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„Das Exil ist mein Beruf, ihn zu wechseln ist hart’ . Es sind – heute kann man das sagen – prophetische Worte, die der zu diesem Zeitpunkt erst 29-jährige Habib Tengour in seinem literarischen Debüt „Tapapakitaques _ la poésie-île. Chronique 96 567 897 012“ niederschreibt, das 1976 erscheint. Noch kann Habib Tengour – geboren 1947 in der westalgerischen Hafenstadt Mostaganem, dem Mekka der maghrebinischen Sufi-Mystik – nicht wissen, dass er zu einem Prototypus des migrantischen Schriftstellers werden wird. Noch scheinen ihm in seiner Heimat Algerien – das wenige Jahre zuvor die Unabhängigkeit erlangt hatte – Türen und Tore offen zu stehen: 1973 war Habib Tengour mit seinen Eltern – die sich im Freiheitskampf engagiert hatten – aus dem Pariser Exil zurückgekehrt, wo er die 68er Ära aus erster Hand miterlebt und ein Studium der Soziologie und Ethnologie absolviert hatte. Im gleichen Jahr – 1973 – wird ihm die Leitung des neu gegründeten Instituts für Soziologie an der Universität Constatine übertragen, 1985 promoviert er in Ethnologie. Doch die Träume eines Neuanfangs zerschlagen sich: 1986 brechen die ersten Studentenunruhen aus, Habib Tengour wird verhaftet – und geht 1991 nach Paris ins Exil. 1995 wird Tengour – als überzeugter Linksintellektueller ein unbequemer kritischer Zeitgeist – offiziell aus der Universität Constatine entlassen, die da schon längst zur Hochburg der Islamisten mutiert ist. Fortan wird der Schriftsteller Habib Tengour zum Chronisten des postkolonialen Algerien, wobei seine Texte stets poetischer, nie politischer Natur sind. Die Odyssee – Bezüge dazu klingen schon im genannten Erstlingswerk an – sowie Ulysses werden zu seinen zwei wichtigsten Referenzmythen. Wie die Odyssee versteht auch Tengour sein Werk als Ausdruck einer einzigen Wanderung und Reise sowie als Suche nach einem Ort, an dem der reisende Dichter eine Heimat finden könnte. Tengour findet sie in der Sprache – und im Anderswo. Dieses Anderswo benennt Tengour in seinem Manifest „Le Surréalisme Maghrébin“, seiner maghrebinischen Replik auf das Bretonsche Surrealistische Manifest, dessen letzter Satz bekanntlich lautet „Das wahre Leben ist anderswo“: „Es gibt wohl einen klar umgrenzten Raum genannt Maghreb, doch der Maghrebiner ist immer anderswo. Und er verwirklicht sich nur dort.“ Tengour macht dieses Anderswo jedoch enorm fruchtbar, belässt es nicht bei einer Wehklage über die Entbehrungen des Exils. Im Gegenteil: Geschult als Ethnologe und Soziologe, der über die volksislamischen Bräuche algerischer Stämme promovierte, und zugleich vertraut mit der westlichen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, erschafft er einen ganz eigenen heterogenen Mix aus Poesie und Ethnologie, Mystik und Moderne. Seine ersten Schreibversuche unternimmt er, so schildert es seine deutsche Übersetzerin Regina Keil-Sagawe, in „rumpelnden Pariser Vorortzügen“ – mit jedem Buch mehr wird er zum Schriftsteller „on the road“ par excellence. Das Wort „voyage“ (Reise) wird in seinem Zyklus „Seelenperlmutt“ mit Großbuchstaben geadelt. Melancholie und Ironie halten sich darin übrigens die Waage, denn der Nomadismus wird zur Möglichkeit einer Form. Tengour – der von Anfang an auf Französisch schrieb – balanciert an der Grenze zweier Welten und reflektiert solchermaßen ein äußerst aktuelles Lebensgefühl: nicht nur das des postkolonialen Subjekts, sondern das der globalisierten Post-Moderne. Seine Poeme leben von einem weitgespannten Bilder- und Zitatenreichtum, der europäische, französische, algerische und arabisch-muslimische Elemente gleichermaßen umfasst. Die Versatzstücke purzeln dabei nur so durcheinander; Zeilenumbrüche, Rupturen schreiben den Gedichten noch auf formaler Ebene Tengours nomadisierendes, stets in Bewegung und Aufbruch befindliches Denken ein. Auch seine Figuren werden durch Räume und Zeiten geschleudert: Empedokles findet sich in „Die Sandale des Empedokles“ wieder in Paris – die maghrebinischen Migranten im Pariser Exil mutieren zu „Tataren“ in seinem berühmten Prosa-Poem „Besagter Tatar 2“, in dem Habib Tengour die Selbst- und Fremdwahrnehmung von seinesgleichen zu einem symbolischen Text über den Umgang mit dem Fremden und über die Frage nach dem Konstrukt von Identität im Zeichen migrantischer Mobilität verdichtet. Das Prosapoem muss zusammen gedacht werden mit dem Zyklus „Im Land der Toten“ sowie „Der Tod des Abderrahman“. Beide Gedichte sind Reflex und Antwort auf die sogenannten „schwarzen Jahre“ in Algerien, als der islamistische Terror ein Blutbad unter Zivilisten anrichtete und vor allem Künstler und Intellektuelle zur Zielscheibe wurden. Abderrahman Benlazhar, seinerzeit ein Kollege Tengours an der Universität in Constatine, wurde 1992 von den Islamisten ermordet; ihm widmet Tengour den poetischen Nachruf. 1995 – der Bürgerkrieg wird weitere 5 Jahre dauern und rund
200.000 Tote fordern – folgt „Im Land der Toten“: Tengour zeichnet Algerien als düsteres Schattenreich, das er in seiner Rolle als Dichter allen Schrecken zum Trotz betreten muss, um Auskunft zu erhalten über das, was unwiderruflich verloren ist – und was die Zukunft noch bringen kann. Skepsis, ja Desillusionierung überziehen jedoch Tengours spätere Werke: Skepsis gegenüber der Geschichte; Skepsis gegenüber der Idee vom historischen Fortschritt der Geschichte. Auch an Rückkehr ist nicht mehr zu denken: „es führt kein Weg in den Hafen zurück“, heißt es lakonisch in „Die ferne Insel“. Schreiben ist für Tengour – so betont seine deutsche Übersetzerin Regina Keil-Sagawe – „ein Akt der Entschleierung“, übrigens unter Rückgriff auf das, was die Mystiker, so Keil-Sagawe, „kashf alasrar“, also das „Enthüllen von Geheimnissen“ nennen. Politische Zäsuren nahm er in der Tat in fast unheimlicher Manier vorweg: 1981 beschreibt er im Roman „Sultan Galièv“ das Scheitern des Sozialismus, 1983 sagt er in „Le Vieux de la Montagne“ den algerischen Islamismus vorher. Noch sein Roman „Der Fisch des Moses“, der 2001 im französischen Original erschien, liest sich wie ein Dokument unserer Zeit: Was treibt, so fragt Habib Tengour vor dem Hintergrund des Afghanistankrieges, junge Männer an, in den Djihad zu ziehen und einen Krieg zu führen, der eigentlich nicht der ihre ist? Seine Literatur, die auf den ersten Blick fremd erscheinen mag, hält uns insofern einen Spiegel vor. Habib Tengour tut dies allerdings auf höchst diskrete Weise, denn das Geheimnis, die Poesie bleibt bei ihm gewahrt.
2010.


Text: Claudia Kramatschek

Photo: Pierre Joris

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Der Fisch des Moses. Roman. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Haymon Verlag, Innsbruck 2004. Seelenperlmutt. Lyrik. Französisch-deutsche Ausgabe. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Regina Keil-Sagawe. Verlag Hans Schiler, Berlin 2009. Césure. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe unter Mitwirkung von Stephan Egghart. Programmheft zum Poesiefestival Berlin 2010/Mittelmeer. Hochroth Verlag, Berlin 2010.
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