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Langsamkeit ist eine Herausforderung. In den Arbeiten von Liping Ting begegnet man ihr überall. Wie in Zeitlupe beginnt in „Paper Timing“ ein Haufen zerknüllter Blätter zu zittern. Kein Windstoß bläst den blütenweißen Blätterberg auseinander, stattdessen kriecht der Haufen auf ein paar unscheinbare Plastikstreifen zu. Liping Ting, die sich unter dem Papier versteckt, kontrolliert ihre Bewegungen wie eine Extremsportlerin. Die in Taiwan geborene Künstlerin ist fast in all ihren Arbeiten präsent, aber selten so versteckt wie in diesem Fall.
Liping Ting ist Performancekünstlerin, sie arbeitet mit ihrem eigenen Körper. Die Grenze zwischen ihrer Person und ihrer Kunst ist entsprechend durchlässig. In Stone Timing balanciert sie einen schweren Stein auf dem Kopf, zwischen den Zähnen klemmt eine weiße Feder. Bis auf eine Kappe, die auch die Augen verdeckt, steht sie unbekleidet zwischen den Besuchern einer Galerie. Wie in Zeitlupe dreht sie sich langsam um die eigene Achse und wickelt sich in lange weißen Fäden, die von ihrer Kappe aus in den Raum gespannt sind. Später wird sie sich in Erde wälzen, in schwarze Tinte tauchen und mit ihrem Körper Bilder auf ein weißes Papier malen. Alle diese Aktionen vollführt sie mit derselben Konzentration und Langsamkeit, mit der sie den Stein auf dem Kopf balanciert. Sieben Stunden meditiere sie, bevor sie eine Stunde performe, sagt Liping Ting in einem Interview. Ihre extrem konzentrierten und entschleunigten Handlungen grenzen an Trancezustände.
Stein und Feder sind Leitmotive im Werk von Liping Ting. Zwar balanciert sie in anderen Arbeiten auch weitverzweigte Äste, riesige Plastiksäcke oder mit Wasser gefüllte Glaszylinder auf ihrem Kopf, aber Steine und Federn sind die markantesten und bedeutsamsten Elemente in ihrer Ikonographie. Sie begleiten sie wie die Attribute einer christlichen Heiligen. Als eine Künstlerin „zwischen Feder und Stein“, beschreibt sie der Künstlerkollege Serge Pey. Das Balancieren des Steins – manchmal sind es auch mehrere – ist mehr als nur ein equilibristischer Zirkusakt. Die Feder setzt der Schwere und dem drohenden Fall des Steins die Leichtigkeit und das Bild des Fliegens entgegen. Zugleich verwehrt die – zwischen die Zähne geklemmte - Feder das deutliche Sprechen und wird zum Medium der Kommunikation, wenn sie damit das Publikum berührt. Vor der Performance, berichtet Serge Pey, „kaut sie lange auf dem Kiel der Feder herum, mit der sie die Zuschauer berühren wird. Wie eine Schamanin lädt sie die Feder mit ihrer Energie auf, um eine Verbindung zur Seele des anderen aufzubauen, der in der Berührung aufhört, ein Betrachter zur sein und stattdessen Teilnehmer eines geheimen und rätselhaften Rituals wird.“
In ihren Arbeiten überwindet Liping Ting zunehmend die Grenze zwischen Bühnenraum und Publikum. Manchmal setzt sie den Besuchern einen kleinen Zuckerwürfel auf den Kopf oder nimmt ihre Stimmen auf und spielt sie in den Raum zurück. Sie flüstert den Anwesenden Botschaften ins Ohr oder lässt sie einen der schweren Steine halten. In der Gruppenarbeit „Sonarium“ bezieht sie die Besucher ins Spiel mit ein, indem sie Klangkörper gemeinsam halten und bewegen.
Die Arbeiten von Liping Ting verbinden Tanz, Ritual, Videokunst, Fotografie, Poesie, Klangkunst und Poesie. Sie selbst verwendet häufig des Ausdrucks „poésie d‘action“. Mit dem Tanz, auch mit traditionellen chinesischen Tanztraditionen, ist sie schon früh über ihre Mutter in Berührung gekommen. In Taipeh studierte sie zunächst Philosophie. 1988 ging sie nach Frankreich, wo sie zuerst in Besançon und später an der Pariser Sorbonne „Etudes theatrales“ (Angewandte Theaterwissenschaften) studierte. In ihrer Abschlussarbeit schlug sie einem Bogen von Samuel Becketts Theaterschaffen über die interdisziplinären Kunstformen der 1950er Jahre zur zum Schaffen von John Cage.
Die akustische Dimension ihrer eigenen Arbeiten manifestierte sich schon in frühen Bühnenperformances wie „inouïr“ (2005), wo sie mit einem klappernden Metalleimer auf dem Kopf zu einer Geräuschkomposition vom Tonband tanzt, schreit und singt. Das Klangmaterial ist integraler Bestandteil ihrer Werke. Die Geräusche ihres Atems und das Murmeln und Flüstern ihrer Stimme begleiten ihre Performances. Sie wirft Metall auf den Boden, oder arbeitet mit dem Quietschen und Reißen von Plastik, wenn sie zum Beispiel - in mehrere Schichten transparenter Plastikfolie gewickelt - auf dem Fußboden einer Galerie eine embryonal klaustrophobische Choreographie aufführt. Nicht selten spielt sie mit der Irritation, ob es sich um live erzeugte Klänge oder um Zuspiele handelt. Auch der Papierberg, den sie in Paper Timing Zentimeter um Zentimeter über den Boden bewegt, raschelt. Zu ihren Ausdrucksmitteln gehören Geräusch, Klangkunst, Musik und Sprache. Beim kanadischen Performancefestival RIAP lud sie das Publikum im September 2016 zu einer gemeinsamen Reinigung ein. Künstlerin und Teilnehmende schrien und tanzten sich ihre Unzufriedenheit aus dem Leib. Dabei repetierte Liping Ting die Fragen: „Glauben Sie, dass die Welt eine Zukunft hat? Glauben Sie, dass die Kunst eine Zukunft hat?“ Einen Ast auf dem Kopf balancierend verließ die Künstlerin am Ende der Performance den Raum.
In ihrer Synthese von Geist, Körper und Magie stehen Liping Tings poetische Aktionen in der Tradition der schamanistischen Arbeiten von Künstlern wie Marina Abramovic oder Joseph Beuys. Und sie beweisen, wie weit in die Zukunft Marcel Duchamp blickte, als er schrieb: „Heutzutage ist der Künstler ein merkwürdiges Reservoir an para-spirituellen Werten, in absoluter Opposition zum alltäglichen Funktionalismus, für den die Wissenschaft die Huldigung einer blinden Bewunderung empfängt".

Martina Seeber


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