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Seelisch Obdachlosen mit einem Dach über dem Kopf widmen sich Davi Prettos Filme. Seine Protagonisten sind Geringverdiener, zählen zur unteren brasilianischen Mittelschicht. In den Geschichten Einzelner kondensieren bei dem 1988 in Porto Alegre geborenen Filmemacher Historie und Gegenwart Brasiliens – sei es ein 52jähriger Travestie-Darsteller, der mit seiner Mutter in einer abgeriegelten, kleinbürgerlichen Wohnanlage lebt, oder ein junger Ex-Soldat in den weiten Steppen an der Grenze zu Uruguay. Davi Prettos Erzählweise ist kontemplativ, gekennzeichnet von einer großen Ökonomie und stilistischer Eleganz. Kritiker verglichen sein Talent bereits mit dem bildgewaltigen Kino von Apichatpong Weerasethakul oder Pedro Costa.

Das zweite Zuhause Davi Prettos ist das Kino – im Rahmen etlicher Festivals, wie zum Beispiel Sundance und Diálogo de Cinema in Porto Alegre, war und ist er für die Filmauswahl und Prämierung mitverantwortlich. Seine Cinephilie spickt auch seine Filme mit Zitaten oder Anklängen, ohne dass diese allzu offensichtlich wäre. Für die eigenständige Qualität von Davi Prettos Filmen spricht auch, dass die Entschlüsselung dieser filmhistorischen Bezüge nicht notwendig ist, um in das Geschehen einzutauchen. Sein Langfilm-Debüt Castanha (2014) und der Folgefilm Rifle (2016) changieren beide zwischen dokumentarischem und fiktionalem Kino und binden dabei verschiedene andere Genres ein.

Rifle zum Beispiel vereint Elemente von Road Movie, Western und Thriller. Wie in einem klassischen Western erzählt der Film in den weiten Prärien des südlichen Brasiliens den Konflikt zwischen Großgrundbesitzern und Kleinbauern. Ein keineswegs fiktionales Problem: Aus der Landverteilung in Brasilien resultieren reale soziale und politische Auseinandersetzungen. Ungefähr 55 Prozent der ländlichen Gebiete Brasiliens gehören 130.000 Großgrundbesitzern. Dem gegenüber stehen fünf Millionen Klein- und Kleinstbauern, die zusammen lediglich 25 Prozent der Anbauflächen besitzen. Die verbleibenden Flächen entfallen auf mittelgroße Eigner. Diese Zahlen bilden den Hintergrund für die Gebietsstreitigkeiten und soziale Ungleichheit, die die Laiendarsteller in Davi Prettos Film aus eigener Anschauung kennen. Sie stammen alle aus dem kleinen Dorf mit weniger als dreißig Häusern, in dem die Dreharbeiten stattfanden. In dieser Gegend spielte sich vor rund hundert Jahren auch einer der schlimmsten Kämpfe in der Geschichte Brasiliens ab.
Der in der Gegenwart angesiedelte Spielfilm aber handelt von einem jungen, ehemaligen Soldaten, der im Bundesstaat Rio Grande do Sul das Anwesen eines Kleinstbauern schützen soll. Als ein Agrarkonzern das Land aufkaufen will, greift er zu drastischen Mitteln. Für Davi Pretto ist Rifle nicht nur ein Film über körperliche Gewalt, sondern auch „über eine Art stille Gewalt, die von der täglichen Koexistenz des Menschen mit einem grenzenlos expansiven Kapitalismus herrührt; von der Beziehung zwischen Mensch und Maschine; und von der Vorstellung darüber, wie ein erfolgreiches Leben auszusehen hat.“ Der Film feierte 2017 seine Premiere auf der Berlinale. Seitdem wurde er zu zahlreichen renommierten Festivals eingeladen und gewann unter anderem den Hauptpreis beim koreanischen Jeonju Filmfestival sowie weitere Hauptpreise und Auszeichnungen für das Drehbuch bei brasilianischen Festivals.

Auch sein Debütfilm Castanha war auf über vierzig internationalen Festivals zu sehen. In Deutschland, Österreich und Schweiz kam der Film auch in die Kinos. In Rio de Janeiro gewann der Film den Hauptpreis, in Rio Grande do Sul erhielt er den Kritiker-Preis und in Buenos Aires wurde er mit dem Filmhochschul-Preis ausgezeichnet.
Castanha ist ein fiktionaler Film über einen realen Charakter: den Schauspieler und Travestie-Künstler João Carlos Castanha (52). Davi Pretto lernte ihn bei seinem ersten studentischen Kurzfilm kennen und war fasziniert von dessen Gesicht und physischer Ausstrahlung. Ähnlich wie John Cassavetes setzt er ganz auf diesen Schauspieler und den übrigen Cast. Gleichzeitig aber gibt es phantastische Elemente – Realität und Horror vermischen sich. So wie bei Roman Polanski oder John Carpenter speist sich dieser Horror aber aus dem Alltag der Figuren. Darüber hinaus ist Castanha ein intimer, beobachtender, beinahe dokumentarischer Film, der sich von Zufällen, Stille und den Details des Alltags leiten lässt. „João lebt wie wir alle in einer wirren fiktionalisierten Realität, in der das Reale absurd und der Alltag abstrakt ist.“ (Davi Pretto) Während João sich bereits mit einem Bein im Grabe wähnt und von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird, feiert er hartnäckig das Leben.

Mit dem während der Zeit der Sklaverei angesiedelten Thriller South und dem in der brasilianischen Armee der Jetzt-Zeit angesiedelten Horrorfilm Field Exercise wird Davi Pretto sein filmisches Spektrum demnächst noch einmal erweitern: Zum einem um die Genres Historien- und Horrorfilm, zum anderen will er diesmal mit professionellen Schauspielern arbeiten. Als Gast des Berliner Künstlerprogramms wird er den Austausch mit der örtlichen Filmszene suchen und sich der Recherche und der Weiterentwicklung dieser Drehbücher widmen.

Text: Maike Wetzel



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Filme: 2016 Rifle / Gewehr (Spielfilm, Digital Cinema 2,39:1, Farbe, 88‘) 2014 Castanha (Spielfilm, DCP, Farbe, 95‘) 2014 Bagagem / Gepäck (Kurzfilm, 12‘) 2012 De Passagem / Auf der Durchreise (Kurzfilm, 12‘) 2009 Quarto de espera / Wartezimmer (Kurzfilm, 10‘)
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