahnbrechende Untersuchung der Art und Weise, wie sich Stimmen von ihren natürlichen, menschlichen Bezügen abkoppeln lassen. Das Album ist nur eine von mehreren Variationen, mit deren Hilfe sie das Potenzial an Klang und Widerhall, das Räume bieten (seien es Theater, Clubs oder Galerien), durch eine treibende Stimmimitation melodischer Synthesizer-Sequenzen austestet.

SOLD (a dog and pony show), Janvins neueste Arbeit, wurde im März 2020 nach einer zwei-wöchigen Produktions- und Probenzeit mit zwölf LaientänzerInnen – von Kindern bis zu RentnerInnen – uraufgeführt. Selbstvermarktung gehört mittlerweile zur Norm, besonders für KünstlerInnen, von denen eine starke Onlinepersönlichkeit erwartet wird. Aber was sagt dieses digitale Image tatsächlich aus? Wie weit ist der oder die einzelne bereit, die eigenen Prinzipien oder kreative Leistungen für größere digitale Aufmerksamkeit zurechtzubiegen? Im Versuch, sich in dieser massiven Kommerzialisierung von Identität zurechtzufinden, schwingt Janvins Stimme über den choreografierten Bewegungen der Gruppe und funkelnder, poppiger Beleuchtung auf der Suche nach dem eigenen Selbst inmitten des Gelärms der sozialen Medien.

Mit dem Lockdown Ende März 2020 wurde SOLD in digitale Versionen übersetzt, mit dem Ziel, das Live-Gefühl einer Performance (und das Gemeinschaftsgefühl, das damit einher geht) beim Transfer auf den Bildschirm nicht zu verlieren. Das Fortdauern der Corona-Pandemie wirkte als Verstärker von Isolation, Unsicherheit, Elend und Gewalt, was auch Stine Janvin – wie so vielen von uns – unmissverständlich klarmachte, wie sehr wir menschlichen Kontakt und Mitgefühl brauchen.
Diese Herausforderung hat Janvin bei ihrer Ankunft in Berlin inspiriert, ihre Arbeit Fake Synthetic Music wiederaufzugreifen. Abgestimmt auf aktuelle (und zukünftige) Hygienevorschriften will die Arbeit mit Möglichkeiten spielen, offline Zeit miteinander zu verbringen, zuzuhören und zu tanzen.

Stine Janvin kooperiert mit internationalen KünstlerInnen wie Holly Herndon, Catherine Lamb und Adam Linder und hat auf Tourneen bei renommierten Festivals wie INA-GRM, Paris; CTM Festival, Berlin; Issue Project Room, NYC und Unsound Festival, Krakau performt.

Text: Taïca Replansky
Übersetzung: Anna Jäger

Vergangen

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