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Transkribierte Realitäten

Mediale Vermittlungsprozesse bilden den Grund für viele Arbeiten der 1973 in London geborenen Komponistin, Künstlerin, Kuratorin sowie Performerin Joanna Bailie. Nicht selten werden Rhythmen oder Klangfarben der Umgebung zu Ausgangspunkten und Akteuren der kompositorischen Zugriffe. Aufgenommene, teils bearbeitete Sounds entspinnen ein Gewebe zwischen instrumentalen Farben, mikrotonalen Harmonien und visuellen Elementen. Die gefundenen Klangobjekte eröffnen Narrative, die eine ganz eigene kompositorische Welt in Werken zwischen Soloinstrument mit elektronischem Zuspiel über Orchesterwerke bis hin zu multimedialen Installationen entfalten.
In Symphony-Street-Souvenir (2009/11) verbindet Joanna Bailie beispielsweise auf subtile Art und Weise über mikrotonale Felder den Klangraum eines Kammerorchesters mit der Weite urbaner Geräuschszenarien. Die zerbrechliche Intimität kindlicher Spieluhren wird allmählich mit raumgreifenden Glissandi verwoben, die im nächsten Augenblick von Motorenlärm und Glockenklängen der Großstadt torpediert werden. Ein ereignisreiches Mit- und Gegeneinander von geräuschhaften ,objet trouvés‘ und orchestralen Bewegungen.
Verkehr, Glocken, aber auch Jahrmarktszenen werden immer wieder zum Ausgangspunkt des künstlerischen Schaffens. Joanna Bailie analysiert ihr Material, das durch Filter oder Betonung bestimmter Frequenzbänder auf ein gezieltes Hören hin ausgerichtet wird. Die Aufmerksamkeit muss sich immer wieder den auditiv komplexen PhänomeneN unseres Alltags widmen, um zu erkennen, welche musikalische Vielfalt bereits darin steckt. Joanna Bailie setzt zur Transkription der Realität an und reflektiert damit sogleich die den Prozess prägenden Medien. Diese Übersetzungsprozesse zeigen einerseits die radikalen Konsequenzen medialer Transkriptionen, auf der anderen Seite stellen sie ebenso unsere tagtägliche Wahrnehmung in Frage. Was geschieht mit der Kontinuität der Welt in analogen und digitalen Übersetzungsprozessen? Wie verändert eine selektive Wahrnehmung unsere Auffassung der Realität?
Die Installation Analogue (2011) spürt diesem Zusammenspiel von analog visuellen und diskret auditiven Transkriptionsprozessen nach. Wie das nach innen geführte Außenbild nimmt auch der Klang durch mediale Formungen eine veränderte Erscheinung an. Diese auf den Prinzipien der Camera Obscura beruhende Interaktion von Innen und Außen, von Realität und medial vermittelter Realität schärft die Wahrnehmung unserer alltäglichen Umgebung.
Joanna Bailie stellt damit sogleich auch immer wieder die Frage nach dem Komponieren in diesem je eigenen Lebensraum. Wie stehen sich kontinuierlich komplex entwickelnde Klangfelder der Alltagswelt und temperierte Stimmungen klassischer Kunstmusik gegenüber? Und wie können diese in Bezug zueinander und in Interaktion miteinander gebracht werden? Musikalische Klangwelten an den Grenzen abendländischer (Kunst)Musik und darüber hinaus im Zusammenspiel mit anderen Künsten oder Medien bilden den Raum für Joanna Bailies Arbeiten: Musik und Tanz, Musik und Performance, Musik und Klang/Sound, um nicht zu sagen „music and real life“.

Fabian Czolbe

Foto Kai Bienert (Joanna Bailie re. im Gespräch mit Lydia Rilling li.)


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