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Wilson Díaz wurde 1963 in einem Koka-Anbaugebiet im ländlichen Kolumbien geboren und wuchs in unmittelbarer Nähe zu dem bewaffneten Konflikt auf, der die politische Bühne – und Bildkultur – des Landes seit über 50 Jahren beherrscht. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt der Künstler in Cali und nutzt Malerei, Performance, Installation und Video, um die komplizierten Verstrickungen der Geschichte Kolumbiens und seiner ständig wechselnden Protagonisten und ideologischen Positionen aufzuzeigen. Sein immenses eklektisches Oeuvre nähert das Schaffen bildender Kunst dem Schreiben von Kulturgeschichte an, das sich epischen, linearen Erzählungen mit ihren Versprechen von Auflösung und Fortschritt verweigert. (Obwohl sich die Mitglieder der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrages Ende 2016 auf eine Entwaffnung vorbereiten, zeigt die neuerdings wieder gestiegene Zahl der Morde an Anführern von Basisgruppen und Aktivisten, wie fragil dieser Friedensvertrag noch ist.)

In einer Reihe von dokumentarisch anmutenden Videos, die er mit einer billigen Handkamera beim Besuch einer entmilitarisierten Region im Süden Kolumbiens während der (gescheiterten) Friedensgespräche 1999–2002 drehte, beleuchtete Díaz die täglichen Freizeitaktivitäten der Guerillasoldaten und hob sich mit seiner empathischen Darstellung deutlich von den konventionellen Medienkarikaturen ab, die die Guerilla eindimensional als Erzfeind darstellen. Baño en el cañito (2000) wirft einen voyeuristischen Blick auf zwei heranwachsende Jungen, die friedlich in einem Fluss baden, sich sorgfältig zurechtmachen und dann in ihre Tarnanzüge steigen, während Los rebeldes del sur (2002) ein Konzert von Julian Conrado y los compañeros dokumentiert: einer FARC-Band, deren Leadsänger ein neuer Stern am Vallenato-Himmel war, bevor er sich der Revolution anschloss. Obwohl der Vallenato üblicherweise mit Liebe und Herzeleid assoziiert wird, gibt diese Musik seit langem dem täglichen Kampf der ländlichen Bevölkerung Ausdruck und fungiert damit als subtile Form von öffentlichem Protest. Der Vallenato ist außerdem eng mit der Kultur des Drogenhandels verflochten und vielleicht wichtiger noch zu einem zentralen Symbol von Nationalstolz und nationalem Selbstverständnis geworden.

Eine spätere Reihe von Arbeiten mit dem Titel La flor caduca de la hermosura de su gloria (2011) beschäftigt sich eingehender mit der Rolle von volkstümlicher Musik bei der Konfiguration eines politischen Subjekts und Diskurses. Ausgangspunkt der Arbeit ist Díaz’ enorme Plattensammlung, darunter Singles, die bekannte Musiker zwischen 1970 und 1988 für den Präsidentschaftswahlkampf aufnahmen, und Alben, deren Cover ein ästhetisches Gangster/Guerilla-Produkt der US-amerikanischen Filmindustrie und der kubanischen Revolution sind. Die Installation aus Albumcovern ist mit einem Soundtrack aus Ranchera-, Bolero- und Vallenato-Musik unterlegt und durchsetzt mit großformatigen Kopien in Acrylfarbe sowie Kohlezeichnungen, deren Zeichenkohle aus der Kokapflanze stammt. In vielen seiner Arbeiten verwendet Díaz das kulturell negativ besetzte Material nicht nur als Medium, sondern auch als Gegenstand. Ähnlich zeichnet er in Quimeras (2015) mithilfe von Albumcovern aus mehreren Jahrzehnten kulturgeschichtlich nach, wie staatliche Stellen, Privatkonzerne, die guerilla und sogar die Kartelle ihre wirtschaftlichen Interessen und ideologischen Positionen über popkulturelle Formen ausüben.

Neben seiner Tätigkeit als Einzelkünstler ist Díaz Gründungsmitglied von Helena Producciones, einem interdisziplinären Kollektiv, das vor allem für die Organisation des International Performance Festival im kolumbianischen Cali bekannt ist. Das Festival ist seit 1997 eine wichtige Plattform für etablierte und Nachwuchskünstler aus dem In- und Ausland.

Text: Michele Faguet
Übersetzung: Claudia Kotte


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