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Prag, Mitte der 1970er Jahre. Eine Gruppe junger Künstler trifft sich regelmäßig abends im Untergeschoss des Museums für Angewandte Künste. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit zeigen sie dort Installationen oder kurze Aktionen, Performances mit dem Körper des Künstlers als einzigem Material. Karel Miler, Konservator an der Nationalgalerie, Petr Stembera und Jan Mlčoch, die im Depot desselben Museums arbeiten, Jiří Sevčik, Kunsthistoriker, stellen den harten Kern dieser Versammlungen dar. Jiří Kovanda ist der jüngste von allen, und wenn er auch mehrere Performances im Keller des Museums präsentiert, sind seine grundlegenden und prägenden Arbeiten doch vor allem auf den Straßen Prags entstanden. Allen voran »Divadlo [theater]«, eine Aktion, die aus verschiedenen einfachen Gesten besteht, welche im November 1976 in einer bestimmten Reihenfolge auf der Straße ausgeführt wurden, ohne dass jemand davon wusste. Andere, mehr oder weniger Sichtbare, aber ebenso flüchtige Gesten folgen: sich auf der Rolltreppe umdrehen und die hinter einem stehende Person mit dem Blick fixieren; Passanten auf der Straße im Vorbeigehen streifen; mit ausgebreiteten Armen auf dem Wenzelsplatz stehen; oder aber einige Freunde um sich versammeln und dann wegrennen und sich in den Straßen verlieren. Häufig endet die maschinengetippte Beschreibung, die als Dokumentation der Aktion dient und meist mit einer Fotografie versehen ist, mit Auslassungspunkten. Auf diese Weise hält Kovanda die Bedeutung seiner Aktionen in der Schwebe und verweist auf den möglichen Beginn einer Narration. Hierin unterscheiden sich die Beschreibungen von einem reinen Tatsachenbericht und eröffnen eine poetischere, romantischere Lesart. Deren Grundlage ist die Einsamkeit und die Unmöglichkeit der Kommunikation, welche dennoch ständig mit dem widersprüchlichen Wunsch verbunden ist, mit dem anderen in Kontakt zu treten. Diese Performances, so sagt Kovanda, »seien, als ob jemand gleichzeitig ja und nein sage«. Wie etwa die Performance »Versuch der Annäherung«, für die diesmal eine kleine Gruppe von Freunden eingeladen wurde, ihn aus einer gewissen Distanz beim vergeblichen Versuch zu beobachten, ein junges Mädchen auf der Straße anzusprechen. Dieser Aktion fehlt es nicht an Humor, doch geht es dabei auch um Scham, so wie in vielen anderen Arbeiten des Künstlers, die ihn, wenn auch nur vorübergehend, in eine peinliche Lage bringen. Jüngere Aktionen aus den 2000er Jahren spielen weiterhin mit dieser Selbstentblößung: »Kissing Through Glass«, wo Kovanda Passanten einlädt, ihn durch eine Glasscheibe auf den Mund zu küssen oder »Pure and Clear«, wo er Besuchern einer Ausstellung heimlich Bonbons in die Taschen steckt. Kovandas Gesten sind also immer mit einer Auflösung der Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum verbunden, einer sanften form von Intrusion, die mit sehr präzisem Maß Distanz, Nähe und die Erotik dieser Annäherungen verknüpft.
Kovandas Arbeiten, und das gilt auch für seine Installationen oder Skulpturen, spielen immer mit der gegebenen Situation, nie gegen sie. Die Formenvielfalt, mit der er umgeht, gefundene oder nur leicht veränderte Materialien, doch nur selten eigens Gestaltetes, folgen immer demselben Ethos: einer Ökonomie der Mittel und der Zeit, bei der es nie darum geht, irgendeine Virtuosität herauszustellen. Schließlich verschwindet sogar die Figur des Künstlers, an seine Stelle tritt eine schlichte und klare Geste, die sich den psychologischen Impulsen des Individuums widmet — und das mit einer einzigartigen Universalität.

Text: Francois Piron
Kamera/Schnitt: Uli Aumüller, Sebastian Rausch


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Veranstaltungen beim DAAD
Jiří Kovanda gegen den Rest der Welt

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Performance

Künstlergespräch mit Jiří Kovanda und Noemi Smolik

Hugging the Walls. A Tribute to Terry Fox.

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