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Wie eine Archäologin der Geschichte des 20. Jahrhunderts rekonstruiert Rossella Biscotti (*1978) mithilfe von Filmmaterial, Objekten und in langwieriger Recherchearbeit vergessene Augenblicke der Vergangenheit, um sie wieder mit der Gegenwart zu verlinken, indem sie die Bedeutung der von ihr geborgenen Materialien aus zeitgenössischer Perspektive untersucht und durch Reenactments wiederbelebt. Ihr Werk umfasst Video- und Audioarbeiten, Fotografien, Installationen und Performances, die die Idee von Zeit in all ihren Dimensionen – historisch, real, fiktional – befragen. Biscottis Forschungen beschränken sich dabei nicht auf Archive, sondern beziehen persönliche Begegnungen und mündliche Befragungen mit ein, so dass sich um die offiziell geschriebene Geschichte herum neue Geschichten entfalten und individuelle Erinnerungen in der Gegenwart lebendig werden können.

Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist oft das stumme Vermächtnis der Architektur historischer Orte und Mahnmale. Die 2010 begonnene und seitdem fortgesetzte Arbeit Il Processo (Der Prozess) setzt sich mit dem Aula-Bunker in Rom auseinander, einem von dem rationalistischen Architekten Luigi Moretti 1934 erbauten Hochsicherheitsgerichtsgebäude am Foro Italico in Rom. Dort wurde unter anderem der als „Processo 7 Aprile“ in die Geschichte eingegangene Prozess gegen die Mitglieder der außerparlamentarischen linken Gruppierung Autonomia Operaia – darunter Antonio Negri, Paolo Virno und andere Intellektuelle, die der ideologischen und moralischen Verantwortung für den italienischen Terrorismus der 1970er Jahre beschuldigt wurden – abgehalten. Biscotti begann mit ihrer Recherche anlässlich eines Fotografieprojekts zur faschistischen Architektur in Italien im Jahr 2006, kurz bevor das Gerichtsgebäude in ein Sportmuseum verwandelt wurde. Vor dem Abriss im Rahmen des Umbaus konnte Biscotti einige Elemente, wie Holzbänke und Schlüssel, daraus retten und ließ Abgüsse von architektonischen Details des Gerichtssaals nehmen, die dann in abstrakt-minimalistische Betonskulpturen umgesetzt wurden.

Zentraler Bestandteil der Installation, die unter anderem auf der dOCUMENTA (13) gezeigt wurde, ist ein von Radio Radicale initiierter achtstündiger Mitschnitt des Prozesses gegen Mitglieder der Autonomia Operaia, der zwischen 1982 und 1984 in Rom stattfand und in dem die Geschichte der Bewegung akribisch rekonstruiert wurde. Die transkribierten Aufnahmen wurden als Teil der Installation performativ von professionellen Simultandolmetschern aus dem Italienischen in verschiedene Sprachen übersetzt, so dass die historischen Zeugenaussagen durch Stimme und Körper in der Gegenwart wieder aktiviert werden.

In einem weiteren Schritt der Verkörperlichung wurde die von Biscotti in Auftrag gegebene englische Übersetzung von verschiedenen Personen aus dem Umkreis der Künstlerin in Leseperformances vorgetragen, die wiederum live von einer Stenotypistin mitgeschrieben wurden. So bleibt das Verfahren durch Sprache und erneute Niederschrift in Bewegung, seine Aussagen für die heutige Zeit lebendig – die Gedanken der italienischen Autonomia zu Kreativität, Arbeit und Kapital sind nach wie vor hochaktuell.


Text: Eva Scharrer



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