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Schon die ersten Einstellungen von Mira Fornays zweitem Langfilm Můj pes Killer (My Dog Killer) sind von packender Intensität: Zuerst ein Beinahe-Standbild – das idyllische Panorama eines slowakischen Weinbergs im dunstverhangenen Licht der aufgehenden Sonne. Jäh unterbrochen von einem Kampfhund, der sich in ein herabhängendes Stück Tau verbeißt und trotz Befehls seines Herren, des jungen Skinheads Marek, nicht loslässt. Das Bild und die Geräusche des an dem Seil hängenden Hundes wirken genauso lächerlich wie beängstigend. Sie nehmen das alltägliche Drama von Mareks Dasein vorweg.
Der Film folgt ihm einen Tag lang. Mira Fornay zeigt Mareks Zerrissenheit zwischen seiner Neonazi-Gruppe, seiner zersplitterten Familie und besonders gegenüber seinem kleinen Halbbruder Lukas, dessen Vater ein Rom ist. Es gelingt ihr in beiläufigen, alltäglichen Gesten die vielfältigen Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung, denen Roma und Sinti in der Slowakei ausgesetzt sind, einzufangen. Marek und seine Freunde werden dabei nicht als das personalisierte Böse diffamiert – trotz rassistischer und sexistischer Sprüche und Handlungen. Mira Fornay will weder moralisieren noch zu stark psychologisch deuten.
Die amerikanischen Rezensenten des Hollywood Reporters und von Variety hinterließ die Offenheit ihres an entscheidenden Stellen elliptischen Erzählens etwas ratlos. Anke Sternborg schrieb dagegen in der Süddeutschen Zeitung: „Mira Fornay zeigt die im Umbruch befindliche Slowakei mit wortkargem Realismus, ihre Laiendarsteller bringen dafür das richtige Lebensgefühl mit.“ (20.3.14) Und das Online-Magazin NEGATIV lobte: „My Dog Killer ist ein Beispiel für kompromisslose Kunst, die die Aufmerksamkeit und den Dialog fördert. Er ist ein Beispiel notwendiger Kunst, die ihre Augen nicht verschließt. Dasselbe kann man über die Schöpferin Mira Fornay sagen, die niemals zögert, sich zu äußern. Nach beachtlicher Erfahrung mit Kurzfilmen ist dies erst Fornays zweiter Langfilm. Und sie hat noch eine Menge zu sagen.“ (Dennis Vetter, 4.4.14)
Auch in Lištičky bedingen politische Zusammenhänge die Geschichte, werden aber nicht explizit thematisiert: Mira Fornay erzählt von zwei slowakischen Schwestern, die in Irland ihr Glück suchen. Sie verlässt dabei den dokumentarischen Realismus zugunsten einer etwas poetischeren Variante: Die Hauptfigur beispielsweise entwickelt ein unvermutetes Doppelleben, und die titelgebenden Füchse werden zum Symbol für das Schattendasein mancher Immigranten. „Obwohl Füchse seit beinahe einem Jahrhundert in Dublin leben“, erklärt Mira Fornay dazu, „halten die Leute sie immer noch für Aliens – genauso wie manche von uns Immigranten in ihrer Nachbarschaft wahrnehmen. Immigranten sind wie urbane Füchse – sie leben von den Resten.“
Mira Fornay konzentriert sich auf die nächsten Beziehungen ihrer Protagonisten, um so genau und subtil wie möglich von oft zu plakativen Aussagen reizenden gesellschaftlichen Schlagworten wie „Rechtsradikalismus“ (Můj pes Killer) oder „Wirtschaftsflucht“ (Lištičky) zu berichten. Das gelingt ihr zum einen aufgrund ihrer herausragenden Schauspielführung der Laiendarsteller, zum anderen, weil sie gründlich recherchiert und dann minutiös beobachtet. Ihr Erzählen mutet beinahe dokumentarisch an – Handkamera, keine Musik und beinahe Deckungsgleichheit von erzählter und abgebildeter Zeit. Sie bleibt ganz nah an den Figuren und ihrem Alltag.
Für diese konsequente Haltung als Filmemacherin erhielt Mira Fornay zahlreiche Preise. Ihr zweiter Langfilm Můj pes Killer (My Dog Killer) wurde beim Filmfestival in Rotterdam 2013 mit dem prestigeträchtigen Tiger ausgezeichnet und zu über vierzig Festivals weltweit eingeladen. Er erhielt unter anderem beim Münchner Filmfest den CineVision-Preis und den für die beste Regie in Vilnius. Ihr Debütfilm Lištičky (Füchse) feierte 2009 seine Premiere auf dem Filmfestival in Venedig und wurde ebenfalls zu den wichtigsten A-Festivals der Welt eingeladen.
Mira Fornay wurde 1977 in der damaligen ČSSR geboren. Als Tochter eines Kameramanns hatte sie nie einen anderen Berufswunsch als Filmemacherin. Sie studierte dann auch Regie an der Prager FAMU und an der National Film School in Großbritannien. Sie realisierte bislang zwei Spielfilme und dreizehn Kurzfilme. Mira Fornay führt nicht nur Regie bei ihren Filmen, sie schreibt und koproduziert sie auch. Ihr jüngster Kurzfilm Gardeners lief jüngst auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam 2016.
In Berlin will sie weiter an dem Drehbuch zu ihrem dritten Spielfilm, Cook, F**k, Kill (Frogs with No-Tongues) arbeiten, das bereits bei den Sofia Meetings 2014 den Hauptpreis für neue Projekte gewann und von Marianne Slot von Slot Machine, den Koproduzenten der Filme von Lars von Trier, produziert wird. Der Film beschäftigt sich mit häuslicher Gewalt, wählt dafür aber die ungewöhnliche Struktur eines Computerspiels. Der Kunstgriff der Virtualität erlaubt Mira Fornay dabei, die Handlung dreimal alternativ aufzurollen und die Hauptfigur abrupt das Geschlecht wechseln zu lassen.

Text: Maike Wetzel



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Filme (Auswahl): 2013 Můj pes Killer (My Dog Killer/Spielfilm, 35 mm, 90´) 2009 Lištičky (Füchse/Spielfilm, 35 mm, 83`) 2004 Alzbeta (Kurzfilm, Mini DV, 18´) 2002 Small Untold Secrets (Kurzfilm, 35 mm, 22´)
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