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kam 1955 in Istanbul zur Welt, ist aber aufgewachsen in Mardin, einer Stadt im anatolischen Südosten der Türkei. Das Leben dort ist einerseits geprägt von einem Miteinander von Muslimen, Orthodoxen Christen, Aramäern und Yeziden. Zugleich aber wird in der Region seit mehr als drei Jahrzehnten ein Kampf gegen die Kurden geführt. Mungans Familie hat – väterlicherseits – selbst kurdisch-arabische Wurzeln. In seiner Kindheit war ihm die kurdische Sprache deshalb untersagt. So wuchs er von Anfang an in einem kulturellen Spannungsfeld auf. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Theaterstudiums an der Universität Ankara war er unter anderem an den Staatstheatern in Ankara und Istanbul tätig. 1981 kam erstmals eines seiner Stücke auf die Bühne. Schon in diesen frühen Theaterstücken schöpfte Mungan aus dem reichen Fundus seiner Herkunft: Aufsehen erregte insbesondere die elfstündige Uraufführung seiner Mezopotamya Uclemesi (Die Mesopotamien-Trilogie) am Staatstheater Antalya im Jahr 1994 – nicht zuletzt verknüpft sie Märchen und Legenden, Mythen und Rituale und spielt mit Raum und Zeit. Schon damals zeichnet sich somit jene Überblendung eines östlichen und westlichen Erzählens aus, die bis heute stilgebend ist für Mungans Werk: Mit Vorliebe mischt er Elemente der westlichen Popkultur mit den östlichen mythischen Archetypen. Heraus kommt dabei ein scheinbar hybrides Schreiben, das postmodern und orientalisch zugleich anmutet, stets aber auf die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Themen der Gegenwart zielt: Genderfragen gehören dazu ebenso wie etwa ein politischer Islam. Mittlerweile ist sein Werk auf über 30 Romane, Gedicht- und Erzählbände angewachsen. In der Türkei wird Murathan Mungan an erster Stelle als Lyriker wahrgenommen. Und er zählt dort zu den bekanntesten der zeitgenössischen Autoren. Vor allem die junge und liberale Leserschaft schätzt und verehrt seine Bücher. Mungan reist mit bühnenreifen szenischen Lesungen wie ein Popstar durch die Lande; bekannte Sänger und Sängerinnen vertonen seine Gedichte. Diese kursieren noch vor Veröffentlichung in Buchform als Kurzmitteilungen durch die sozialen Medien; seine Fans tragen sich regelmäßig in das Gästebuch auf seiner Webseite ein. Doch Mungan nutzt seine Popularität als öffentliche Person: Für die Rechte der Kurden setzt er sich ebenso ein wie etwa gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Er selbst nennt sich einen ‚bekennenden Schwulen’ – denn, so Mungan in einem Interview, in einem Land wie der Türkei sei „schwul zu sein eine Lebensweise“ (in: qantara.de, 18.3.2008). Doch auch wenn er ein populärer Autor ist, ein populär schreibender Autor ist er mitnichten: Mungan liebt die anspruchsvolle Metapher ebenso wie das Experiment mit literarischen Formen. Der Erzählband „Palast des Ostens“ (2006) beispielsweise besticht durch seinen kammerspielartigen Aufbau. Zugleich beleuchtet Mungan im Spiegel dieser Erzählungen – die in den Steppen und Bergregionen Vorderasiens angesiedelt sind und allesamt um das Thema der Liebe kreisen – zeitgenössische Diskurse von Macht, Geschlecht und Körper. Um die Auswirkungen eines fundamentalistischen Denkens geht es auch in seinem Roman „Tschador“ (2008). Darin zeigt Mungan was passiert, wenn der Islam politisiert und jegliches säkulare Denken ausgelöscht wird. Was als scheinbar realistische Geschichte eines aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten beginnt, endet als düstere politische Endzeitvision: Das Land, in dem Mungans Protagonist sich wiederfindet, ist in der Hand von islamistischen Soldaten, die Frauen sind zwangsverschleiert – nichts ist mehr, wie es war. Geschickt verknüpft Mungan das Verhüllungsgebot für die Frauen mit dem ebenfalls von den Soldaten Gottes verhängten Bilderverbot. Beides steht in letzter Konsequenz stellvertretend für eine Gesellschaft, in der die Realität verschleiert und somit negiert wird – und in der das, was ist, nicht offen und unverschleiert Gegenstand des öffentlichen Lebens sein darf. Der Roman stellt insofern zugleich auch weitergehende Betrachtungen an über die gesamtgesellschaftlichen Folgen solch einer politischen Ordnung: verordnete Eintönigkeit und ein umfassender Wirklichkeitsverlust. Auch der Erzählband „Städte aus Frauen“ (2010) kreist um das Thema ‚Frauen im Islam“. Mungan erschafft darin psychologisch fein gestaltete Protagonistinnen, die frei sind von jenen scheinbar typischen Konflikten, die unserer westlichen Wahrnehmung nach das Leben einer türkischen Frau bestimmen: Wir treffen sie an in den großen Städten der Türkei, sie bestimmen selbst über ihr Leben, sind noch unverheiratet oder bereits geschieden, wenn nicht gar verwitwet. Oftmals bezahlen sie ihre Freiheit mit Einsamkeit; das Glück ist verbunden mit einem leisen Schmerz. Wie schon in „Tschador“, weitet – darauf weist Martin Zähringer in seiner Besprechung des Bandes hin – Murathan Mungan das Thema der Geschlechterrollen zugleich zu einem generellen Tableau: „Viele seiner Heldinnen berühren durch ihre Herkunft oder ihre Handlungen die Tabuthemen der Türkei: die Verfolgung der Armenier, die Unterdrückung der Kurden und die Erfahrungen der türkischen Linken mit Folter und Ausgrenzung.“ (in: NZZ, 18.8.2010). Wie seine Figuren bricht also auch Murathan Mungan vielerlei Tabus. Es wundert nicht, dass er in der Türkei eine so unbestechliche wie kontrovers diskutierte Ausnahmefigur ist.


Text: Claudia Kramatschek


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Palast des Ostens. Erzählungen. Aus dem Türkischen von Birgit Linde und Alex Bischof. Unionsverlag, Zürich 2006. Tschador. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Blumenbar Verlag, München 2008. Städte aus Frauen. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Blumenbar Verlag, München 2010.
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