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Hierzulande ist er noch immer eher unbekannt – in seiner Heimat dagegen gilt Yitzhak Laor als literarisches Enfant terrible. Tatsächlich hat Israel in dem Schriftsteller und Lyriker nicht nur seinen sprachgewaltigsten, sondern auch seinen bissigsten Kritiker gefunden. 1948 kommt Yitzhak Laor in einem kleinen Dorf nördlich von Hadera zur Welt. In diesem Dorf gehen zu seiner Zeit Schönheit und Tod, Geborgenheit und Gewalt Hand in Hand: Auf der einen Seite des Ortes lebten die Siedler in geordneten Häusern, auf der anderen Seite KZ-Überlebende und Neueinwanderer aus dem Vorderen Orient in ärmlichen Notunterkünften. Von Anfang an, so Yitzhak Laor, sei seine Beziehung zur Welt geprägt gewesen von Gewaltsamkeiten, deren Zeuge er täglich mit eigenen Augen wurde. Als er 1972 seinen Militärdienst in den besetzten Gebieten antreten soll, weigert er sich und wird – ein kaum angenehmes Alleinstellungsmerkmal unter den israelischen Autoren – für wenige Wochen verhaftet. Bereits in den 70er Jahren macht Yithak Laor sich als Dichter einen Namen; 1992 erhält er den Bernstein-Poesiepreis. Anfang der 90er Jahre wechselt er zur Prosa, 1993 erscheint sein erster Roman „Das Volk, Futter für einen König“. Doch ob als Dichter, ob als Prosaautor: Von Anfang an fühlt Yitzhak Laor in beiden Genres seiner Heimat Israel – der Geschichte und dem Selbstverständnis dieses Landes – gehörig auf den Zahn, kratzt am Lack nationaler Mythen und Legenden. Stets geht er dabei mit derbem Sarkasmus wie mit zärtlich-melancholischer Poesie zugleich zu Werke. Wer etwa seinen zweiten Roman „Steine, Gitter, Stimmen“ (2003) zu lesen beginnt, wird unversehens in eine rasante Höllenfahrt versetzt. Alles beginnt mit der Parade einer turmhohen Panzerkolonne am 6. Juni 1982 entlang der Promenade am Strand von Tel Aviv. Der Libanonkrieg – den Laor als „Marsch der Dummheit in Reinform“ bezeichnet hat – beginnt. Und der Autor – 1982 gründet er ein Komitee gegen diesen Krieg – wird auch im Roman kein gutes Haar an diesem Wendepunkt der israelischen Geschichte lassen. Die alte Frage, wie vom Krieg erzählen, löst Laor dabei in Form eines vielstimmigen und vielköpfigen Erzählkaleidoskops: Mithilfe harter, quasi filmischer Schnitte und bar jeder Chronologie montiert er Geschichte und Geschichten zu einem wilden Steinbruch. Scharfkantig reihen sich die einzelnen Episoden aneinander, eine dabei greller, grotesker, böser und brutaler als die andere. Den Überblick in diesem Kaleidoskop zu behalten ist schwer – und das ist vom Autor bewusst gewollt: „Das Zickzack“, klärt ein Autorenkommentar den verwirrten Leser auf, „ist kein Trick des Erzählers. Unser Leben ist gewunden wie ein Gehirn oder ein Darm.“ Was dieses Kaleidoskop offenbart, ist eine bis in die privaten Beziehungen hinein von Gewalt grundierte Gesellschaft. Diese psychotische Liebe zur Gewalt persifliert der Autor ebenso wie den Fetisch der Identität, dem Israel in seinen Augen in krankhafter Weise anhängt. Seine Figuren tragen daher stets mehrere Identitäten in sich – und wissen oft nicht, ob der andere einen Feind, einen Bruder oder gar ein Double des eigenen Ichs darstellt. Dieses Sprechen, ja Stammeln in vielen Zungen und vielen Gestalten ist also mehr als nur eine ästhetische Vorliebe dieses Autors, der einem blanken Realismus von jeher die Gefolgschaft verweigert hat: Es ist sein literarischer Widerstand gegen die Vormacht der „einen Stimme“ in einem Land – gemeint ist seine Heimat Israel –, das sich verloren hat in den eigenen Deutungskämpfen seiner komplexen nationalen Kontur. Die komplexe und ergo widersprüchliche Wirklichkeit Israels verleiht auch Yitzhak Laors drittem Roman „Ecce Homo“ (2006) seine prägende Form: Erneut springt der von vielfachen Figuren und Parallelhandlungen getragene Kunstcharakter ins Auge. Gravitationszentrum des Romans ist ein alternder General; dessen Kriegstaten und Liebesaffären bilden zugleich die beiden wichtigsten motivischen Stränge. In drastischen Szenen gibt der Autor in diesem Roman die Führungsspitze des Landes – das Militär, die Politikerkaste, sprich alle, die das Sagen haben – schonungslos der Lächerlichkeit preis. Die Armee gilt als „verfettet, schlampig und arrogant“. Über den Umgang Israels mit den Palästinensern heißt es: „Was haben wir hier aufgebaut? Ein Leben auf ihrem Blut.“ Dennoch verfällt der Roman an keiner Stelle in simple Schwarz-Weiß-Schemata, sondern weiß sehr wohl zu differenzieren zwischen selbst verschuldeten und zu Unrecht von fremder Hand erlittenen Beschädigungen, die das Leben all jenen zufügt, deren Schicksal auch das Schicksal Israels ist. In einer doppelbödigen, da dialektischen Bewegung – wie sie kennzeichnend ist für Yitzhak Laors gesamtes Prosaschaffen – kritisiert der Autor beispielsweise den ständigen Rückverweis seiner Heimat auf den Holocaust als Verabsolutierung des eigenen Leids. Und doch begegnet man in diesem Roman zahlreichen Figuren, die allesamt versehrt sind von der Übermacht der persönlichen oder überlieferten Erinnerung daran. Aus diesem Zwiespalt – der unaufhebbaren Spannung zwischen der eigenen Geschichte und der Geschichte mit großem „G“ – entlässt Yitzhak Laor weder seine Figuren noch seine Leser. Immer enden seine Romane daher in offenen Schlussbildern, die vor allem eines vor Augen führen: die Verletzlichkeit der Lebenden. Aufgrund dieser grundlegenden Offenheit seien, so schrieb die Kritikerin Sigrid Brinkmann (in: Der Freitag, 10.2.2006) seine Romane zugleich zutiefst politisch, weil es, so Brinkmann, niemanden gebe, der darin unschuldig bleibt. Dass sich, so Brinkmann abschließend, „das Politische im Werk Laors so zwanglos mit dem Poetischen verbindet, macht es zu einem in der zeitgenössischen israelischen Literatur Unvergleichlichem“. (In: Der Freitag, 10.2.2006)

Text: Claudia Kramatschek

Foto: Amira Oppenheimer


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Steine, Gitter, Stimmen. Roman. Übersetzung: Markus Lemke. Unionsverlag. Zürich 2003. Ecce homo. Roman. Übersetzung: Markus Lemke. Unionsverlag. Zürich 2006.
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