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„Er kann manchmal ein wenig schwierig sein“, sagt seine Freundin über Jürgen, einen Deutschen, der in London lebt, und der dafür auch einen besonderen Grund hat. Er möchte in der Nähe der Queen sein. Denn die Königin von England ist seine Mutter. Davon ist jedenfalls Jürgen fest überzeugt. Als er ein ganz kleines Kind war, wurde er aus dem königlichen Kindbett entfernt und durch ein Baby ersetzt, das zu dem heute in aller Welt bekannten Prinz Charles heranwuchs. Die Geschichte von Jürgen klingt abstrus, in Ralitza Petrovas Kurzfilm By the Grace of God hat sie aber ihre eigene Logik: ein auch künstlerisch vielschichtiges Porträt einer empfindlichen Seele, eines Menschen zwischen den Kulturen und Sprachen, zwischen Beethoven und dem Krautrock von Can, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Mit By the Grace of God hat Ralitza Petrova 2009 ihre Ausbildung an der National School of Film and Television in London abgeschlossen. Sie ist selbst eine Filmemacherin zwischen den Welten. Sie studierte in London, ihre Filme wurden auch an namhaften Orten der Bildenden Kunst wie dem Centre Pompidou gezeigt. Mit ihrem ersten Spielfilm Bezbog (Godless, 2006) kehrte sie aber in ihre Heimat Bulgarien zurück, konkret nach Vratsa, eine kleine Stadt in den Bergen nördlich der Hauptstadt Sofia.

Eine drogensüchtige mobile Pflegerin namens Gana ist das schwache Glied in einem großflächig organisierten Betrug auf Kosten des Staats und der Hilfsbedürftigsten in der Gesellschaft. Gana entwendet ihren Klienten die Ausweise, mit denen dann Leistungen erschlichen und illegale Transaktionen vollzogen werden.

Das „Gottlose“ in dieser Welt ist äußerste Konsequenz postkommunistischer Wolfszeit. Das Elend der Alten ist letzte Konsequenz eines extremen 20. Jahrhunderts, von dem Petrova eine Geschichte langer Nachwirkungen andeutet: „die Deutschen waren schön“. Faschismus, Kommunismus, Kapitalismus: in ihrer Abfolge haben diese Systeme in einem kleinen Land auf dem Balkan vor allem Desolatheit und Brutalität hinterlassen.

Petrova verschärft die Kontraste noch durch die orthodoxen Gesänge eines Chors, auf dessen Leiter Gana eines Tages trifft. Diese Erfahrung bricht ihre Apathie zum ersten Mal auf. Der Titel Godless bekommt Berechtigung als als allegorischer Befund über eine Gesellschaft wie auch mit einer konkreten Herleitung aus einer Legende.

Unweigerlich wird Ralitza Petrova wegen der geographischen Nähe häufig mit der Neuen Rumänischen Welle verglichen, und es gibt auch tatsächlich thematische und ästhetische Ähnlichkeiten mit Filmen von Cristi Puiu oder Cristian Mungiu. Aber Godless ist nicht nur an Realismus interessiert, sondern geht darüber hinaus: die Regisseurin bezieht sich häufig auf den Existenzialismus von Robert Bresson und namentlich auf dessen Arbeit mit Schauspielern: Sie dienen ihm als „Modelle“. Während es im Erzählkino vorwiegend um psychologische Identifikation geht, steht Godless in einer alternativen Tradition, für die das Kino vor allem ein Medium von Weltentwürfen ist, in denen Moral, Psychologie, Geschichte, Politik und Transzendenz unlösbar miteinander zusammenhängen.

Biographie

Ralitza Petrova studierte Film und Videokunst an der University of Arts in London, danach Fiction Directing an der British National Film and Television School. Mit ihren Kurzfilmen war sie auf zahlreichen bedeutenden Festivals vertreten, darunter Cinefondation in Cannes und Berlinale Talents. 2016 hatte Godless beim Filmfestival in Locarno Premiere und wurde mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Leoparden, ausgezeichnet. Der Film gewann bisher insgesamt 27 Preise und wurde für von der European Film Academy als European Discovery nominiert. In dem bulgarischen Film Slava (Glory, 2016) von Kristina Grozeva und Petar Valchanov hat Ralitza Petrova einen Auftritt als Schauspielerin.


Text: Bert Rebhandl






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Filmographie: Lunchbreak (2005, Kurzfilm) Rotten Apple (2007, Kurzfilm) By the Grace of God (2009, Kurzfilm) Bezbog (Godless, 2016, Spielfilm)
Veranstaltungen beim DAAD
zu Gast im Kino Arsenal Anschließend Diskussion in Anwesenheit der Regisseurin

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