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Die Arbeiten des thailändischen Künstlers Arin Rungjang (*1975) kreisen um Erinnerung, Gesellschaft und Geschichte — oftmals mit Bezug auf das schwierige Herausbilden einer (mono-)kulturellen Identität im Nachkriegsthailand und dessen Fortwirken bis in die Gegenwart. Seine künstlerische Praxis kann als ein poetisches und komplexes Wiederaufsuchen historischer Momente gelesen werden, bei dem die Haupt- und Nebenerzählungen über mehrere Zeiten, Orte und Sprachen hinweg verbunden, überlagert und verdichtet werden. In seinen Arbeiten seziert Rungjang geschichtliche Ereignisse und alltägliche Lebenserfahrungen gleichermaßen, dekonstruiert das Ausgangsmaterial und entwickelt so eine neue Lesart der üblichen Narrative. Geschichte ist für den Künstler keine unumstrittene Tatsache und sie hat nie nur den einen, objektiven Zugang: Geschichte und Geschichtsschreibung sind immer idiosynkratisch und spekulativ.

Rungjangs Arbeitsweise zeichnet sich durch ihre Multimedialität aus, wobei Video und ortspezifische Installationen zentrale Aspekte seines Werks bilden. Zur Rekonstruktion von Erinnerung, einem wiederkehrenden Sujet seines Schaffens, integriert er Alltagsobjekte in den künstlerischen Prozess, sammelt und zeichnet mündliche Überlieferungen auf, und durchforstet Archivmaterial. So gelingt es ihm, entfernte historische und private Ereignisse über Zeit und Raum hinweg zusammenzuführen und die verborgenen und komplexen Wechselbeziehungen zwischen Öffentlichem und Privatem, wie auch zwischen Ort und Erinnerung zu beleuchten.

Ausgangspunkt für die Arbeit “246247596248914102516 … And then there were none” (documenta 14) ist der Eintrag eines thailändischen Namens auf der letzten Seite des Gästebuchs im sogenannten Führerbunker. Die Geschichte des thailändischen Botschafters, der während des Zweiten Weltkriegs in Berlin lebte, bildet den roten Faden, der die Skulptur “246247596248914102516” mit einer 30 minütigen Einkanal-Videoprojektion und einer Sammlung historischen Archivmaterials verbindet. Die Figur des Botschafters eröffnet einen weniger bekannten Aspekt der thailändischen Geschichte: die Unterstützung Thailands vor dem Krieg durch Nazideutschland, zur Bekämpfung der französischen Besatzung. Die monumentale Halbplastik aus Holz und Messing zeigt bewaffnete Soldaten und reproduziert eines der Reliefs des Demokratiedenkmals im Zentrum Bangkoks, das an den Umsturz von 1932 und das Ende der absoluten Monarchie erinnert, durch seine Machtverherrlichung aber auch zu einem Symbol für Faschismus und militärische Gewaltherrschaft geworden ist. Rungjangs Arbeit setzt das Denkmal in den Kontext des 14. Oktober 1973, als der damalige Premier Thanom Kittikachorn der Armee den Schießbefehl auf rund 500.000 Menschen erteilte, die vor dem Denkmal für Demokratie demonstrierten. Dabei starben – nach offiziellen Angaben – 77 Demonstranten, über 800 wurden verletzt. Das Video „And then there were none“ folgt der halbfiktiven Geschichte zehn Studierender, die in den Wirren des anschließenden Volksaufstands aus Bangkok flohen. Durch die Verbindung der drei Elemente – Film, Skulptur, internationales Archivmaterial – unterzieht Arin Rungjang die Beziehung Thailands zu Diktatur und Faschismus einer kritischen Neulektüre und untersucht zugleich die Verschiebungen zwischen persönlicher und offizieller Geschichtswahrnehmung.

Text: Anja Lückenkemper


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