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1963 zerfällt die mazedonische Stadt Skopje bei einem Erdbeben in Schutt und Asche. Das heutige Skopje ist längst wieder ein vibrierender städtischer Kosmos. Doch wer die Stadt durchquert, kann dort noch immer ein beredtes Schweigen vernehmen, ein leises Wispern, das voller Stimmen ist. Dieses beredte Schweigen ist vielleicht das markanteste Kennzeichen von Nikola Madzirovs Schaffen. Obwohl er zehn Jahre nach dem Erdbeben zur Welt gekommen ist – 1973 –, und das nicht in Skopje, sondern in Strumica nahe der bulgarischen Grenze, bildeten Erzählungen über das Erdbeben und die vollständig zerstörte Stadt Teil auch seiner Kindheitserinnerungen. Sein Geburtsort Strumica ist dabei – wie ganz Mazedonien – selbst ein Ort vielfacher Brüche und Umbrüche. Schlag auf Schlag wechselten auch dort nach den Balkankriegen 1912/1913, die das Ende des Osmanischen Reichs zur Folge hatten, die Herrscher und Besatzer, da die geografische Region Mazedonien zwischen Serbien, Griechenland und Bulgarien aufgeteilt wurde. Strumica liegt zudem auf jener seismischen Grenze, an der die Kontinentalplatten von Europa und Kleinasien beständig aneinanderreiben: Ein zeichenhafter Ort also, dem die Geschichte im Laufe der Jahrhunderte gewaltsam eingeschrieben worden ist. „Geschichte ist die erste Grenze, die ich überschreiten muss“, schreibt Nikola Madzirov denn auch programmatisch in seinem Gedicht „Entdeckung“: Seine Gedichte sind allesamt Entzifferungen einer in Ruinen liegenden Welt, wobei der Wahrnehmungsradius sich nicht allein auf die jüngsten Kriege beschränkt, die den Balkan im 20. Jahrhundert heimgesucht und Stein für Stein umgewälzt haben. Nikola Madzirov – dem Nostalgie wie Zynismus gleichermaßen fremd sind – denkt vielmehr in größeren, ja unzeitgemäßen, da „ewig“ anmutenden Zyklen: Strumica ist für ihn zugleich der Ort, der im Werk von Ptolemäus ebenso anzutreffen ist wie bei Plinius; der byzantinische wie osmanische Spuren in sich trägt; wo mittelalterliche Klöster und Kirchen ebenso zu finden sind wie antike Nekropolen und römische Bäder. Ebendiese Überlagerungen vergangener Epochen sind die Hinterlassenschaften, die Nikola Madzirov in seinen Gedichten evoziert. Immer schon ist die Gegenwart bei ihm ein Schatten der Vergangenheit: „Ein Überbleibsel eines anderen Jahrhunderts sind wir“, heißt es in „Wenn die Zeit aufhört“. Seine Gedichte bieten Herberge für die „Wörter kondensierter Abwesenheiten“ (in: „Der Himmel tut sich auf“). Mit ihrer Hilfe lotet der Dichter nicht weniger aus als das Verhältnis zwischen dem Ab- und dem Anwesenden: zwischen dem lärmenden Getöse der Geschichte mit großem „G“ und dem Nachhall all dessen, was keinen Eingang ins offizielle Erinnerungsalbum gefunden hat. „Über den Fall von Königreichen und Epochen wird geschrieben, nicht über den Greis, der das Spielzeug betrachtet, welches die Bulldozer ausgegraben haben.“ („Eine Art zu existieren“) Als sein Gedichtband „Versetzter Stein“ 2011 auf Deutsch erschien, stieß Nikola Madzirov – der regelmäßig auf allen wichtigen internationalen Lyrik- und Literaturfestivals für Furore sorgt – mit seiner Arbeit auch hierzulande auf einhellige Begeisterung. Man lobte seine Einfühlung, die zurückhaltende Schlichtheit seiner Verse, seine Ungekünsteltheit bei gleichzeitiger Konzentriertheit der Bilder. In Mazedonien gilt er schon lange als führende Stimme der zeitgenössischen Literatur. Nebenbei ist er zudem als literarischer Übersetzer tätig: So hat er – um nur einige zu nennen – u.a. die Werke von Georgi Gospodinov, Slavenka Drakulić oder auch David Albahari ins Mazedonische übertragen. Er selbst bezeichnet sich übrigens als „unfreiwilligen Nachfahren“ von Flüchtlingen: Seine Familie wurde wie viele andere im Zuge des Balkankrieges gezwungen, das eigene Haus, die eigene Heimat zu verlassen. Nicht nur seinem Nachnamen hat sich das eingeprägt: Das Wort Madzirov stammt ab von „madzir“ bzw. „mujahir“, was so viel wie „Mensch ohne Heimat, ohne Heim“ bedeutet. Im Dazwischen ist auch seine (inzwischen in mehr als 30 Sprachen übersetzte) Lyrik zu Hause: Die Idee der Heimatlosigkeit ist darin zentral und allgegenwärtig. Mehr noch: Diese Lyrik kündet von einer spirituellen Heimatlosigkeit, die Madzirov bewusst positiv umdeutet zu einer Möglichkeit des Wandels, einer Offenheit jenseits fixer Identitäten, jenseits des drängenden Wunsches nach fest umrissener Zugehörigkeit: „Die morsche Tür der Welt öffnen“, so schreibt er in „Was ist zu tun?“, „und mit luftigen Schritten fortgehen“. Mögen seine Gedichte melancholisch, manchmal vielleicht gar düster klingen, beseelt sind sie von einem äußerst zärtlichen Blick auf die Fragilität der Welt: „Alles ist Liebkosen. Der Schnee faltet seine Flügel über den Hügeln, ich falte die Hände über deinem Körper wie ein Metermaß, das sich nur auf die Länge der anderen Dinge ausziehen lässt“, heißt es in „Alles“. Vor allem aber wirkt in ihnen ein unbeirrbarer und heilsamer, da tröstlicher Glaube an die Beständigkeit der Welt eben im Wandel. In seinem Gedicht „Wenn jemand fortgeht, kehrt alles Erschaffene zurück“ versichert Madzirov uns: „Nichts ist neu. Der Sitz im Omnibus ist immer warm. Die letzten Worte werden wie schiefe Eimer zu einem gewöhnlichen Sommerbrand geschleppt. Morgen wird sich dasselbe aufs neue wiederholen – bevor das Gesicht von der Fotografie verschwindet, wird es zuerst seine Falten verlieren.“ Diese poetische Distanz, die er wahrt zu allem Seienden, wäre ein guter Ratschlag auch für das 21. Jahrhundert, das von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht wird und sich erneut blutige Kriege im Namen von Religion, Herkunft und Heimat liefert. Wir sind, so scheint uns dieser Dichter zuzurufen, doch längst am anderen Ufer der Zeit angekommen. Und nichts, so seine Lehre, existiert unabhängig von uns selbst: „Die Erde, aus der ich geschaffen bin, ist eingemauert in mein Heim“, lauten die Schlussworte im Band „Versetzter Stein“.

Text: Claudia Kramatschek

Foto: Thomas Kierok

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Versetzter Stein. Gedichte. Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann. Edition Lyrik Kabinett, Hanser Verlag. München 2011.
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