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2009 präsentierte China sich als Gastland der Frankfurter Buchmesse. Der heimliche Star war damals allerdings ein Autor, der im Rahmen des offiziellen Programms gar nicht auftreten durfte. Die Rede ist von Ma Jian, der in China schon lange zuvor zu einer Persona non grata erklärt worden war: Wir schreiben das Jahr 1982 und Ma Jian – damals 29 Jahre alt – arbeitet in Peking als Fotograf, seine Freunde sind Maler und Dichter, man trägt Jeans und lange Haare. Sie alle gelten deshalb – wie viele andere seinerzeit – in den Augen des „Amtes für Öffentliche Sicherheit“ als verdächtige Subjekte, denen die Partei in einer diffamierenden Kampagne „Geistige Verschmutzung“ vorwerfen wird. 20.000 Todesurteile werden in jener Zeit ausgesprochen. Ma Jian – im eigenen Land nun ein Fremder – will der geistigen Enge entkommen und bricht 1984 auf zu einer Reise durch China. Sie wird drei Jahre dauern – und zu einer Suche nach sich selbst sowie der Seele seines Landes: Von Beijing geht es in die weiten Steppen des Westens, von heiligen Bergen in Urwälder und Schluchten, von den verlassenen Ruinenstädten der ehemaligen Seidenstraße in die vibrierenden, überbevölkerten Städte der Südküste. Mit im Gepäck: Walt Whitmans Klassiker „Grashalme“ sowie das Gefühl einer grundlegenden Verlorenheit und Einsamkeit. Erst Jahre später verarbeitet Ma Jian diese Zeit in seinem inzwischen preisgekrönten und legendären literarischen Reisebericht „Red Dust. Drei Jahre unterwegs durch China“ (2009), das 2001 im Original erscheint. Fakt und Fiktion scheinen sich darin zu überlagern: Die Abenteuer, mit deren Hilfe Ma Jian seine Verlorenheit zu kompensieren sucht, muten im Verlauf des Berichts immer wilder an. Der Einsamkeit aber kann der Autor bis zuletzt nicht entfliehen. Ma Jian begreift: Er braucht die Stadt und die Menschen, die Frauen und die Bücher. 1986, kurz nach dem Ende seiner Reise, geht der Autor deshalb ins Exil; zuerst nach Hong Kong, dann nach Deutschland, zuletzt nach England, wo Ma Jian seit 1999 lebt. In China, seinem Vaterland, kann keines seiner Bücher erscheinen. Ma Jian, in den Augen der Chinesen ein „Enfant terrible“, rührt an strikte Tabus. Eines von ihnen ist das Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989. Damals kämpften Tausende von Studenten auf friedliche Weise für mehr politische Freiheit – und wurden von Sondereinheiten der chinesischen Armee mit Gewehren erschossen und mit Panzern überrollt. Bis heute wird das Massaker in der Geschichte des Landes totgeschwiegen, es herrscht eine Art kollektive Amnesie. An ebendieser Amnesie rüttelt Ma Jians Roman „Peking Koma“ (2009): Auch der 22-jährige Dai Wei, Sohn eines sogenannten Rechtsabweichlers und Ich-Erzähler in diesem 1.000-Seiten-Opus, ist einer der Studenten. Er wird von einer Kugel getroffen, fällt in ein Koma – und erwacht daraus erst zehn Jahre später. Sprechen kann er in diesen zehn Jahren nicht. Aber er kann hören – und sich erinnern. So wird er zum Chronisten jener Wochen und Tage, die Chinas Gesicht für immer verändert haben. Minutiös, mit fast quälender Detailgenauigkeit und in mimetischer Anverwandlung ebenjenes bürokratischen Idioms namens Parteichinesisch schildert Ma Jian nicht allein das blutige Ende, sondern auch die vorangegangen internen Diskussionen sowie die Machtrangeleien zwischen den einzelnen Kadern. „Peking Koma“ ist jedoch zugleich mehr als die Nahaufnahme der historischen Ereignisse von 1989: In seinem Koma-Zustand erinnert sich der Ich-Erzähler einerseits an prägende Szenen seiner Kindheit während der traumatischen Kulturrevolution, in deren Verlauf sein Vater als gebrochener Mann aus einem der Umerziehungslager zurückkehrt. Zugleich registriert er die Verwerfungen und Umwälzungen der Gegenwart: Wo er selbst einst der Politik zum Opfer fiel, wird seine Mutter nun den kalten Gesetzen eines rein neoliberalen Marktes zum Opfer fallen und ihre Wohnung verlieren. Kunstvoll verwebt Ma Jian somit nicht nur die Ebenen, sondern auch die Zeiten, um die Geschichte des modernen Chinas kritisch Revue passieren zu lassen. Ein rabenschwarzes Porträt seiner Heimat zeichnet auch der Roman „Die dunkle Straße“ (2015). China, so schrieb der Literaturkritiker Gregor Dotzauer, erscheine darin als ein „Reich ewiger Finsternis, das keinen Schritt über die mörderischsten Zeiten der Kulturrevolution hinausgekommen zu sein scheint“. Es sei, so Dotzauer, „ein in der Anhäufung von Unglück maßloses Buch, das der Maßlosigkeit der 1979 eingeführten und neuerdings aufgeweichten Ein-Kind-Politik gerecht zu werden versucht“. Worum geht es? Es geht um Zwangsabtreibung und Föten als fruchtbarkeitssteigernde Delikatessen, es geht um Blut und Schmutz, um toxische Gewässer und die Grausamkeit eines Staates, der seine Seele und seine Bürger an den Traum einer aufsteigenden Nation verkauft. Drei Menschen werden entlang des Yangtze fliehen vor dem Zugriff dieses Staates – ihm aber nicht entkommen. Mit grausamen Szenen beginnt der Roman, der einerseits konventionell, da linear aufgebaut ist, zugleich aber gespickt ist mit Alltagsdetails und den Leser mit voller Wucht trifft. Denn am Ende von „Die dunkle Straße“ wandelt Ma Jian sich vom Realisten zum magischen Realisten: Die Bilder werden immer opulenter, der Traum von einem aufstrebenden China erweist sich als ein einziger Albtraum, der Kreislauf des Lebens ist verkommen zu einem Kreislauf, der nurmehr aus Waren Müll und aus Müll neue Waren erschaffen kann. Ma Jians Romane sind somit finstere Parabeln – jedoch versehen mit einem glühenden humanen Kern: Sie verlieren sich nämlich nicht in der radikalen Kritik. Wer genau liest, entdeckt die tiefe Liebe des Autors für die einfachen Menschen, das chinesische Volk.

Text: Claudia Kramatschek

Foto: Privat


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Peking Koma. Roman. Übersetzung: Susanne Höbel. Rowohlt Verlag. Reinbek 2009. Red Dust. Drei Jahre unterwegs durch China. Übersetzung: Barbara Heller. SchirmerGraf Verlag. München 2009. Die dunkle Straße. Roman. Übersetzung: Susanne Höbel. Rowohlt Verlag. Reinbek 2015.
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