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Ein Seestern sei aufgegangen, jubelte der US-amerikanische Schriftsteller Eliot Weinberger, als 2008 Jeffrey Yangs Lyrikdebüt „Ein Aquarium“ (2012) erschienen war. Yang – der 1974 in Kalifornien zur Welt kam, Biologie sowie Literatur studierte und u.a. als Lektor dem renommierten Verlag New Directions zur Seite steht – entpuppte sich darin ad hoc als poeta doctus, dessen Dichtung einerseits dem Sichtbaren, den Fakten und den Dingen verschrieben ist und doch zugleich höchst reflexiv genannt werden darf. In „Ein Aquarium“ betrachtet Yang die Welt vom Meer aus: Der Band versammelt alphabetisch geordnete maritime Gedichte, die – gespickt mit enzyklopädischem Wissen – von Delphinen und Flundern, von Hummern und Venusmuscheln, von Seetang und Tintenfischen handeln, von dort aus aber auch ausstrahlen hin zu Aspekten von Religion und Philosophie, Kultur und Wissenschaft. Aus allen Fach- und Himmelsrichtungen fließen termini technici und Nomenklaturen in dieses Abecedarium der Meereslebewesen ein, das somit in den Kontext weiträumiger, welthaltiger und auch kulturkritischer Bezüge gestellt ist: Unter dem Buchstaben Z erscheint z.B. der Begriff „Zooxanthellae“, der Name einer Algensorte, die symbiotisch mit der Koralle lebt, sie mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und daher für das Leben der Korallenriffe unabdingbar ist. Diese Symbiose, so lässt uns der Dichter beispielsweise wissen, ist in Gefahr – nicht zuletzt aufgrund der nunmehr 76 Atomtests, die durchgeführt worden sind von den Vereinigten Staaten, jenem „Fisch, der alle Meere verschlingt“ (in: Ein Aquarium. Übersetzung: Béatrice Fassbender). Das Aquarium ist somit Metapher für die Welt, die wir besiedeln, weswegen wir auch anderen Kreaturen und Kreationen, aus anderen Räumen und Zeiten, begegnen: so etwa dem Freiheitskämpfer Garibaldi, dem Dichter Kenneth Rexroth oder auch Google . Alles steht hier also in Verbindung mit allem – und doch ist nichts epigonal, im Gegenteil. Yangs Poesie liest sich erfrischend neu, ist von großer Dynamik, dabei trotz kühner Schnitte und Montagen äußerst musikalisch. Was er beschreibt, erweckt er zugleich zum Leben. Er ist gelehrsam ohne belehrend zu sein, nicht zuletzt dank eines subtilen Humors. Das Wissen, auf das er zurückgreift und das er vor unseren staunenden Augen wie ein Archiv entfaltet, verpackt er in schlanke, entschlackte Sprache. Kein Wort zuviel, komplexe Zusammenhänge werden bravourös pointiert. Postmoderne und altes Wissen sind hier in ausgewogene Balance gebracht, das Gedicht offenbart sich bei ihm als Ort einer vielfachen Verknüpfung. Dieser Poetologie ist Yang auch in seinem zweiten Gedichtband „Yennecott“ (2015) treu geblieben. In diesem Band taucht er ein in die Tiefe der Jahre und Jahrhunderte – diesmal in Form eines Langgedichts, das sich einreiht in jene US-amerikanische Tradition, in der Walt Whitmans „Grashalme“ ebenso Pate stehen wie die poetischen Naturerkundungen eines Gary Snyder. Yennecott ist der Name, mit dem die nordamerikanischen Ureinwohner die Halbinsel Long Island bezeichneten, von der sie im Zuge der amerikanischen Siedlungsgeschichte verdrängt worden sind. Yang zeichnet diese Siedlungsgeschichte aus der Sicht der Verdrängten und Enteigneten dar, liefert also eine Gegengeschichte zur offiziellen Historie, indem er die Siedlungsbewegungen als Prozess der Besitznahme zeigt, der von Zerstörungswut, Sklaverei und Ausbeutung erzählt. Der Blick des lyrischen Ich streift deshalb „quer durch die Jahrhunderte“ (in: Yennecott. Übersetzung: Béatrice Fassbender), von einer historiographischen Notiz aus dem Jahr 1069 bis hin zur Ankunft des sprechenden Ich auf der Insel. Dieses lyrische Ich fungiert dabei eher als Aufschreibemedium, das in neuerlich gewagten Schnitten zahlreiche Ausschnitte aus historischen Quellen – Reiseberichte, Tagebücher, juristische Texte – sowie indianische und europäische Mythen nebst Zitaten aus den Werken anderer Autoren wie Melville, Dickinson oder Majakowski ineinander montiert. Die schlichte Reihung der Montage – in der die Brüche bewusst nicht gekittet sind – erlaubt dem Dichter, Kritik zu üben, ohne diese ausdrücklich zu benennen: Wenn Kolonialisten der ersten Stunde von der Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit der Ureinwohner schwärmen, spätere Berichte aber vom brutalen Abschlachten derselben Ureinwohner durch dieselben Kolonialisten künden, kommentieren sich diese Notizen gegenseitig von selbst. Und noch etwas gelingt wie nebenbei: Wo Yang Zitate aus der Weltliteratur einflicht, spinnen diese ein Netz über Raum und Zeit hinweg. „Yennecott“ ist somit zugleich lesbar als universalgeschichtliches Exempel, das Prozesse von Unterdrückung und Unterwerfung sichtbar macht, wie sie auch unsere Gegenwart kennzeichnen: Einmal fällt etwa der Name Guantanamo. Jeffrey Yang verzichtet übrigens – in Anlehnung an den von ihm verehrten Dichter Octavio Paz, der die Autonomie des Gedichts als Offenbarung der menschlichen Freiheit ansieht – auf jegliche Fußnoten und Anmerkungen. Das Gesagte wird auf diese Weise vergegenwärtigt statt nur auf- und abgerufen; die Vergangenheit wird auf diese Weise als Gegenwart sicht- und spürbar. Der Auslöschung seitens der offiziellen Geschichte stellt Jeffrey Yang somit das poetische Gedächtnis entgegen. Dieser Schnittstelle von Geographie und Geschichte gilt sein grundlegendes Interesse als Dichter. Der ewigen Wiederkehr geschichtlicher Eroberungen trotzt er eine lyrische Note ab, indem er mithilfe seiner Dichtung fragt: Auf welchen Wegen wandert Wissen und wohin? Wie verändert sich die Lesart von Geschichte unter dem Blickwinkel des kulturellen Austauschs? Was verbindet – so erforscht er in seinen aktuellen Arbeiten – die Wüstenmusik der Südweststaaten mit jener der Taklamakan-Wüste in Zentralasien; was ein altes buddhistisches Königreich in Malaysia mit der buddhistischen Kultur der Seidenstraße, deren Artefakte von jenem griechischen Einfluss zeugen, den erst der Feldzug Alexander des Großen möglich machte. Man darf gespannt sein auf alles Zukünftige aus der Feder des poetus docta Jeffrey Yang.


Text: Claudia Kramatschek




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Ein Aquarium. Gedichte. Englisch/Deutsch. Übersetzt von Béatrice Faßbender. Berenberg Verlag, Berlin 2012. Yennecott. Gedicht. Englisch/Deutsch. Übersetzt von Béatrice Faßbender. Berenberg Verlag, Berlin 2015.
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