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Viel ist in den vergangenen Jahren über den weltweiten Boom einer „neuen“ Literatur aus „Afrika“ geschrieben und gesprochen worden. Vor allem ein Begriff machte dabei von sich Reden: 2005 prägte Taiye Selasi den Begriff der Afropolitains, womit sie eine junge Schriftstellergeneration beschreibt, die ihre Wurzeln in Afrika, ihr Zuhause aber in einem kosmopolitischen Überall hat. Wenige Jahre später wird der Schriftsteller und Journalist Binyavanga Wainaina – 1971 in Kenia geboren – zu einem der schärfsten Kritiker des Afropolitain-Konzepts: 2012 wirft er diesem in einem Vortrag mit dem provozierenden Titel: „I am a Pan-Africanist, not an Afropolitain“ krude Anbiederung an die Mechanismen eines stark vom Westen dominierten Marktes vor. Binyavanga Wainaina propagiert im Gegenzug eine afrikanische Literatur, die er als „spektral“ definiert: Ihr stärkster Motor und Promoter sei das Internet, dessen sich all jene Autorinnen und Autoren afrikanischer Länder bedienten, die aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Wohnortes keinen Zugang zum westlichen, immer noch vorwiegend anglo-amerikanisch geprägten Buchmarkt hätten. Das Internet, so Wainaina, helfe ihnen, sich von den Zwängen und Zwangsmechanismen ebendieses Buchmarktes zu befreien. Binyavanga Wainaina weiß aus erster Hand, wovon er spricht: Als er 2002 die autobiografisch gefärbte Kurzgeschichte „Discovering Home“ beim renommierten Caine Prize for African Writing einreicht, wird der Text fast nicht genommen, weil dieser bis dahin nur in einer Online-Version erschienen war und nicht, wie gefordert, in einer gedruckten Fassung. Binyavanga Wainainas beißende Antwort per E-Mail: In den vergangenen zehn Jahren sei nur eine einzige Anthologie mit Texten von Autoren aus afrikanischen Ländern erschienen; er wüsste daher gerne, aus welchen Quellen das Komitee die zur Wahl stehenden Texte beziehe. Dem Komitee schienen die Argumentation und das Selbstbewusstsein dieses Kenianers zu gefallen: „Discovering Home“ wird zur Siegergeschichte gekürt. Mit dem Preisgeld gründet Binyavanga Wainaina den Kwani-Trust: 2003 erscheint die erste Ausgabe von Kwani?, einer umfangreichen Zeitschrift, die fortan zur Heimat und zum Sprachrohr einer neuen, bis dahin unbekannten Generation afrikanischer Autoren und Autorinnen wird. Der Zeitpunkt, zu dem Kwani? erscheint, ist kein zufälliger: Kenias langjähriger, autokratisch herrschender Präsident Daniel Arap Moi hatte seinen Platz für den demokratisch gewählten Nachfolger Mai Kibaki geräumt. Es herrschte politischer und intellektueller Frühling im Lande: Zeitungen, Radiosender, die Künste und eben auch die Literatur befreiten sich vom Mief der vorangegangenen Repressionen und Einschränkungen. Was es bedeutete, in dieser Zeit der Repressionen aufzuwachsen und als Angehöriger der Gikuyu nicht dem Stamm des Regierungsoberhauptes zugerechnet zu werden, schildert der Autor in seinem Erinnerungsbuch „Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben“: Obwohl er und seine Schwester beste Noten in der Schule haben, wird ihnen kein Platz an weiterführenden Schulen gegeben. Auf einem Flug drangsaliert eine Stewardess den jungen Mann mit der wiederholten Frage nach seinem Namen und damit seiner Herkunft. Durchgehend im Präsens geschrieben und verfasst aus der vor Fantasie überschäumenden Perspektive des Heranwachsenden ebenso wie aus der kühlen Rückschau des weltgewandten Intellektuellen, entstehen so detailverliebte autobiografische Szenen, in der Zeitgeschichte, Popkultur und das Familienleben fließend ineinander übergehen. In ihrer expliziten Bildlichkeit – der Autor jongliert gekonnt mit Sprachen, Dialekten, Tönen und Klängen – geben diese persönlichen Erinnerungen zugleich allgemeingültig Aufschluss über die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche im postkolonialen Ost- und Südafrika, wo Binyavanga Wainaina in den frühen 1990er Jahren seinem Vater zuliebe Betriebswirtschaft studiert, sich aber nichts sehnlicher wünscht, als endlich Schriftsteller zu werden. Ein Fremder wird er nicht zuletzt auch deshalb in Südafrika sein – und fremd fühlte er sich schon als Kind im eigenen Land: „Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben“ liefert ebenso eindringliche Schnappschüsse über seine Außenseiterposition als Sohn einer Mittelklassefamilie – und als Sonderling, der sich am liebsten mit Büchern in seinem Zimmer verschanzt. Das Erinnerungsbuch, angesiedelt zwischen den Jahren 1970 und der Gegenwart, ist insofern auch Ausdruck seiner Suche nach der eigenen, nicht nur nationalen Identität – einer Suche, die vielleicht erst in jenem Moment zu einem ersten Abschluss kam, als Binyavanga Wainaina sich Januar 2014 öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. In Kenia hatte sich zu diesem Zeitpunkt die homophobe Rhetorik extrem verschärft; im Nachbarland Uganda – dem Geburtsland seiner Mutter – war ein Gesetzesentwurf im Parlament eingebracht worden, der für diverse homosexuelle Akte die Todesstrafe vorsah. Das Coming-out darf insofern als bewusster Akt der Provokation verstanden werden. Aus dem Kwani-Trust ist inzwischen ein ausgewachsener Verlag geworden, in dem nun auch berühmte Namen aus den verschiedensten Ländern Afrikas veröffentlicht werden. Kwani? versteht sich dabei vor allem als ein Ort, an dem der Kontinent sich selbst als Ort für Geschichten präsentieren kann. Es ist Binyavanga Wainainas Antwort auf das mit allgefälligen Klischees gespickte Bild einer westlich definierten „Afrika-Literatur“, welches er 2005 in seiner beißenden Satire „How to Write About Africa“ einer glänzenden Analyse unterzogen hat. Die Satire wird zu einem Standardwerk für Debatten rund um den Globus – und zum Aushängeschild des Schriftstellers: 2008 erhält er die Sterling-Brown-Gastprofessur am Williams College; 2008 bis 2012 leitet er das Chinua Achebe Center for Writers and Artists am renommierten Bard College in New York. Schon Chinua Achebe hatte gefordert, dass der afrikanische Kontinent aus der Sicht seiner Bewohner beschrieben werden müsse. Auch Binyavanga Wainaina bleibt trotz wachsenden Erfolgs im Westen unbequem: Eine im Auftrag der EU gefertigte Erzählung über den Sudan wurde nicht publiziert, weil der Autor noch vor der Gründung im Jahr 2011 vom „Südsudan“ als eigenem Staat geschrieben hatte und es ablehnte, seine Wortwahl zu korrigieren. Dennoch: Von der literarischen Landkarte – nicht allein des anglofonen Afrika – ist der Schriftsteller Binyavanga Wainaina nicht mehr wegzudenken.

Text: Claudia Kramatschek

Foto: Msingi Sasis


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Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben. Erinnerungen. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. AfrikaWunderhorn. Verlag Das Wunderhorn. Heidelberg 2013.
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