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„Jeder arbeitet mit dem, was er hat, mit dem, was er ist.“ Der Komponist, Dirigent, Forscher und Instrumentenerfinder Carlos Gutiérrez verdankt seine künstlerische Überzeugung dem frühen Kontakt mit dem bolivianischen „Orquestra experimental de instrumentos nativos“ (OEIN). Das 1980 von Sergio Prudencio gegründete Ensemble verbindet die Musikpraxis der indigenen Bevölkerung mit dem Denken und den Techniken der internationalen zeitgenössischen Musik. Carlos Gutiérrez hat als Kind das „Programma de iniciatión a la musica“, das Unterrichtsprojekt des Experimentalorchesters, absolviert, in dem die Schüler von Anfang an auf nativen Instrumenten spielen, statt sich die Musik über die westliche Kultur zu erschließen. Dabei lernen die Kinder nicht nur traditionelle Musik kennen, sondern zugleich auch die Gedanken und die Ästhetik des Experimentierens und der zeitgenössischen Kunstmusik. 2002 trat Carlos Gutiérrez ins Kernensemble der OEIN aufgenommen. Damals war er 20 Jahre alt. Heute ist er Mitglied des Kammerensembles und Assistent von Sergio Prudencio. Im Rahmen der OEIN hat Gutiérrez Jugendensembles gegründet, die von Jugendlichen geleitet werden. Er komponiert für Laien- und Profiensembles, entwirft Instrumente und unterrichtet am bolivianischen Conservatorio plurinacional de Música.
Die Beschäftigung mit der indigenen Kultur der Andenbevölkerung, vor allem mit der Kultur der Quechua und Aymara, bestimmt die Arbeiten von Carlos Gutiérrez. Seine Werkreihe Ch‘ipa ist eine künstlerische Erforschung des Musikdenken dieser indigenen Gruppen. Sein ganzheitlicher Ansatz umfasst das Nachdenken über Klang, Strukturen, Orte, die Musikpraxis und das soziale Leben, das sich in neuen Werken niederschlägt. In Ch‘ipa (2015) ist die graphische Partitur nur eine Anleitung, sie enthält keinen Notentext. Wie in der Kultur der Aymara und Quechua soll die Musik mündlich vermittelt und schließlich auswendig gespielt werden. Die Musiker sind in Gruppen aufgestellt. Ihre Bewegungen plant und gestaltet Gutiérrez ebenso wie die akustischen Prozesse. Die Instrumente hat er selbst entwickelt. Seine Variante der Siku, wie die Panflöte in den mittleren Anden heißt, besteht hier aus ineinander geschobenen Röhren, deren Mehrklänge Schwebungen erzeugen. Unter die Fußsohlen binden sich die Musiker Samenschoten, was dazu führt, dass sich die Grenze zwischen Perkussion und Tanz auflöst. In Ch‘ipa 4 von 2016 umgibt ein großer Flüsterchor das Publikum. Carlos Gutiérrez arbeitet oft ohne Dirigenten und mit offenen Strukturen, die den Interpreten Freiräume lassen. Stattdessen etabliert er, wenn nötig eine untere Führungsebene, die das Spiel einzelner Gruppen nach innen und außen koordiniert. Für seine selbstgebauten Instrumente verwendet er alltägliche Materialien wie Rohre, Pfannen und Stimmpfeifen oder auch Naturmaterialien. Texturen aus verwandten Klängen, die bisweilen an Naturgeräusche erinnern, prägen seine Musik. Gutiérrez entwirft zarte Klangfelder, die sich nur selten zu lautstarken Höhepunkten verdichten. Er arbeitet mit reduziertem, oft einfachem Material, das er behutsam differenziert: mit feinen Netzen aus Pfeiftönen, mit den flirrenden Klangwolken von Schwirrhölzern und dem weichen Ton geblasener Glasflaschen. Für Kinder hat er 2015 das Klangspiel Artificios entworfen, in der Fußgängerzone von La Paz waren soziale Interventionen zu hören, bei denen sich Pfeifenspieler unter die Passanten mischten. Die intensive Auseinandersetzung mit der Kultur der indigenen Gruppen hat ihn außerdem dafür den rituellen Charakter der Musik sensibilisiert: „In meiner schöpferischen Arbeit interessiert mich die Handlung, in der sich das sinnlich Ritualhafte konzentriert, aber auch ihre Darstellung durch die Codes der zeitgenössischen Musik. Ich bin mir sicher, dass man durch native Musik in andere Kategorien des musikalischen Denkens und Verstehens von Klangmaterial vorstoßen kann“.

Martina Seeber


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