Gäste Profil Veranstaltungen Chronik Bewerbung
Kontakt/Impressum
Publikationen
Newsletter
Blog andere Programme
In einem Interview von 2007 antwortete Yan Jun auf die Frage nach den möglichen Verbindungen zwischen der wachsenden chinesischen Experimental-Musikszene und der politischen und ökonomischen Entwicklung des Landes:

”Das Experimentelle ist ein bedeutendes Charakteristikum der chinesischen Gesellschaft und der Menschen. In den letzten 30 Jahren haben die Menschen mit allem experimentiert. Dementsprechend ist fast alles hier echt Avantgarde.” (World New Music Magazine/ISCM, 2007)

Dies ist eine treffende Beschreibung sowohl der Gesellschaft als auch der Musikszene, die große Veränderungen in sehr kurzer Zeit erfahren hat, so dass man fast von einer beschleunigten Zeit reden müsste. Die Musik- und Kunstszene hat eine Vielzahl neuer und verschiedenartiger Einflüsse gleichzeitig aufgenommen, und dies war ein wichtiger Baustein einer beginnenden vitalen und experimentellen Kultur, die schon schnell die etablierten Kategorien von Genres und Stilen aufgelöst hat. Anstelle von einer abendländisch geprägten „E-“ und „U-“Kultur, macht es für China, wie für andere Länder Ostasiens, mehr Sinn, allgemeiner von „Mainstream-“ und Alternativkultur zu reden.

In China ist alternative Musik in den 90en Jahren schier explodiert, mit einer Mischung von Einflüssen aus amerikanischer experimenteller Musik, Rock, Punk-Rock, Filmmusik, Videospielen, Jazz und Improvisation. Der Markt wurde übergeschwemmt von Kassetten, CDs und VHS, und mit der Internetrevolution kamen die Möglichkeiten, Internetradio zu hören und mp3s herunterzuladen. Die verschiedenen musikalischen Universen sind sich so näher gekommen. Experimentelle Musiker spielten in China und die persönlichen Entscheidungen einzelner Musiker in China, die diese Musik aufgriffen, haben einen starken Einfluss auf die Nachfrage neuer kultureller Impulse ausgeübt.

Yan Jun hat weder eine klassische musikalische Ausbildung noch einen Musikhochschul- Hintergrund. Er ist vielmehr aus der blühenden Rock- und der allgemeinen „Kunst und Kultur“-Szene hervorgegangen und hat darin selbst ein wichtige Rolle gespielt, sowohl als Musiker und Künstler als auch als Kurator und Veranstalter. Yan Jun ist 1973 geboren, er ist in der Stadt Lanzhou im Provinz Gansu aufgewachsen, wo er sich während seiner Teenager-Jahre mit Poesie beschäftigte. Er wohnt seit 1999 in Beijing, wo er als Musikkritiker arbeitete, mit Schwerpunkt auf chinesischem Underground-Rock. Er hat 2000 die Plattenfirma Sub Jam gegründet, die seitdem eine große Anzahl chinesischer Alternativmusik veröffentlicht hat. 2004 begann er, seine eigene Musik zu machen. Das erscheint vielleicht relativ spät. Andererseits kann sein Musikmachen als eine von verschiedenen Ausprägungen von Yan Juns allgemeinen Kulturaktivitäten betrachtet werden, in denen Musikmachen, Performancekunst und Poesie sowie Journalistik und kuratorische Arbeit zusammenfließen.

Yan Juns Ästhetik ist wie eine Reflektion dieses grenzenlosen, nicht-hierarchischen musikalischen Schmelztiegels, wo alles möglich scheint. Sein hauptsächliches Klangmaterial sind Field Recordings und Geräusche, wobei deren Klangcharakteristika neben Geräuschhaftigkeit Hochfrequenzen und die Untersuchung der Stille sind. Er tritt live auf und benutzt “Lo-Tech”-Geräte. Oft improvisiert er, solo oder zusammen mit anderen Musikern; folglich gehört er auch zur internationalen Improvisationsszene. Als Komponist und Musiker sondiert er auch die klingende Auswirkung von Körperbewegungen, arbeitet mit Video, macht Klanginstallationen und schreibt eigene Texte für seine medialen Werke. Es kann nicht überraschen, dass er sowohl bei der Shanghai Biennale präsentiert wurde, als auch ein Honorarium Erwähnung beim Prix Ars Electronica erhielt. Zudem war er zu den internationalen Poesie Festivals in Berlin und Rotterdam eingeladen.

Mit und durch verschiedene Medien untersucht Yan Jun die poetischen Seiten und Bedingungen des Alltäglichen und grundlegender Materialen, wie einige seiner Werke der letzten Jahre illustrieren. Für “Living Room Tour” in Beijing 2014 hat Yan Jun verschiedene Privatwohnungen bespielt und daraus eine Collage von Audio- und Videoaufnahmen erstellt. In der Live-Performance “Gestures (Two)” entwickelt sich die Szene einer sich langsam bewegenden und stillen Gestalt, deren Bewegungen von sie umkreisenden Fotografen erfasst werden. In dieser ziemlich reglosen und stillen Performance sind die Geräusche des Kameraauslösers und die Blitze wie ein minimalistischer Kommentar von Aufführung, Zuhören und Dokumentation.

In “Let's act”, 2014 in Rotterdam aufgeführt, verknüpft Yan Jun geschickt die verschiedenen kulturellen Aktivitäten, die sein Oeuvre ausmachen. Ein Text von Yan Jun über Geräusche und die Möglichkeit ihrer Instrumentalisierung ist neben Field Recordings und Videoaufnahmen des Alltags gestellt. Hier werden Geräusche, eher als durchkomponiert, thematisch mit wesentlichen Aspekten des Lebens wie Kommunikation und sozialen Versammlungen verknüpft. Das Werk, entfaltet somit einige der zentralen Eigenschaften seiner Kunst und Musik und führt sie künstlerisch zusammen. Yan Juns Werke verfügen, obwohl eine Vielzahl von Mitteln benutzt wird, über eine starke Konzentration und Fokussierung auf den Alltag und die Materialität einer visuellen und auditiven Wirklichkeit.

Andreas Engström



Print
Veranstaltungen beim DAAD
Lecture an der UdK Berlin

Konzertabend

Darkness, Body Movements & Constructions

Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik

Topophilia / Topophobia

im Rahmen von Topophilia / Topophobia

FEN - Far East Network

one of us

Gastprofessuren
curating connections
Künste & Medien
Artists in Residence am PIK