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„Die jüngste Entdeckung aus dem aufstrebenden Literaturland Rumänien heißt Filip Florian“ – so schrieb der österreichische „Falter“ bereits 2008. Florian, 1968 in Bukarest geboren und dort noch immer beheimatet, wagte wiederum 1999 den Sprung in die Schriftstellerexistenz. Zuvor arbeitete der studierte Geologe knapp ein Jahrzehnt lang als Journalist, unter anderem auch für die Deutsche Welle. Seinen Landsleuten gilt er als veritabler Enkel eines Bohumil Hrabal. Tatsächlich zelebriert Florian einen magisch-phantastischen Realismus – und das, um einer von Diktaturen geschundenen Welt und den Nachwirkungen totalitärer Unterdrückung sensibel auf die Finger zu fühlen. Bereits mit seinem Debüt „Kleine Finger“ (2008), das 2005 im Original erschien und mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, erwies Filip Florian sich als so souveräner wie kunstvoller Erzähler. Vordergründig gibt sich der – von Georg Aescht feinfühlig ins Deutsche übertragene – Roman als Archäologen-Krimi aus: Während Ausgrabungen in einem kleinen Karpatenstädtchen wird in den Ruinen einer römischen Festung ein Massengrab entdeckt. Der erste Verdacht fällt auf die Securitate und damit auf Verbrechen aus kommunistischer Zeit: Bei etlichen Skeletten fehlen die Knochen der kleinen Finger. Allein Florians Protagonist Petrus, ein eigensinniger Archäologe und ergo Spezialist für das Ausgraben verschütteter Wahrheiten, glaubt nicht an die Theorie des örtlichen Polizeichefs. Wie sein Erfinder, der Autor Filip Florian, misstraut Petrus allzu festgefahrenen Lesarten der Geschichte. Just aus diesem Misstrauen – im Fall des Autors gilt es auch den erzählerischen Hohlformen für den Umgang mit Geschichte und damit deren möglicher Instrumentalisierung – schlägt Florian literarisch Kapital. Denn Petrus’ Ermittlungen verlaufen in ungewohnten Bahnen: Ihn interessieren nicht so sehr korrekte Forschungen auf Basis vermeintlicher Fakten aus dem Archiv und damit ein verbürgtes konventionelles Narrativ. Petrus alias Florian nimmt den Leser vielmehr mit auf abenteuerliche Seitenpfade und allerlei Ausschweifungen, indem er die Lebenswege all jener bizarren Figuren wiedergibt, die seine Wege kreuzen: seltsame Heilige, unglücklich Liebende, mehr oder minder erfolgreiche Kreuzritter des Glücks. Kühn wechselt Florian dabei Perspektiven und Erzählebenen, bricht beständig die Kontinuität von Raum und Zeit. Und doch führen die vermeintlichen Seitenwege ins Zentrum des Romans: Einerseits entsteht aus ihnen ein geschichtliches Panorama der Lebenswelten in Rumänien, das die K.-u.-k.-Ära ebenso umfasst wie Krieg, Faschismus und die postkommunistische Gegenwart. Zugleich erweisen sich alle Figuren als von der Diktatur Beschädigte. Florian bildet ihre äußeren wie inneren Blessuren ab, immer aber mittels Kunstgriffen: Von der Grausamkeit einer Diktatur etwa erzählt er über den Umweg argentinischer Anthropologen, die schon das Schicksal der unter der Junta Verschwundenen untersuchten und die man nun zur Unterstützung der Ermittlungen einreisen lässt. Der seltsame Heilige – ein einstiges Opfer der Securitate – rekonstruiert, auf Baumrinden geritzt, seine eigene Version der Bibel. Er bildet insofern die Gegenfigur zur gewollten Geschichtsvergessenheit, wie sie in vielen ehemaligen Ostblock-Staaten mit dem Übergang zur Demokratie einherging. Sein scheinbar sinnloses Tun wiederum ist Metapher für eine Literatur, wie Filip Florian sie versteht: als Medium einer kollektiv geteilten Erinnerung und damit das einzig wahre Vademekum für eine Gesellschaft, die in ihren Grundfesten so erschüttert ist wie die Wahrheit selbst. Könnte sie also anders als zersplittert erzählbar sein? Dass die Geschichte nicht eindeutig interpretiert werden kann und ergo die geteilte Erinnerung, was heißt der geschichtliche Dialog, Voraussetzung ist für eine gelingende Gesellschaft: davon handelt subkutan auch Florians dritter Roman „Alle Eulen“ (2016). Systemkritik und Situationskomik verknüpfen sich darin ebenso aufs Schönste wie die Schicksale zweier sehr unterschiedlicher Menschen, die Freunde werden. Der eine ist 11 Jahre und ein Sprössling der Revolution von 1989; der andere ist Pensionär und blickt zurück auf ein Leben, das ganz im Zeichen von Totalitarismus stand. Gemeinsam durchstreifen sie – der Roman spielt Anfang 2000 – die Wälder der karpatischen Berglandschaft. Der Roman selbst besticht durch seine enorme literarische Sinnlichkeit: Noch die kleinsten Nuancen einer fein verästelten Wahrnehmung finden ihren Platz. Die Natur selbst ist Refugium und Mysterium zugleich. Mittendrin: die Eulen, deren Sprache die beiden Freunde erlernen. Es ist die Sprache jener, die über die Gabe verfügen, im Dunkeln zu sehen. Von ihnen erwächst letztendlich Trost. Trost, wie er auch den „untröstlichen“ Büchern Filip Florians zu eigen ist, die uns sagen: Die Transformation der Wirklichkeit ist möglich. Den Horizont der rumänischen Literatur hat sein Werk allemal schon längst geweitet. Man darf insofern gespannt sein auf die deutsche Übersetzung seines (zweiten) Romans „Die Tage des Königs“: Vor dem Hintergrund das Österreichisch-Preußischen Krieges greift Florian darin aus bis zu den politischen und sozialen Machenschaften im Bukarest des Jahres 1866, als dort eine damals multiethnische Bevölkerung sich aufmachte, einen modernen Staat zu schmieden.


Text: Claudia Kramatschek

Foto: Mircea Struteanu,


Print
Kleine Finger. Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. Alle Eulen. Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. Die Tage des Königs. Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018.
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